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Gedenken an den Bürgerrechtsaktivisten Vincent Harding, der MLKs Rede gegen den Vietnamkrieg geschrieben hat

Von Amy Goodman Democracy Now!, 26.05.2014

In der heutigen Stunde gedenken wir des zukunftweisenden Historikers, Theologen und Bürgerrechtsaktivisten Dr. Vincent Harding. Er ist am 19. Mai [2014] im Alter von 82 Jahren in Philadelphia gestorben. Er lebte in Denver, war aber gerade in Pennsylvania, wo er in dem Einkehrzentrum der Quäker Pendle Hill unterrichtet hatte. Harding war ein enger Berater Dr. Martin Luther Kings und schrieb Kings berühmte Antikriegsrede "Jenseits von Vietnam: Es wird Zeit, das Schweigen zu brechen". King hielt die Rede am 4. April 1967 in der Riverside Church in New York City - genau ein Jahr, bevor er in Memphis ermordet wurde.

"In den letzten Jahren seines Lebens, sagte [King], Amerika habe mit etwas zu tun, das er ein dreifaches Übel nannte: das Übel des Rassismus, das Übel des Materialismus und die Übel des Militarismus", hat Harding 2008 in diesem Democracy Now!-Interview gesagt. "Und er sah, dass diese drei eng miteinander verbunden waren."

Democracy Now! interviewte Vincent Harding am 1. April 2008, drei Tage vor dem 40. Jahrestag von Kings Ermordung.

Es folgt das Transkript des Interviews und ein Auszug aus Kings Rede "Jenseits von Vietnam".

Transkript

AMY GOODMAN: Heute widmen wir die Sendung dem Gedenken an den wegweisenden Historiker, Theologen und Friedensaktivisten Dr. Vincent Harding. Er starb am 19. Mai [2014] im Alter von 82 Jahren. Harding war ein enger Berater Dr. Martin Luther Kings und schrieb dessen berühmte Antikriegsrede: "Jenseits von Vietnam: Zeit, das Schweigen zu brechen". King hielt die Ansprache am 4. April 1967 in der Riverside-Kirche hier in New York, genau ein Jahr, bevor er in Memphis in Tennessee, ermordet wurde.

Harding gehörte zu zahlreichen Bürgerrechtsgruppen, darunter die Southern Christian Leadership Conference, das Student Nonviolent Coordinating Committee und der Congress of Racial Equality. Nachdem King ermordet worden war, wurde Harding zum ersten Direktor des Martin Luther King Jr. Memorial Center und des Institute of the Black World. Später wurde er Professor an der Iliff School of Theology in Denver. Iliff-Professor George "Tink" Tinker nannte Harding "den wichtigsten Bürgerrechtsführer, von dem allerdings nicht jeder schon gehört hat".

Ich habe Vincent Harding am 1. April 2008, drei Tage vor dem 40. Jahrestag der Ermordung Kings in unserem Feuerwache-Studio interviewt. Das Interview fand während der historischen Präsidentschaftskandidatur Barack Obamas statt. Ich fing damit an, dass ich Dr. Harding bat, darüber zu sprechen, wo er am 4. April 1968 gewesen sei, als er erfahren habe, dass Dr. King getötet worden sei.

DR. VINCENT HARDING: Ich saß mit meiner Frau und unserem Freund Wilfred Cartey aus New York in dem berühmten Paschals-Motel-und-Restaurant in Atlanta. An diesem Abend aßen wir dort. Der Besitzer des Restaurants kam zu mir und flüsterte mir die erste Nachricht darüber ins Ohr, dass auf Martin geschossen worden sei. An diesem Ort war ich und ich werde niemals vergessen, dass ich dort war.

AMY GOODMAN: Und was haben Sie damals gedacht? Sie wussten zu der Zeit ja noch nicht einmal, dass er tot war.

DR. VINCENT HARDING: Nein, nein. Aber ich habe mir große Sorgen gemacht, dass er sterben könnte. Und meine Frau und Freddy und ich haben sofort über die Bedeutung gesprochen. Ich kann mich an nichts von dem, was wir gesagt haben, erinnern. Ich erinnere mich an den Schock, den ich damals bekommen habe, und dann, als die Nachricht durch das ganze Lokal ging, war klar, dass alle im Restaurant Anwesenden etwas durchfuhr.

AMY GOODMAN: Sie kannten Dr. King seit zehn Jahren.

DR. VINCENT HARDING: Ja.

AMY GOODMAN: Sie haben ihn ‘58 kennengelernt?

DR. VINCENT HARDING: Ja.

AMY GOODMAN: Wie haben Sie ihn kennengelernt?

DR. VINCENT HARDING: Ach, das ist eine sehr lange Geschichte, Amy. Aber ich will zusehen, ob ich es interessant machen kann. Wir waren fünf Mitglieder einer gemischtrassischen Kirche im Süden Chicagos, der Woodlawn-Mennonitenkirche, und hatten beschlossen, wir wollten unsere Überzeugungen über Brüderlichkeit wirklich erproben, so nannten wir es damals - drei Weiße, zwei Schwarze - und wir wollten in einen alten Kombiwagen steigen, in Little Rock in Arkansas losfahren und durch den Süden fahren, um einander zu schwören, wir würden uns nicht trennen lassen, weil wir den festen Glauben hatten, dass wir in einer von Gott gegebenen Weise Brüder seien. Als wir so fuhren, kamen wir nach Alabama und uns war klar, dass wir nicht in Alabama sein sollten, ohne Martin King zu sehen. Also riefen wir damals, als es weder Mobiltelefone noch Computer noch sonst etwas gab bei ihm zu Hause an und sagten Coretta, die wir noch nicht kannten, dass diese Irren durchfuhren und wir wissen wollten, ob wir ihn besuchen könnten.

AMY GOODMAN: In Montgomery.

DR. VINCENT HARDING: In Montgomery.

AMY GOODMAN: Als er Hauptpastor der Dexter Avenue Church war.

DR. VINCENT HARDING: Und noch mehr. Er erholte sich zu der Zeit gerade von der Verwundung, die er hier in New York City bekommen hatte und lag im Bett. Coretta sagte ihm, dass diese fünf Burschen da seien und wissen wollten, ob sie ihn besuchen kommen dürften. Und Martin sagte auf seine wunderbar liebenswürdige Weise: "Warum nicht? Sicher, kommt nur." Und als er hörte, dass wir eine gemischtrassige Gruppe seien und dass wir durch den Süden führen, wollte er uns unbedingt ermutigen. Also gingen wir ihn besuchen und er lag im Schlafanzug im Bett und wir haben ihm etwa eine Stunde seiner Zeit genommen und es war eine großartige Zeit. Und -

AMY GOODMAN: Das war ein paar Jahre nach dem -

DR. VINCENT HARDING: Montgomery-Busboykott, ja.

AMY GOODMAN: Montgomery-Busboykott, Rosa Parks setzte sich -

DR. VINCENT HARDING: Ja.

AMY GOODMAN: - in den Bus und er leitete die Montgomery Improvement AssociationDie Vereinigung Montgomery Improvement Association (MIA) wurde am 5. Dezember 1955 in Montgomery, Alabama gegründet und Martin Luther King zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Unter der Leitung von Martin Luther King und Edgar Nixon war MIA hilfreich, um den Busboykott in Montgomery anzuführen, einer erfolgreichen Kampagne, die den nationalen Blick auf die Rassentrennung im Süden der USA lenkte und King in das nationale Rampenlicht. Mehr zu der Boykott-Aktion siehe die Artikelsammlung auf der Lebenshaus-Website: Busboykott in Montgomery .. Als wir ihn besuchen gingen, erholte er sich gerade von einer Kugel, er sprach das an in sein -

DR. VINCENT HARDING: Es war keine Kugel, sondern ein Brieföffner. Damals wurde auf ihn eingestochen -

AMY GOODMAN: Ach richtig.

DR. VINCENT HARDING: - als er gerade auf einer Lesereise war.

AMY GOODMAN: Und er sagte: Wenn ich geniest hätte …

DR. VINCENT HARDING: Ja. Erst später hat er das zusammengelegt, aber das war die "Wenn-ich-geniest-hätte"-Situation, ja, dass er dann gestorben wäre.

AMY GOODMAN: Worüber haben Sie gesprochen?

DR. VINCENT HARDING: Ich erzähle Ihnen, woran ich mich erinnere, Amy, und das war, dass er, als wir gerade gehen wollten, zu dem anderen Schwarzen - er hieß George Edgar Riddick, Ed Riddick - und mir sagte: "Besonders ihr, weil ihr in dieser Friedenskirche seid, ihr versteht, was wir hier mit Gewaltfreiheit tun wollen. Ihr solltet herkommen und uns helfen", und das sagte er besonders zu Ed und mir. Und ich habe das nie vergessen. Und drei Jahre danach waren meine Frau und ich da unten im Süden und arbeiteten in der Bewegung und waren Martins und Corettas Nachbarn und Freunde.

Und ich erinnere mich auch, allerdings nicht an die Einzelheiten, dass wir über die Tatsache, dass wir wirklich Ärger haben wollten, indem wir so, wie wir waren, drei von fünf, durch den Süden fuhren. Er hatte einen wunderbaren Sinn für Humor und neckte ständig die Leute. Das ist eine Sache, an die ich mich erinnere. Das Gespräch, denke ich, war nicht besonders bedeutungsvoll. Wir drückten unsere gegenseitige Wertschätzung aus und ermutigten einander. Und eben, wie ich schon gesagt habe, seine Aufforderung an uns, nicht auszubleiben, sondern in den Süden zurückzukommen.

AMY GOODMAN: Dr. Harding, können Sie von den Bewegungen erzählen, die er anführte, zu denen er gehörte, von denen er inspiriert wurde und die er dann inspirierte, und wie sich das änderte, wie er sich in diesen zehn Jahren von ‘58 bis ‘68 entwickelt hat?

DR. VINCENT HARDING: Amy, ich bin froh, dass Sie es so ausdrücken, denn genau so sehe ich die historische Entwicklung. Martin war ursprünglich mit einem Bild, vielleicht einer Vision, nach Montgomery gegangen, dass er Pastor in der relativ kleinen Dexter Avenue Baptist Church, einer sehr bürgerlichen Kirche, sein werde und dann vielleicht Dekan in einem College für Schwarze dort in Montgomery werden würde. Es war die Aktion der Leute, besonders die, die durch Rosa Parks entzündet wurde, die ihm in einem tiefen Sinn dazu verhalf, das zu revidieren, was er tun wollte, und zu verstehen, warum er dort war. Daraus entwickelte er ein neues Selbstgefühl und gleichzeitig half er den Leuten, ein neues Selbstgefühl zu entwickeln. Und auf diese Weise führte diese Dialektik zwischen ihm und der Gemeinschaft zu einer Öffnung, die für das ganze Land zu einer Öffnung wurde, und schließlich auf vielerlei Weise für viele Teile der Welt.

AMY GOODMAN: Können Sie über das sprechen, was in Birmingham geschehen ist, wie er schließlich dort ins Gefängnis kam, wie er schließlich dazu kam, seinen Brief zu schreiben? Die Stellung, die er bezog, es war nicht nur gegen die weißen Behörden, es war nicht nur gegen die Leute, die das Sagen hatten, sondern sogar auch gegen die in der Gemeinschaft der Schwarzen, die meinten, er gehe zu weit.

DR. VINCENT HARDING: Birmingham 1963 scheint jetzt Lichtjahre entfernt zu sein, aber Tatsache ist, dass Martin von dem großartigen Verrückten Fred Shuttlesworth nach Birmingham eingeladen worden war. Dieser führte einen Kampf fast im Alleingang, um die Rassentrennung - die gewalttätige, terroristische Rassentrennung - in der Stadt Birmingham zu brechen, und dann Martin und das SCLC einlud. Sehr viele Leute in dieser Stadt hatten die Einstellung, die viele Menschen in ähnlichen Situationen haben: Das ist schrecklich, aber wenn wir versuchen, etwas dagegen zu tun, wird es noch schrecklicher, warum lassen wir die Dinge dann nicht lieber beim Alten? King und Shuttlesworth waren überzeugt, dass das geändert werden und dass diese Stadt herausgefordert werden müsse. Auch die Apathie vieler Leute musste geändert werden. Ich und meine Frau Rosemarie hatten das Glück, dass Martin uns bat, nach Birmingham zu kommen und ihm in dieser Situation beizustehen, besonders dabei behilflich zu sein, in dieser Situation Weiße zu finden, die versuchen und die Gelegenheit nutzen wollten, für den Wandel zu arbeiten.

Wir wurden auf King besonders deshalb aufmerksam, weil es eine ganze Entwicklung gab, in der viele der Protestierer junge Leute waren und in manchen Fällen Kinder, die wichtige Rollen bei der Führung des Kampfes gegen Rassentrennung einnahmen, teilweise weil viele der Erwachsenen davor Angst hatten, es sich nicht leisten konnten oder sich darüber Sorgen machten, was ihnen und ihrer Lebensgrundlage passieren würde, wenn sie es täten. Und die Kinder übernahmen die Rolle. Sie wurden verhaftet, später kamen die Hunde und die Wasserwerfer. Man brachte sie ins Gefängnis. Nach einer Weile konnte das SCLC nicht mehr so viel Geld für Kautionen bekommen, wie nötig gewesen wäre, alle aus dem Gefängnis rauszuholen. Ich erinnere mich ganz genau, wie King eines Freitagnachmittags in seinem Motelzimmer einfach sagte: "Ich weiß nicht, was ich tun kann, um das Geld zu bekommen, um alle die jungen und alten Leute rauszuholen, aber ich weiß, was ich tun kann, um zu ihnen reinzukommen." Also führte er einen Protestmarsch, was damals gegen das Gesetz verstieß, und er wurde verhaftet und ins Gefängnis gesperrt.

In diesem Zusammenhang nutzte er die Gelegenheit, an dem inzwischen berühmt gewordenen "Brief aus dem Gefängnis in Birmingham" Siehe Brief aus dem Gefängnis in dt. Übersetzung auf Lebenshaus-Website: "Die Zeit für schöpferischen Protest ist gekommen" . zu arbeiten. Darin reagierte er auf Leute, die damals als gemäßigte Christen, weiße christliche Führer, betrachtet wurden, und die im Grunde sagten: "King hätte nicht kommen sollen. King ist ein Außenseiter. King macht nur Ärger. Warum tut er das?" Und King wandte sich in diesem Brief an diese Männer - alle waren Männer - und versuchte ihnen Verständnis dafür zu vermitteln, was es für Schwarze bedeutete, mitten in einer Gesellschaft der Rassentrennung zu leben. Und er versuchte, diesen christlichen Männern sehr deutlich zu machen, dass er der Meinung sei, dass die Art und Weise, in der Schwarze zu leben gezwungen waren, eindeutig gegen den Willen eines liebenden Gottes verstieß. Und er stellte Fragen, ob die Führer in den Gemeinden Gottes dem Wandel entgegenstehen sollten oder nicht, ob sie bei dem Wandel nicht in vorderster Front stehen sollten. Dieser Brief kam also in Martins Situation in Birmingham heraus.

AMY GOODMAN: Dr. Vincent Harding war Historiker, Theologe und Bürgerrechtler. Er starb am 19. Mai [2014] im Alter von 82 Jahren. Wir fahren gleich mit dem Interview fort.

[Pause]

AMY GOODMAN: Hier ist Democracy Now!, democracynow.org, The War and Peace Report. Ich bin Amy Goodman und wir gedenken heute des Lebens des Historikers, Theologen und Bürgerrechtlers Dr. Vincent Harding. Er ist am 19. Mai [2014] im Alter von 82 Jahren gestorben. Er war ein Dr. Martin Luther King eng verbundener Helfer und schrieb 1967 dessen historische Antikriegsrede "Jenseits von Vietnam". Ich habe im April 2008 mit Vincent Harding gesprochen und ihn gebeten, darüber zu sprechen, was 1963 zu dem Marsch auf Washington für Arbeitsplätze und Freiheit geführt hat, und habe ihn gefragt, wofür Martin Luther King damals gekämpft hat.

DR. VINCENT HARDING: Ich denke, Amy, dass Martin sehr deutlich gesehen hat, dass dieses Land niemals seine besten Möglichkeiten werde verwirklichen können, solange es die Rassentrennung weiterhin als Lebensweise akzeptiert oder so tut, als gäbe es keine Rassentrennung und sie ignoriert. Deshalb versuchte Martin alles, was ihm möglich war, die Realität dessen, was Rassentrennung für die bedeutete, die direkt darunter zu leiden hatten [und auch für die, die sie ausübten], als Widerspruch zu den Ansprüchen, die das Land für sich erhob, zu verdeutlichen. Er versuchte auf möglichst viele verschiedene Arten dramatisch darzustellen, worum es bei der Rassentrennung ging, und trieb die Kämpfe gegen Rassentrennung dramatisch auf die Spitze. Und er versuchte - und das gehört zu dem, was zu 1963 und dem Marsch führte -, den Hunderttausenden im ganzen Süden, die Kampagnen wie die Birmingham-Kampagne durchführten, in ihrem Kampf gegen Rassentrennung Mut zu machen. Er versuchte, wie schon gesagt, Aufmerksamkeit zu erregen, indem er dem Land sagte: "Guckt mal, das ist euer Land. Das ist unser Land. Wir können das, was hier geschieht, nicht einfach ignorieren". Gleichzeitig sagte er zu denen, die gegen Rassentrennung kämpften: "Das ist eine richtige Schlacht und ihr tut genau das, was ihr tun solltet. Gebt nicht auf. Verzweifelt nicht. Wir können das, was gegen uns ist, überwinden."

AMY GOODMAN: Und doch hatten sie Leute wie den Aktivisten John Lewis aus Atlanta in Georgia, der jetzt Kongressabgeordneter ist und dessen Rede abgemildert wurde.

DR. VINCENT HARDING: Ja.

AMY GOODMAN: Warum? 1963 durfte er nicht die Rede halten, die er hatte halten wollen.

DR. VINCENT HARDING: John wollte sehr deutlich über die Tatsache sprechen, dass die Kennedy-Regierung, obwohl sie auf viele Weise den Eindruck erweckt hatte, sie sei auf der Seite der Bewegung gegen die Rassentrennung, nicht bereit war, die Risiken, die Chancen, zu ergreifen, die eine politische Organisation hätte ergreifen müssen, um der Bewegung beizustehen, die die Rassentrennung aufheben wollte. John wollte sehr deutlich sagen, dass die - so drückte er es aus -, die den Anspruch erhoben, Verbündete zu sein, das in Wirklichkeit nicht waren. Er wollte deutlich machen, dass es notwendig war, noch mehr Druck auszuüben, indem man bei den Aktionen, die im Süden unternommen wurden, noch radikaler vorging. Er nahm eine sehr radikalisierte Stellung ein und viele von denen, die damals mit ihm auf der Rednertribüne saßen, sagten einfach: "Wir wollen damit nicht identifiziert werden. Wir wollen, dass alles für die Kennedys und die Welt erfreulich und allgemein akzeptabel ist. Wenn du so anfängst, können wir nicht mit dir verbunden sein". Also wurde die Stellung, die er damals bezog, abgemildert.

AMY GOODMAN: Wie war das mit der Beziehung Dr. Kings zu den Kennedys? Ein paar Monate später wurde Präsident Kennedy ermordet.

DR. VINCENT HARDING: Ich denke, wir können sagen, dass Martin diese Männer darüber belehrte, worum es in ihrem Land wirklich ging. Er war ihnen dabei behilflich zu erkennen, welche Rolle sie als Führer des Landes zu spielen hätten, um Wandel zu bewirken. Und er forderte sie gewiss dazu heraus, sich zu fragen, ob sie weiterhin davon reden könnten, sie seien Führer der freien Welt, wenn sie gleichzeitig einem großen Teil der Bevölkerung in ihrem Land etwas so Einfaches und Notwendiges wie das Wahlrecht verwehrten. Auf diese Weise belehrte King sie. King forderte sie heraus. Und gleichzeitig hing King von ihrer Hilfe und Unterstützung und ihrer Erkenntnis der Situation ab, um eine derartig föderative Unterstützung hervorzubringen, wie sie nötig war, die Fortsetzung der Bewegung derjenigen zu ermöglichen, die für die Veränderung des Landes kämpften. Es war eine sehr schwierige Situation. Sie hatten Hochachtung vor ihm. Ihnen war klar, dass er zu einer Bewegung gehörte, die das Land auf neue Weise öffnete. Aber sie machten sich auch Sorgen darüber, was geschehen könnte, wenn das außer Kontrolle geriete. Andererseits erkannte King, dass sie lernten, aber er wusste, dass sie zu langsam lernten und er wusste, dass sie als Politiker lernten - dass sie immer die Winkel im Auge hatten, aus denen sie angegriffen werden könnten und aus denen ihre Macht und ihr Wahlbezirk bedroht wurden. So war es schon ein Tanz, den sie miteinander aufführten.

AMY GOODMAN: Dr. Harding, Sie - er arbeitete - Dr. King arbeitete mit Lyndon Johnson am Bürgerrechts-Gesetz von ‘64 [und] dem Wahlrechtsgesetz von ‘65, aber dann wandte er sich beim Thema Vietnamkrieg gegen ihn.

DR. VINCENT HARDING: King bestand darauf, dass Johnson erkannte, welchen großen Schaden der Krieg sowohl den Menschen in Vietnam als auch den armen Leuten in den Vereinigten Staaten tat. Deshalb sagte er - gewissermaßen sagte er zu Johnson: "Du musst dich umdrehen und sehen, was geschieht". Er wendet sich nicht gegen Johnson. Er versucht, Johnson darüber aufzuklären, wie der Krieg die Hoffnungen der Armen hier und die Hoffnungen der Armen dort im Ausland zerstörte.

AMY GOODMAN: Dann sprechen Sie jetzt bitte über die Entwicklung Kings zu seiner Bereitschaft, sich öffentlich über den Krieg in Vietnam auszusprechen. Wie groß war das Risiko, das er damit einging?

DR. VINCENT HARDING: Lassen Sie uns über ein Risiko sprechen, das auf sich zu nehmen er von Anfang an bereit war. Wir können es so ausdrücken: Er war in der großen Gefahr, seiner Seele und seinem Geist Schaden zuzufügen, wenn er sich nicht gegen das aussprach, von dem er wusste, dass es schrecklich war. King war in der Tiefe seines Wesens ein Pastor, der sich um die sorgte, die geschlagen wurden, der sich um die Bedürftigen sorgte und der sich - in der großartigen traditionellen Weise des christlichen Glaubens - um die am meisten Ausgestoßenen und die, die als arm und bedürftig betrachtet wurden, sorgte. King war immer darauf eingestellt. Wenn er sich nicht gegen das, was der Krieg den Menschen dieses Landes und im Ausland antat, ausgesprochen hätte, hätte er sich selbst nicht mehr in die Augen schauen können. Damals machte er sich klar, dass ein Kampf in seinem Inneren und außerhalb von ihm vor sich ging. Johnson hatte gewissermaßen diesen Krieg angefangen und er war entschlossen, ihn so lange fortzusetzen, wie es ihm notwendig erscheinen würde. Außerdem gab es, noch bevor die Antikriegsbewegung aufgebaut wurde, unterschiedliche wunderbare Liberale, meist waren sie weiß, aber einige waren schwarz, die tatsächlich mit Johnson für den Krieg waren. King wusste also, dass er, wenn er sich gegen den Krieg stellen würde, nicht nur gegen Johnson, sondern gegen eine Menge Leute in der Bürgerrechts-Gemeinschaft und einer Menge Leute, die der Bürgerrechtsbewegung Geld gaben, angehen würde. Die Leute sagten ihm, dass es äußerst gefährlich sei, sich gegen diese Leute zu wenden. Aber King sagte andererseits, dass er, wenn er sein Land wirklich liebe, über das sprechen müsse, was sein Land den Vietnamesen und seinen eigenen Bürgern antue, was dieses Land gewissermaßen sich selbst antue. Und als Pastor, Patriot und weil er sein Land liebe, habe er keine andere Wahl, als sich sehr deutlich auszusprechen und klarzumachen, dass das, was in Vietnam vor sich ging, von jedem Standpunkt aus falsch sei. Und er wusste, dass das ein Risiko war. Er wusste, dass das Johnson wütend machen würde. Er wusste, dass ihn das die Unterstützung durch viele Leuten der liberalen sowohl schwarzen als auch weißen Gemeinschaften kosten werde. Aber er wusste, dass er genau das tun musste.

AMY GOODMAN: Der 4. April ist nicht nur der Jahrestag von Dr. Kings Ermordung 1968, sondern auch der Jahrestag der Rede, die er 1967 in der Riverside-Kirche in New York gehalten hat, genau ein Jahr, bevor er getötet wurde. Glauben Sie, dass zwischen diesen beiden Ereignissen ein Zusammenhang besteht?

DR. VINCENT HARDING: Amy, ich meine seit Langem und ich meine es auch jetzt noch, dass man Martins Ermordung unmöglich als die Tat eines weißen Segregationisten verstehen kann, der Martin von sich aus getötet hat. Ich bin zutiefst überzeugt, dass die beiden Aktionen Martins - die eine war der Versuch, die Armen in der Poor People’s Campaign zu organisieren und damit die Regierung in Washington, D.C., herauszufordern, und die andere war Martins Entschlossenheit, sich nicht nur gegen Vietnam, sondern auch gegen die gesamte imperialistische und militaristische Führung des Landes auszusprechen - alles das müssen wir verstehen, wenn wir Martins Ermordung zu verstehen versuchen. Deshalb, ja, sehe ich eine Verbindung.

AMY GOODMAN: Bitte sprechen Sie über Ihre Zusammenarbeit mit Dr. King an dieser Rede. Wann haben Sie angefangen, mit ihm darüber zu sprechen?

DR. VINCENT HARDING: In gewisser Weise haben wir über die Dinge, die mit der Rede zu tun haben, gesprochen, seit ich Martin kenne. Wir haben über den enormen Schaden gesprochen, den Krieg allen zufügt, die an ihm beteiligt sind, denen, die seine Opfer sind, und denen, die seinetwegen enorme Gelegenheiten in ihrem eigenen Leben verpassen. Und wir haben immer darüber gesprochen, was es bedeuten könnte, kreativere gewaltfreie Alternativen einer Möglichkeit zur Problemlösung zu finden, als es die schrecklich altmodischen Krieg sind.

Und dann, als Vietnam sich in den 1960er Jahren auf allen Bildschirmen abzuspielen begann, haben wir viel über die Rolle des Landes und viel über die Rolle derer von uns gesprochen, die an die Möglichkeiten des gewaltfreien Kampfes für den Wandel glaubten, und welche Verantwortung wir einerseits als Menschen, die an Gewaltlosigkeit glaubten, und andererseits als Jünger der Lehren Jesu Christi und seines Vorbildes hätten. Als Martin sich deshalb darüber klargeworden war, dass er eine große öffentliche Rede über dieses Thema halten müsse, so klar, wie es nur sein konnte, suchte er eine Situation, in der er das auf der Grundlage seiner besonderen religiösen Grundhaltung tun könnte. Und als Geistliche und Laien gegen den Vietnamkrieg http://mlk-kpp01.stanford.edu/index.php/encyclopedia/encyclopedia/enc_clergy_and_laymen_concerned_about_vietnam_calcav/ . ihn dazu einluden, das anlässlich ihrer Versammlung im April 1967 in der Riverside-Kirche zu tun, war ihm klar, dass das der Ort war, an dem er die Rede halten sollte oder wo er auf eine Weise, die der Öffentlichkeit besonders zugänglich war, als Zeuge auftreten sollte.

Gleichzeitig war er stark damit beschäftigt, immer wieder durch das ganze Land zu reisen, um Geld für die Arbeit im Süden und im Norden zu sammeln, und er hatte nicht die Zeit, eine Rede zusammenzustellen, die er bei einer solchen Gelegenheit hätte halten wollen. Und weil wir voneinander Gefühle, Gedanken, Engagements und Überzeugungen kannten, fragte er mich, ob ich eine entsprechende Rede entwerfen könnte, sie gewissermaßen für uns beide entwerfen könnte, da dort unsere gemeinsamen Überzeugungen ausgesprochen werden sollten. Und ich habe den Entwurf gemacht und dieser Entwurf wurde im Wesentlichen die Rede, die Predigt, der Aufruf, der Schrei des Herzens, den wir im April 1967 vorgebracht haben.

AMY GOODMAN: Wo haben Sie ihn geschrieben?

DR. VINCENT HARDING: Zum größten Teil im Untergeschoss des Hauses, in dem unsere Familie in Atlanta Ecke Ashby und Fair wohnte, nicht weit vom Morehouse-Campus und nicht weit vom Spelman-Campus entfernt, an denen ich damals unterrichtete. Meine Familie war nach Chicago gereist, um in den Weihnachtsferien mit der weiteren Familie zusammen zu sein. Ich war allein, arbeitete im Haus und hatte Zeit, nichts anderes zu tun, als an dem Entwurf zu arbeiten. Und das fing mich ein und beschäftigte mich in diesen Weihnachtsferien-Wochen.

AMY GOODMAN: Haben sie mit ihm Gespräche darüber geführt, bevor er sie am 4. April gehalten hat?

DR. VINCENT HARDING: Nein. Er überprüfte sie mit einigen anderen Leuten, die vielleicht nicht so verrückt wie ich waren, um herauszufinden, wie sie darauf reagieren würden. Einige machten Vorschläge, einiges abzumildern. Aber ich war sehr froh, dass er gewissermaßen in den meisten Fällen sagte: "Das entspricht mir und ich will dazu stehen." Wir haben also nicht darüber gesprochen, seit dieser Vorgang begonnen hatte. All unser Sprechen, Denken und Hoffen hatten wir vorher erledigt.

AMY GOODMAN: Historiker, Theologe, Bürgerrechts-Aktivist Dr. Vincent Harding. Er starb am 19. Mai [2014] im Alter von 82 Jahren in Philadelphia. Das Interview wird gleich fortgesetzt.

[Pause]

AMY GOODMAN: Hier ist Democracy Now!, democracynow.org, The War and Peace Report. Ich bin Amy Goodman und wir gedenken heute des Lebens des Historikers, Theologen und Bürgerrechtlers Dr. Vincent Harding. Er ist am 19. Mai [2014] im Alter von 82 Jahren gestorben. Er war ein Dr. Martin Luther King eng verbundener Helfer und schrieb 1967 dessen historische Antikriegsrede "Jenseits von Vietnam". Bevor ich mich wieder meinem Interview mit Dr. Harding zuwende, möchte ich mich Dr. Martin Luther Kings Rede zuwenden, die er in der Riverside-Kirche gehalten hat. Das war am 4. April 1967.

REV. DR. MARTIN LUTHER KING JR.: "Es ist einfach unmöglich, dass wir noch länger den Gott des Hasses anbeten und uns vor dem Altar der Vergeltung verbeugen. Das Meer der Geschichte wird durch die beständig steigenden Fluten des Hasses aufgewühlt. Die Geschichte ist angefüllt mit dem Scheitern jener Nationen und jener einzelnen, die diesen selbstzerstörerischen Weg des Hasses einschlugen."Siehe die Rede in dt. Übersetzung auf Lebenshaus-Website:  "Jenseits von Vietnam" .

Wie Arnold Toynbee schreibt: "Liebe ist die letztgültige Kraft; sie trifft die erlösende Entscheidung für das Leben und das Gute und gegen die verdammende Entscheidung für den Tod und das Böse. Darum muss die erste Hoffnung in unserem Bestand die Hoffnung sein, dass die Liebe das letzte Wort haben wird."

"Wir stehen jetzt vor der Tatsache, dass die Zukunft heute beginnt. Heftig drängt uns die Notwendigkeit, uns jetzt zu entscheiden, denn das sich jetzt entfaltende Rätsel des Lebens und der Geschichte kennt auch ein ‚zu spät’. Wer zögert, dem läuft auch heute noch die Zeit davon. Nach einer versäumten Gelegenheit kann es uns oft passieren, dass wir betrübt dastehen und nichts mehr in den Händen halten. Die steigende Flut der Möglichkeiten des Menschen bleibt nicht immer eine steigende Flut; sie ebbt wieder ab. Es könnte sein, dass wir dann der Zeit verzweifelt zurufen, sie möge anhalten (um uns noch eine Chance zu geben), aber die Zeit ist taub für solche Bitten und eilt weiter. Über den bleichen Gebeinen und zerstreuten Überresten vieler Kulturen stehen die beiden verhängnisvollen Worte ‚zu spät’. Es gibt ein unsichtbares Buch des Lebens, in dem unsere Wachsamkeit und unsere Versäumnisse genau aufgezeichnet sind. Omar Khayyam hat recht: ‚Der Finger bewegt sich und schreibt. Wenn er geschrieben hat, bewegt er sich weiter.’ Heute haben wir noch die Wahl: gewaltlose Koexistenz oder gemeinsame Vernichtung durch Gewalt.

Wir müssen aus der Unentschlossenheit heraus zum Handeln kommen. Wir müssen neue Mittel und Wege finden, um für den Frieden in Vietnam und für Gerechtigkeit überall in der sich entwickelnden Welt einzutreten, in einer Welt, die vor unserer Tür beginnt. Wenn wir jetzt nicht handeln, so wird man uns in jene dunklen und schrecklichen Verliese der Zeit werfen, die für jene bestimmt sind, die Größe ohne Mitleid, Macht ohne moralische Verantwortung und Stärke ohne Weitsicht handhaben.

Lasst uns jetzt anfangen. Wir wollen erneut den langen und anstrengenden, aber auch schönen Kampf für eine neue Welt auf uns nehmen. Das ist der Ruf, der an die Kinder Gottes ergeht, und unsere Brüder warten sehnsüchtig darauf, dass wir antworten. Sollen wir sagen, die Widerstände sind zu groß? Sollen wir ihnen erzählen, der Kampf ist zu schwer? Wird unsere Botschaft an sie sich mit der Feststellung begnügen, dass die ganze Kraft Amerikas gegen ihre Anerkennung als volle Menschen kämpft, und werden wir ihnen deshalb unser Beileid aussprechen? Oder wird unsere Botschaft von Sehnsucht und Hoffnung sprechen, von Solidarität mit ihren Erwartungen, davon, dass wir ihre Sache zu der unseren machen, um welchen Preis auch immer? Die Entscheidung liegt bei uns. Und selbst, wenn wir es lieber anders hätten, müssen wir sie jetzt treffen, an diesem Wendepunkt der menschlichen Geschichte."Siehe die Rede in dt. Übersetzung auf Lebenshaus-Website:  "Jenseits von Vietnam" .

Wie der edle Barde von gestern James Russell Lowell eloquent feststellte:

Einmal kommt für jedermann und jede Nation
Der Augenblick der Entscheidung
Im Kampf von Wahrheit und Lüge
Für die gute oder die böse Seite;
Eine große Sache, Gottes neuer Messias,
Und bietet jedem die Blume oder den Gifthauch
Und die [Möglichkeit zur] Wahl verstreicht für immer
Zwischen dieser Dunkelheit und diesem Licht.

Zwar gedeiht die Sache des Bösen,
Jedoch die Wahrheit allein ist stark;
Zwar mag ihr Anteil das Schafott sein
Und auf dem Thron mag sie sich irren:
Das Schafott hält jedoch die Zukunft im Schoß
Und hinter dem trüben Unbekannten
Steht Gott mit dem Schatten
Und wacht über das Seine.

Und wenn wir nur die richtige Entscheidung treffen, können wir diese über uns schwebende kosmische Elegie in einen kreativen Friedenspsalm verwandeln. Wenn wir die richtige Entscheidung treffen, können wir die schrillen Missklänge in unserer Welt in eine schöne Symphonie der Geschwisterlichkeit verwandeln. Wenn wir nur die richtige Entscheidung treffen, können wir in ganz Amerika und in der ganzen Welt die Ankunft des Tages beschleunigen, an dem das Recht herabfließt wie die Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom.

AMY GOODMAN: Dr. King hielt seine historische Rede "Jenseits von Vietnam" am 4. April 1967, ein Jahr vor dem Tag, an dem er in Memphis ermordet wurde. Die Rede schrieb Dr. Vincent Harding, der am 19, Mai dieses Jahres [2014] im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Wir kommen jetzt zu meinem Interview 2008 mit Dr. Vincent Harding zurück, der zu uns ins Studio im Haus der Feuerwache gekommen ist. Es war am 1. April 2008, drei Tage vor dem 40. Jahrestag der Ermordung Dr. Kings und mitten in Barack Obamas erster historischer Präsidentschaftskandidatur.

AMY GOODMAN: Dr. Kings eigene Organisation, mit der auch Sie zusammengearbeitet haben, die Southern Christian Leadership Conference, d. h. der Vorstand, stimmten nach dieser Rede dafür, Dr. King in seiner Opposition zum Krieg nicht zu unterstützen. Welche Auswirkungen hatte das?

DR. VINCENT HARDING: Wissen Sie, Amy, so habe ich es nicht in Erinnerung. Was ich weiß, ist, dass es innerhalb der Organisation, im Vorstand, eine große Opposition gab, wie ich schon gesagt habe, innerhalb der Gemeinschaft der Bürgerrechtsführung. Ich denke, Martin war angesichts all dessen, dieser verschiedenen Stellungnahmen, eindeutig enttäuscht, dass die Leute nicht so bereit waren, wie er meinte, dass sie sein sollten, eine so eindeutige Haltung einzunehmen, eine Haltung, die er für eng mit der Arbeit verbunden hielt, die wir hier für die Armen leisteten. Und er war enttäuscht, aber er wusste, dass das zu erwarten gewesen war, wenn man so hervortritt, und er war entschlossen, weiter hervorzutreten. Das ist wohl das Beste, was ich darüber sagen kann.

AMY GOODMAN: Dann wollen wir also über dieses letzte Jahr in Memphis reden. Wann haben Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen?

DR. VINCENT HARDING: Ich bin nicht sicher, ob ich das so genau sagen kann, Amy. Ich weiß, dass eine meiner Haupterinnerungen an dieses Jahr 1968 die war, dass ich Martin in der Kirche von Ralph Abernathy auf einer Versammlung von Leuten gesehen habe, die aus dem ganzen Land zusammengekommen waren, um über die Poor People’s Campaign zu sprechen. Und es waren arme Weiße aus Appalachia da. Es gab amerikanische Ureinwohner aus verschiedenen Landesteilen. Es gab Chicanos, Mexicanos vor allem aus dem Südwesten. Es gab Schwarze sowohl aus dem Norden als auch aus dem Süden. Und ich war überrascht über das, was ich sah: In den Gesichtern so vieler dieser Leute stand die Frage geschrieben: "Sind wir wirklich bereit, so weit zu gehen und mit einer so starken Herausforderung die Grenzen zu überschreiten, mitten der Nation selbst ins Gesicht?" Das ist die letzte Erinnerung, die ich an dieses Jahr habe. Ich habe nicht direkt mit ihm gesprochen, bevor er nach Memphis ging, aber ich wusste, dass er weitermacht, denn er war stark bei dem engagiert, was der Kampf der Müllarbeiter für sie und das Land bedeutete.

AMY GOODMAN: Es gibt jetzt viele Kommentare über Geistliche, die ihre Stimme erheben, z.B. Jeremiah Wright, Barack Obamas Pastor in Chicago. Sie zitieren ihn und sagen Dinge wie "Gott verdamme Amerika!" Und ich denke an Dr. King zurück und was er damals sagte, zum Beispiel sagte er, dass die Vereinigten Staaten heute die größten Lieferanten für Gewalt seien. Wie steht es mit dem, was er zu sagen hatte und wie er damals gesehen wurde?

DR. VINCENT HARDING: 1968 war Martin und denen, die ihm nahestanden, klar, dass die Pastorenrolle, die er sein ganzes Leben über innehatte, immer auch die Rolle eines Propheten war. Diese zwang ihn, sich zu erheben und der Macht die Wahrheit zu sagen und zu sagen, was er wirklich sich ereignen sah, das gegen das war, was er als den Willen Gottes für die Menschen verstand und gewiss auch für dieses Land. Und Martin versuchte z. B. in dieser Rede auf verschiedene Weise zu sagen, dass dieses Land auf Abwege geraten sei, dass es großes Unrecht tat und dass es das gegen die Interessen der Schwächsten in der Welt tat. Und King zögerte nicht, das zu sagen, weil King dieses Land liebte und wusste, dass eine derartige Liebe diese Wahrheit und diese Ehrlichkeit verlangte. Und er wusste auch, dass viele Leute Amerika nicht auf die Weise verstanden, in der er Amerika inzwischen verstand, weil er sowohl schwarz war als auch auf der Seite derer stand, die die Untersten in Amerika waren.

Und ich sollte an dieser Stelle Folgendes sagen: Martin hörte mit sehr klarem und verständnisvollem Ohr einem zu, der schon die ganze Zeit über so gesprochen hatte, nämlich Malcolm X. Zu der Zeit als Malcolm ermordet wurde, erkannte Martin wirklich an, dass Malcolm in vielen, vielen Fällen tiefgreifende Wahrheit über die Wege sagte, die dieses Land ging, negative Wege, die keine hilfreichen Wege waren und die Wege waren, die Veränderung nötig hatten. Das gehörte also zu Kings Tradition. Als Anhängerin dessen, was wir jüdisch-christliche Tradition nennen, kennen Sie wahrscheinlich die Rolle des Propheten ganz genau: Der Prophet steht für einen, der die Herrschenden mit dem, was Unrecht ist, konfrontiert, er ist nicht dazu da, patriotische Lieder zu singen, sondern es ist die große Verantwortung der Propheten zu sagen: "Das ist, was Gott fordert. Und das ist, was du tust. Du bist in Schwierigkeiten, weil du gegen das verstößt, was Gott fordert."

AMY GOODMAN: Was denken Sie über Reverend Wright?

DR. VINCENT HARDING: Ich bin sehr froh, dass wir Reverend Wright die ganze Zeit unserer Geschichte über in diesem Land hatten. Ich denke, dass das gut für die Schwarzen war. Und für diejenigen Weißen, die zuhören wollten, auch für sie war es gut. Ich kenne Jeremiah Wright nur ein bisschen und ich schätze ihn sehr. Ich beurteile ihn extra nicht nach ein paar Worten, die er hat fallenlassen, sondern nach seiner Lebensfülle, die ich erlebt habe, aus dem Chicago, das ich kenne. Es war ein Leben voller Dienst an dieser Gemeinde, voller Dienst, der darin bestand, dass er Menschen auf alle ihm zur Verfügung stehende Weise aufbaute. Und ich achte ihn sehr hoch. Eine Kleinigkeit, die mir bei seinem Namen immer einfällt, ist die: Als ‘80, ‘81 mein erstes wichtiges Buch There is a River veröffentlicht wurde, war Jeremiah Wright einer der wenigen Pastoren, die als Pastor sagten: "Ich möchte, dass jeder in meiner Gemeinde dieses Buch liest. Vincent, kommen Sie her, von wo Sie auch sein mögen, und sprechen Sie zu meiner Gemeinde über dieses Buch, denn es ist unbedingt notwendig, dass unsere Leute ihre Geschichte verstehen. Bitte lehren Sie sie uns!" Das hat mich überrascht: Ein Pastor, der ein Lehrer sein wollte und der anderen dazu verhelfen wollte, von jedem Lehrer zu lernen, von dem sie nur lernen konnten. Deshalb habe ich ein warmes Gefühl in meinem Herzen für Jeremiah Wright.

AMY GOODMAN: Sind Sie der Einladung gefolgt?

DR. VINCENT HARDING: Oh ja, und es war wunderbar mit dieser Gemeinde und sie haben das Buch tatsächlich als Vorbereitung auf das Gespräch gelesen, das ich mit ihnen geführt habe.

AMY GOODMAN: Was ist die Hauptthese des Buches?

DR. VINCENT HARDING: Es ist die folgende: Der Kampf um Freiheit, wie er von Afroamerikanern und ihren Verbündeten geführt worden ist, war ein Kampf, der mit dem Anfang des Landes begann und der durch das gesamte Leben des Landes geht. Und das Leben wird durch diesen Kampf und die Richtung, in die uns der Kampf treibt, reicher und besser.

AMY GOODMAN: Eine der letzten Aktionen in den letzten Jahren Dr. Kings war die Arbeit in Chicago. Kannte er Jeremiah Wright?

DR. VINCENT HARDING: Es wäre unmöglich gewesen, irgendetwas in Chicago zu tun, das mit Religion zu tun hatte, ohne Jeremiah Wright zu kennen. So viel ist sicher. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich habe den starken Verdacht, dass er ihn kannte und dass sie Freunde waren, denn sie gingen sehr ähnliche Wege der Kritik zum Guten des Lebens des Landes.

AMY GOODMAN: Über die Poor People’s Campaign, die Dr. King aufgebaut hat, wird nicht sehr viel gesprochen.

DR. VINCENT HARDING: Stimmt.

AMY GOODMAN: Wir kennen die "I Have a Dream"-Rede. 

DR. VINCENT HARDING: Stimmt.

AMY GOODMAN: - und natürlich seine letzte Rede.

DR. VINCENT HARDING: Stimmt.

AMY GOODMAN: Bitte erklären Sie uns das, da wir jetzt zum Lebensende Dr. Kings kommen.

DR. VINCENT HARDING: Martin hat immer verstanden, dass Rasse und Klasse auf komplizierte Weise mit dem Leben dieses Landes verbunden sind. Er hat auch verstanden, dass die Armut-Themen Themen waren, die nicht nur die Schwarzen betrafen, sondern alle möglichen anderen Leute, darunter auch Weiße. Und er wusste, wenn es - wie er hoffte - eine Gelegenheit geben sollte, dieses Land seiner bestmöglichen Entwicklung entsprechend aufzubauen, dass dann das Thema Armut irgendwie angegangen werden musste. Da er ein Mensch sowohl des Wortes als auch des Handelns war, wusste er, dass Armut nur dann wirklich angegangen werden konnte, wenn die Armen selbst aktiv wurden und das Land herausforderten, denn das Land würde von sich aus nichts für sie tun.

Und deshalb - Sie erinnern sich vielleicht - sagte Martin gegen Ende seines Lebens, in den letzten Jahren seines Lebens, dass Amerika mit drei Übeln, er nannte sie Dreifach-Übel, fertigwerden müsse: dem Übel Rassismus, dem Übel Materialismus und den Übeln des Militarismus. Und er erkannte, dass die drei sehr stark miteinander verbunden sind. Indem er die Armen organisierte, erkannte er - besonders da er sie über die Rassengrenzen hinweg organisierte -, dass die Übel gewissermaßen von jemandem angegangen werden müssten. 1968 war er in der Position, dass er wahrscheinlich der einzige Mensch war, der diese Menschengruppen zusammenrufen und ihnen sagen konnte: "Wir wollen uns zusammentun und ein neues Amerika schaffen." Das war seine Hoffnung. Daran hat er gearbeitet, als er getötet wurde. Er war auf Seiten der Armen und appellierte an das Land, die Bedingungen der Armen anzusehen und zu erkennen, damit wir die Möglichkeiten eines neuen Amerikas erkennen könnten.

AMY GOODMAN: Dr. Harding, noch ein paar Gedanken zum Schluss?

DR. VINCENT HARDING: Mich fasziniert die Tatsache, dass 40 Jahre nach Martins Ermordung jemand die Szene betritt, der, wenn er sein Bestes tut, das zu seinem Thema macht: "Lasst uns eine vollkommenere Vereinigung sein." Das war, denke ich, die wesentliche Botschaft Kings: Lasst uns zusammenarbeiten gegen alles, was uns davon abhält, eine vollkommenere Vereinigung zu schaffen. Ich denke, wenn mein Freund und Bruder Obama uns gemahnen und selbst im Sinn behalten kann, dass wir eine Vision von den Möglichkeiten eines neuen Amerikas für uns alle mehr als alles andere brauchen, wenn das geschehen kann, dann sind wir auf dem Weg zu etwas, das zu erleben Martin King sehr, sehr froh gewesen wäre: den Weg zu einem wahrhaft neuen Amerika.

AMY GOODMAN: Der Historiker, Theologe und Bürgerrechtsaktivist Vincent Harding am 1. April 2008. Er lebte in Denver, starb dieses Jahr am 19. Mai im Alter von 82 Jahren jedoch in Philadelphia, wo er am Quäker-Einkehrort Pendle Hill gelehrt hatte. Alle Interviews mit Vincent Harding finden sich auf http://www.democracynow.org/appearances/dr_vincent_harding .

Amy Goodman (* 13. April 1957 in Bay Shore, New York) ist eine US-amerikanische Journalistin, Buchautorin und Fernsehmoderatorin. Bekanntheit erlangte sie durch die von Pacifica Radio WBAI präsentierte tägliche Sendung Democracy Now!. Amy Goodman setzt sich vor allem für Demokratie und Menschenrechte ein sowie für die Unabhängigkeit der Medien. Sie erhielt 1984 ihren Abschluss von der Harvard University. Amy Goodman war zehn Jahre lang Nachrichten-Direktorin von Pacifica Radio WBAI in New York und Mitbegründerin von Democracy Now! im Jahre 1996. ( http://de.wikipedia.org/wiki/Amy_Goodman )

Democracy Now! ist ein US-amerikanisches Politikmagazin im nichtkommerziellen Rundfunk, das international von über 700 Hörfunk-, Fernseh- und Internetsendern übernommen wird. Produziert wird die Sendung, die sich den Claim The war and peace report gewählt hat, von dem Radionetzwerk Pacifica Radio.

Democracy Now! wurde am 19. Februar 1996 von Journalisten um Amy Goodman und Juan González gegründet. Goodman ist auch die Hauptmoderatorin der Sendung. Das Magazin ist politisch unabhängig und finanziert sich über Spenden.

Ursprünglich wurde die Show von der Station WBAI in New York ausgestrahlt, um das Jahr 2001 war sie vorübergehend nur über WFMU (unter dem Namen Democracy Now In Exile) empfangbar, da es einen Konflikt über die Kontrolle von WBAI gab. Die Sendezentrale wurde daraufhin in ein umfunktioniertes Feuerwache-Gebäude umgesiedelt von wo das Magazin noch heute übertragen wird. Schließlich brachten Zuhörer durch ihre Proteste die Sendung wieder auf WBAI zurück. ( http://de.wikipedia.org/wiki/Democracy_Now )

Vincent Gordon Harding (25. Juli 1931 - 19. Mai 2014) war ein afro-amerikanischer Historiker und Wissenschaftler verschiedener Themen mit dem Schwerpunkt amerikanische Religion und Gesellschaft. Er war auch Sozial-Aktivist und ist vielleicht am besten für seine Arbeit mit und seinen Schriften über Dr. Martin Luther King, Jr., den er persönlich kannte, bekannt. Unter anderen hat er die beiden folgenden Bücher geschrieben: There Is A River und Wade in the Water: The Wisdom of the Spirituals. Er war Mitvorsitzender der Gruppe für soziale Einheit beim Veterans of Hope Project und Professor in Religion und sozialer Wandel an der Illiff School of Theology in Denver, Colorado. ( http://en.wikipedia.org/wiki/Vincent_Harding )

 

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle:  Democracy Now! vom 26.05.2014. Originalartikel: Remembering Vincent Harding, the Civil Rights Activist Who Wrote MLK’s Speech Against Vietnam War .

Download der Sendung als Video: 

Fußnoten

Veröffentlicht am

15. Juli 2014

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