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Die Zeit für schöpferischen Protest ist gekommen

An einem Karfreitag wurde Martin Luther King ins Gefängnis gesteckt

Brief aus dem Gefängnis in Birmingham

1963 führte die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung Aktionen gegen die rigorose Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen der Stadt Birmingham, Alabama, durch. Die Stadtverwaltung erreichte eine gerichtliche Verfügung gegen die gewaltlosen Demonstrationen. Die Demonstrationen wurden trotzdem durchgeführt. Es kam zu vielen Verhaftungen. Die Gefängnisse füllten sich. King hatte mit seinem ausgeprägten Sinn für symbolträchtige Handlungen den Karfreitag gewählt, um sich verhaften zu lassen. Bei dem Protestmarsch am 12. April wurden King selbst, sein Freund Ralph Abernathy und etwa fünfzig weitere Teilnehmer verhaftet. Insgesamt waren somit seit dem 3. April bereits vier- bis fünfhundert Menschen inhaftiert worden. King wurde mehr als 24 Stunden lang in Einzelhaft gehalten, ohne jede Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit der Außenwelt. Später hat King diese Stunden als die “längsten, zermürbendsten und verwirrendsten meines Lebens” bezeichnet. Aufgrund des Einsatzes von Präsident John F. Kennedy wurde die Einzelhaft aufgehoben. King blieb acht Tage in Haft. Es war seine 13. Verhaftung seit dem Busboykott in Montgomery.

Schon vorher hatte der Evangelist Billy Graham Martin Luther King, den er in paternalistischer Manier als “guten persönlichen Freund” bezeichnete, öffentlich gebeten, “die Bremsen ein bißchen anzuziehen”. Im Januar hatten acht Geistliche aus Birmingham - Pastoren, Priester, Rabbiner - , die sich als “gemäßigt” ausgaben, in einem öffentlichen “Aufruf zu Gesetz und Ordnung und Vernunft” die gewaltlosen Protestaktionen als “unklug und zeitlich ungünstig” verurteilt und die weißen Polizisten gelobt. Sie erklärten, dass die Gerichte die einzig zuständige Instanz seien, um die Rassentrennung aufzuheben, und sprachen sich dagegen aus, dass “Extremisten von auswärtes den Frieden in der Stadt störten”.

King antwortete ihnen mit dem berühmt gewordenen “Brief aus dem Gefängnis von Birmingham”. Weil er vom Gefängniswärter kein Schreibpapier erhielt, schrieb er auf den Rand von Zeitungen, Fetzen von Toilettenpapier und die Rückseite von Briefumschlägen. Es gelang ihm, diese Briefstücke aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Als er nach acht Tagen aus dem Gefängnis entlassen wurde, waren bereits fast eine Million Exemplare des Briefes im Umlauf, den er am 16. April abgeschlossen hatte.

Die Zeit für schöpferischen Protest ist gekommen

Von Martin Luther King, jr. Birmingham City Jail April 16, 1963 1

Bishop C. C. J. Carpenter
Bishop Holan B. Harmon
Bishop Joseph A. Durick
The Rev. George M. Murray
Rabbi Hilton L. Grafman
The Rev. Edward V. Raurage
Bishop Paul Hardin
The Rev. Earl Stallings

Meine lieben Amtsbrüder!

Hier im Gefängnis von Birmingham kam mir Ihr Schreiben in die Hände, in dem Sie unsere augenblicklichen Aktionen als “unklug und zeitlich ungelegen” bezeichnen. Ich halte mich selten - wenn überhaupt - damit auf, kritische Äußerungen über mein Tun und Denken zu beantworten.

Wenn ich das wollte, kämen meine Sekretäre kaum noch zu etwas anderem, und mir bliebe keine Zeit für konstruktive Arbeit. Da ich aber glaube, dass Sie Männer guten Willens sind und da Sie Ihre Kritik offen und ehrlich ausgesprochen haben, möchte ich versuchen, Ihnen ohne Empfindlichkeit eine sachliche Antwort zu geben.

Zunächst will ich Ihnen erklären, warum ich mich in Birmingham aufhalte; denn Sie scheinen auch der Meinung zu sein, dass ich hier ein “Eindringling” sei. Ich habe die Ehre, Präsident der Christlichen Führungskonferenz des Südens (Southern Christian Leadership Conference) zu sein, einer Organisation, die in allen Südstaaten vertreten ist und ihre Zentrale in Atlanta/Georgia hat. Wir haben hin und her im Süden etwa fünfundachtzig angeschlossene Organisationen, mit denen wir, wenn irgend möglich oder notwendig, Personal, Bildungsmaterial und finanzielle Mittel teilen. Eine davon ist die Christliche Bewegung für Menschenrechte. Vor einigen Monaten bat uns unsere Zweigorganisation hier in Birmingham, uns für eine gewaltlose direct action 2 bereitzuhalten. Wir sagten ihnen das fest zu, und als die Stunde kam, lösten wir unser Versprechen ein. So bin ich mit mehreren Mitgliedern meines Stabes hier, weil wir eingeladen sind. Ich bin wegen meiner organisatorischen Aufgabe hier. Außerdem bin ich in Birmingham, weil hier die Ungerechtigkeit herrscht.

Wie die Propheten des achten vorchristlichen Jahrhunderts ihre Dörfer verließen, um das Wort des Herrn weit über die Grenzen ihres Heimatortes hinauszutragen; wie der Apostel Paulus Tarsus verließ, um die Frohe Botschaft von Jesus Christus in allen Dörfern und Städten der griechisch-römischen Welt zu verkünden, so drängt es auch mich, denen, die außerhalb meiner Heimatstadt leben, das Evangelium von der Freiheit zu bringen. Wie Paulus, so muss auch ich immer wieder dem mazedonischen Ruf um Hilfe folgen.

Zudem weiß ich um die engen Beziehungen, die zwischen allen Städten und Staaten bestehen. Ich kann nicht untätig in Atlanta herumsitzen, ohne mich darum zu kümmern, was in Birmingham geschieht. Wenn irgendwo Unrecht geschieht, ist überall die Gerechtigkeit in Gefahr. Wir sind in einem Netz wechselseitiger Beziehungen gefangen, aus dem wir nicht mehr entrinnen können. Uns alle hüllt dasselbe Gewand des Schicksals ein. Was den einen unmittelbar berührt, berührt mittelbar auch alle anderen. Wir können es uns heute nicht mehr leisten, in einer so engherzigen, altmodischen Vorstellung wie der vom “fremden Agitator” befangen zu sein. Wer in den Vereinigten Staaten lebt, kann in diesem Land nirgends als “Fremdling” angesehen werden.

Sie bedauern die Demonstrationen, die augenblicklich in Birmingham stattfinden. Aber leider bedauern Sie nicht auch die Umstände, die zu diesen Demonstrationen geführt haben. Sie wollen sich doch gewiss alle über den Stand eines oberflächlichen Sozialanalytikers erheben, der nur auf die Wirkungen sieht, sich aber mit ihren Ursachen nicht auseinandersetzt. Ich gebe ohne weiteres zu, dass es eine unglückselige Sache ist, dass sogenannte Demonstrationen in Birmingham stattfinden. Aber noch unglückseliger finde ich es, dass die Vormachtstellung der Weißen in dieser Stadt den Schwarzen keine andere Wahl ließ.

Bei jedem gewaltlosen Feldzug gibt es grundsätzlich vier Stufen:

  1. Sammlung von Tatsachenmaterial zur Feststellung von Ungerechtigkeiten;
  2. Verhandlung;
  3. Selbstreinigung;
  4. Direct action.

In Birmingham haben wir diese vier Stufen durchlaufen. Niemand kann leugnen, dass die Rassenungerechtigkeit diese Stadt dem Abgrund zutreibt. Birmingham ist wahrscheinlich die Stadt in den Vereinigten Staaten, in der die Rassentrennung am vollkommensten durchgeführt wird. Im ganzen Land weiß man, dass sie den hässlichen Rekord an polizeilicher Brutalität hält. Die ungerechte Behandlung der Schwarzen durch ihre Gerichte ist berüchtigt. In Birmingham hat es mehr unaufgeklärte Bombenanschläge auf Häuser und Kirchen von Schwarzen gegeben als in irgendeiner anderen Stadt. Das sind die harten, unglaublichen Tatsachen. Auf Grund dieser Zustände haben die Führer der Schwarzen mit den Stadtvätern zu verhandeln versucht. Aber die politischen Führer haben sich durchweg geweigert, sich in ehrliche Verhandlungen einzulassen.

Dann bot sich im September vergangenen Jahres die Gelegenheit zum Gespräch mit einigen Wirtschaftsführern der Stadt. Im Laufe der Verhandlungen machten die Geschäftsleute gewisse Versprechungen, so zum Beispiel die, dass sie die verletzenden Rassenschilder von den Läden entfernen wollten. Auf diese Versprechungen hin beschlossen Rev. Shuttlesworth und die Führer der Christlichen Bewegung für Menschenrechte, alle Demonstrationen einzustellen. Wochen und Monate vergingen, bis wir erkannten, dass wir das Opfer uneingelöster Versprechen geworden waren. Die Schilder an den Läden blieben. Wie schon so oft, sahen wir auch jetzt wieder unsere Hoffnungen zunichte gemacht, und die dunklen Schatten tiefer Enttäuschung fielen über uns. So blieb uns keine andere Wahl, als eine direct action einzuleiten, bei der wir unsere ganze Person einsetzten, um dadurch das Gewissen unserer Mitbürger und unseres Volkes wachzurütteln. Wir waren uns der damit verbundenen Schwierigkeiten bewusst. Daher beschlossen wir, uns einem Prozess der Selbstreinigung zu unterziehen. Wir führten Arbeitskreise ein, in denen wir über den gewaltlosen Widerstand diskutierten und uns immer wieder die Fragen vorlegten: “Kann ich Schläge hinnehmen, ohne zurückzuschlagen?” - “Kann ich die Prüfungen einer Einkerkerung ertragen?”

Wir beschlossen, unsere direct action in die Zeit um Ostern zu legen, weil da - abgesehen von der Weihnachtszeit - die meisten Einkäufe gemacht werden. Da anzunehmen war, dass die direct action einen starken Rückgang der Geschäftsabschlüsse mit sich bringen würde, glaubten wir, dass dies die günstigste Zeit sei, um durch einen Druck auf die Geschäftsleute eine Änderung der Verhältnisse herbeizuführen. Da fiel uns ein, dass die Märzwahl bevorstand, und so entschlossen wir uns eiligst, die Aktion bis nach der Wahl zu verschieben. Als wir entdeckten, dass Mr. Connor auf der Wahlliste stand, schoben wir die Aktion noch einmal auf, damit die Demonstrationen nicht dazu missbraucht werden konnten, das Wahlergebnis zu verschleiern. Damals einigten wir uns, erst einen Tag nach der Wahl mit unserem Zeugnis der Gewaltlosigkeit zu beginnen.

Das beweist, dass wir nicht verantwortungslos in die direct action hineingegangen sind. Auch uns lag sehr daran, dass Mr. Connor eine Niederlage erlitt. So verschoben wir unsere Aktion immer und immer wieder, um damit der Stadt in ihrer Not zu helfen. Schließlich aber glaubten wir, sie nicht mehr hinausschieben zu dürfen.

Natürlich könnten Sie fragen: “Warum direct action? Warum Sitzstreiks, Aufmärsche und dergleichen? Wäre der bessere Weg nicht der der Verhandlung gewesen?” Sie haben ganz recht damit, auf den Verhandlungsweg hinzuweisen. Gerade das ist ja der Zweck der gewaltlosen direct action: Sie will eine Krise herbeiführen, eine schöpferische Spannung erzeugen, um damit eine Stadt, die sich bisher hartnäckig gegen Verhandlungen gesträubt hat, zu zwingen, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen. Sie will diese Probleme so dramatisieren, dass man nicht mehr an ihnen vorbei kann. Es gehört, wie gesagt, zur Aufgabe dessen, der gewaltlosen Widerstand leistet, eine Spannung zu erzeugen. Das mag Ihnen schockierend klingen. Ich muss Ihnen aber gestehen, dass ich mich vor dem Wort Spannung nicht fürchte. Ich habe mich immer, auch in meinen Predigten, entschieden gegen gewaltsame, zerstörerische Spannungen eingesetzt. Doch es gibt eine Art konstruktiver, gewaltloser Spannungen, die für alles Wachstum erforderlich ist.

So wie es Sokrates für nötig hielt, eine Spannung im Geist hervorzurufen, damit sich der Mensch aus der knechtischen Abhängigkeit von Mythen und Halbwahrheiten in das freie Reich schöpferischer Analyse und objektiver Bestimmung der Werte erheben konnte, so müssen wir die Notwendigkeit erkennen, durch gewaltloses Handeln die Spannung in der Gesellschaft zu schaffen, die den Menschen hilft, sich aus den dunklen Tiefen des Vorurteils und des Rassenhasses zu den erhabenen Höhen der Brüderlichkeit und des gegenseitigen Verstehens zu erheben. So ist es der Zweck der direct action, eine so krisengeladene Situation zu schaffen, dass sich die Tür zu Verhandlungen unweigerlich öffnet. Wir sind daher ganz Ihrer Meinung, dass verhandelt werden muss. Zu lange schon ist unser geliebter Süden in dem unheilvollen Versuch stecken geblieben, im Monolog zu leben statt im Dialog.

Eine grundlegende Feststellung in Ihrem Schreiben ist, dass unsere Aktion verfrüht sei. Verschiedentlich ist gefragt worden: “Warum habt ihr der neuen Regierung keine Zeit zum Handeln gelassen?” Ich kann darauf nur antworten, dass die neue Regierung ebenso zum Handeln angetrieben werden muss wie die alte. Es wäre ein kläglicher Irrtum, zu glauben, die Wahl von Mr. Boutwell brächte Birmingham das tausendjährige Reich. Die Haltung Mr. Boutwells ist zwar viel klarer und freundlicher als die Mr. Connors, aber beide Männer sind Anhänger der Rassentrennung, die ihre Aufgabe darin sehen, den Status quo aufrechtzuerhalten. Was ich von Mr. Boutwell erhoffe, ist, dass er vernünftig genug ist, die Nutzlosigkeit massiven Widerstandes gegen die Aufhebung der Segregation einzusehen. Aber das wird er nicht ohne den Druck von Seiten der Verfechter der Gleichberechtigung einsehen. Meine Freunde! Ich muss Ihnen sagen, dass wir ohne entschlossenen, legalen und gewaltlosen Druck auf dem Weg zur Gleichberechtigung nicht einen einzigen Schritt vorwärtsgekommen sind. Die Menschheitsgeschichte ist die lange und tragische Geschichte der Tatsache, dass Privilegierte ihre Privilegien selten freiwillig aufgeben. Der Einzelne mag vielleicht das moralisch Richtige erkennen und freiwillig seine ungerechte Einstellung aufgeben; aber eine Gruppe von Menschen besitzt - wie Reinhold Niebuhr sagt - weniger moralisches Empfinden als ein Einzelner.

Wir wissen aus schmerzlicher Erfahrung, dass der Unterdrücker dem Unterdrückten niemals freiwillig die Freiheit gibt. Der Unterdrückte muss sie fordern. Offen gestanden, habe ich noch nie an einer direct-action-Bewegung teilgenommen, die nach dem Zeitplan derer, die nicht unter der Qual der Segregation gelitten haben, “zur rechten Zeit” kam. Seit Jahren höre ich nun schon das Wort “warte”! Es klingt jedem Schwarzen mit schmerzlicher Vertrautheit im Ohr. Aber mit diesem “warte” meinte man fast immer “niemals”. Es war ein Beruhigungsmittel, das für einen Augenblick den Druck erleichterte, der auf dem Gemüt lastete, aber nur, um eine Missgeburt getäuschter Hoffnungen hervorzubringen. Wir müssen endlich erkennen, dass eine zu lange aufgeschobene Gerechtigkeit einer verweigerten Gerechtigkeit gleichkommt. Wir haben länger als 340 Jahre auf unsere verfassungsmäßigen und von Gott gegebenen Rechte gewartet. Die Völker Asiens und Afrikas rasen mit der Geschwindigkeit von Düsenflugzeugen auf das Ziel politischer Unabhängigkeit zu, wir aber kriechen noch im Tempo eines Einspänners dahin, um eine Tasse Kaffee in einer Imbissstube trinken zu dürfen.

Sicherlich ist es für die, die den quälenden Stachel der Rassentrennung nie gespürt haben, leicht, “warte” zu sagen. Aber wenn Sie erlebt haben, wie der brutale Mob Ihre Väter und Mütter, Ihre Brüder und Schwestern nach Laune lyncht und ertränkt; wenn Sie gesehen haben, wie hasserfüllte Polizisten ungestraft Ihre schwarzen Brüder und Schwestern beschimpfen, mit Füßen treten, misshandeln und sogar töten; wenn Sie sehen müssen, wie der weitaus größte Teil Ihrer zwanzig Millionen schwarzen Brüder inmitten einer im Überfluss lebenden Gesellschaft in einem luftdicht abgeschlossenen Käfig der Armut erstickt; wenn Ihnen plötzlich die Zunge nicht mehr gehorcht und Sie zu stammeln anfangen bei dem Versuch, Ihrer sechsjährigen Tochter zu erklären, warum sie nicht in den öffentlichen Vergnügungspark gehen darf, für den gerade im Fernsehen Reklame gemacht wurde, und Sie in ihren Augen Tränen aufsteigen sehen, wenn sie hört, dass farbige Kinder den Park nicht betreten dürfen; wenn Sie merken, wie sich am Himmel ihres jungen Gemüts lastende Wolken der Minderwertigkeit bilden und ihr Wesen sich zu verkrampfen beginnt, weil unbewusst ein Gefühl der Bitterkeit den Weißen gegenüber in ihr aufsteigt; wenn Sie sich auf die in schmerzlicher Erregung vorgebrachte Frage Ihres fünfjährigen Söhnchens: “Papi, warum behandeln die Weißen die Schwarzen so gemein?”, irgendeine Antwort ausdenken müssen; wenn Sie über Land fahren und Nacht für Nacht in einer unbequemen Ecke Ihres Autos schlafen müssen, weil kein Motel Sie aufnehmen will; wenn Sie tagein, tagaus durch die quälenden Schilder “Für Weiße” und “Für Schwarze” gedemütigt werden; wenn Sie mit Vornamen “Nigger” und “Boy” (ganz gleich wie alt Sie sind) genannt werden, und mit Zunamen “John”; wenn Ihre Frau oder Ihre Mutter niemals höflich mit “Missis” angesprochen wird; wenn Sie bei Tag und Nacht von der Tatsache gemartert und verfolgt werden, dass Sie ein Schwarzer sind, der ständig auf dem Sprunge steht, weil er nie weiß, was der nächste Augenblick bringt, und der innerlich von Furcht und äußerlich von Hass gequält wird; wenn Sie immer und immer wieder gegen das erniedrigende Gefühl ankämpfen müssen, “niemand zu sein” - dann werden Sie verstehen, warum es uns so schwer fällt zu warten. Es kommt eine Zeit, wo das Maß des Erträglichen überläuft und der Mensch nicht länger gewillt ist, sich in Abgründe der Ungerechtigkeit stoßen zu lassen, in denen ihn die Finsternis und Leere zermürbender Verzweiflung umgibt. Ich hoffe, meine Herren, Sie können nun unsere berechtigte und nicht mehr zu unterdrückende Ungeduld verstehen.

Sie zeigen sich sehr besorgt darüber, dass wir die Absicht haben, Gesetze zu brechen. Das ist bestimmt eine berechtigte Sorge. Da wir die Leute so eifrig auffordern, dem Beschluss des Obersten Bundesgerichts vom Jahre 1954 zu gehorchen und die Rassentrennung in den öffentlichen Schulen aufzuheben, ist es ziemlich merkwürdig und paradox, dass Sie nun in uns bewusste Gesetzesbrecher finden. Sie werden vielleicht fragen: “Wie können Sie es rechtfertigen, einige Gesetze zu übertreten und anderen zu gehorchen?” Das liegt einfach daran, dass es zwei Arten von Gesetzen gibt, gerechte und ungerechte. Ich möchte mit Augustin sagen: “Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz.” Wo liegt nun der Unterschied zwischen beiden? Wie kann man erkennen, ob ein Gesetz gerecht oder ungerecht ist? Ein gerechtes Gesetz ist ein von Menschen gemachtes Gesetz, das mit dem Gesetz der Moral oder dem Gesetz Gottes übereinstimmt. Ein ungerechtes Gesetz dagegen ist ein Gesetz, das mit dem Gesetz der Moral nicht harmoniert. Um mit Thomas von Aquin zu sprechen: “Ein ungerechtes Gesetz ist ein menschliches Gesetz, das nicht im Gesetz des Ewigen und der Natur verwurzelt ist. Jedes Gesetz, das die menschliche Persönlichkeit erniedrigt, ist ungerecht.”

Alle Rassentrennungsgesetze sind ungerecht, weil die Rassentrennung der Seele und dem Charakter des Menschen Schaden zufügt. Sie gibt ihren Verfechtern ein falsches Gefühl der Überlegenheit und ihren Opfern ein falsches Gefühl der Minderwertigkeit. Martin Buber, der große jüdische Philosoph, sagt, dass die Segregation anstelle der Ich-Du-Beziehung eine Ich-Es-Beziehung setzt und schließlich den Menschen zu einer Sache herabwürdigt. Die Rassentrennung ist also nicht nur vom politischen, wirtschaftlichen und soziologischen Standpunkt aus ungesund, sie ist moralisch falsch und sündhaft. Paul Tillich hat einmal gesagt, Sünde sei Absonderung. Ist nicht die Segregation ein sichtbarer Ausdruck der tragischen Absonderung des Menschen, ein Ausdruck seiner furchtbaren Entfremdung, seiner schrecklichen Sündhaftigkeit? So kann ich die Menschen auffordern, dem Beschluss des Obersten Bundesgerichtes vom Jahre 1954 zu gehorchen, weil er moralisch richtig ist, und ich kann sie auffordern, die Segregationsbestimmungen nicht zu befolgen, weil sie moralisch falsch sind.

Wir wollen uns einmal einem konkreten Beispiel für gerechte und ungerechte Gesetze zuwenden. Ein ungerechtes Gesetz ist ein Gesetz, das eine Mehrheit einer Minderheit auferlegt und an das sie sich selbst nicht gebunden fühlt. Damit wird die unterschiedliche Behandlung von Menschen legalisiert. Ein gerechtes Gesetz ist ein Gesetz, das eine Mehrheit einer Minderheit auferlegt und das sie selbst zu befolgen gewillt ist. Damit wird die gleiche Behandlung von Menschen legalisiert.

Lassen Sie mich noch eine andere Erklärung geben. Ein ungerechtes Gesetz ist ein einer Minderheit diktiertes Gesetz, an dem diese Minderheit nicht mitwirken konnte, weil sie nicht das Recht hatte zu wählen. Wer wollte behaupten, die gesetzgebende Körperschaft von Alabama, die die Rassentrennungsgesetze aufstellte, wäre demokratisch gewählt? Im Staate Alabama duldet man stillschweigend alle möglichen Methoden, um die Schwarzen daran zu hindern, sich in die Wahllisten eintragen zu lassen. Und es gibt Wahlkreise, in denen nicht ein einziger Schwarzer registriert ist, obwohl die Mehrzahl der Bevölkerung Schwarze sind. Kann denn in solch einem Staat irgendein Gesetz demokratisch genannt werden?

Das sind nur ein paar Beispiele für ungerechte und gerechte Gesetze. Es gibt Fälle, wo ein Gesetz gerecht zu sein scheint, in seiner praktischen Anwendung aber ungerecht ist. So wurde ich zum Beispiel am Freitag verhaftet, weil ich für unsere Demonstration keine Genehmigung eingeholt hatte. Nun ist an einer Vorschrift, nach der für eine Demonstration eine Genehmigung erforderlich ist, durchaus nichts Unrechtes. Wenn diese Vorschrift aber dazu benutzt wird, die Rassentrennung aufrechtzuerhalten und Staatsbürgern das ihnen durch die Verfassung gewährleistete Recht friedlicher Versammlung und friedlichen Protestes zu verweigern, dann ist sie ungerecht.

Ich hoffe, Ihnen den Unterschied, um den es mir geht, deutlich gemacht zu haben. Ich will mich nicht etwa wie ein wütender Verfechter der Rassentrennung dafür einsetzen, dass man Gesetze umgeht oder sich ihnen widersetzt. Das würde unweigerlich zur Anarchie führen. Wer ein ungerechtes Gesetz brechen will, muss es offen, in brüderlicher Liebe tun und in der Bereitschaft, die Strafe dafür auf sich zu nehmen (nicht gehässig wie die weißen Mütter in New Orleans, die man im Fernsehen “Nigger, Nigger, Nigger” schreien hörte). Ich behaupte, dass der die größte Hochachtung vor dem Gesetz zeigt, der ein Gesetz bricht, das ihm vor seinem Gewissen ungerecht erscheint, und bereitwillig die Strafe auf sich nimmt und ins Gefängnis geht, um damit das Gewissen seiner Mitbürger wachzurütteln und ihnen die Augen für die Ungerechtigkeit dieses Gesetzes zu öffnen.

Natürlich ist diese Art des bürgerlichen Ungehorsams nichts Neues. Wir haben ein leuchtendes Beispiel dafür in Schadrach, Meschach und Abed-Nego, die sich weigerten, dem Gesetz Nebukadnezars zu gehorchen, da sie sich einem höheren Gesetz unterworfen fühlten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel finden wir auch bei den frühen Christen, die sich lieber der Wut hungriger Löwen und der Qual der Folter aussetzten, als sich bestimmten ungerechten Gesetzen des Römischen Reiches zu unterwerfen. Und bis zu einem gewissen Grade ist es Sokrates’ bürgerlichem Ungehorsam zu verdanken, dass wir heute so etwas wie eine akademische Freiheit haben.

Wir dürfen niemals vergessen, dass alles, was Hitler in Deutschland tat, “legal” und alles, was die ungarischen Freiheitskämpfer in Ungarn taten, “illegal” war.

Im Hitlerdeutschland war es “ungesetzlich”, einem Juden zu helfen. Aber ich hätte sicherlich meinen jüdischen Brüdern trotzdem beigestanden, wenn ich damals in Deutschland gewesen wäre. Wenn ich heute in einem kommunistischen Lande lebte, in dem gewisse dem christlichen Glauben wertvolle Grundsätze bekämpft werden, so würde ich, glaube ich, offen dazu auffordern, solchen antireligiösen Gesetzen nicht zu gehorchen.

Ich will Ihnen, meine christlichen und jüdischen Brüder, zwei Geständnisse machen. Als erstes muss ich bekennen, dass ich in den letzten Jahren von den gemäßigten Weißen zutiefst enttäuscht wurde. Ich bin beinahe zu dem Schluss gekommen, dass das große Hindernis auf dem Wege des Schwarzen in die Freiheit nicht der Weiße Bürgerrat oder der Ku-Klux-Klan ist, sondern der gemäßigte Weiße, dem “Ordnung” mehr bedeutet als Gerechtigkeit, der einen negativen Frieden, in dem es keine Spannungen gibt, einem positiven Frieden, in dem Gerechtigkeit herrscht, vorzieht; der ständig sagt: “Mit Ihrem Ziel bin ich völlig einverstanden, nicht aber mit Ihren Methoden der direct action”; der meint, in väterlicher Fürsorge die rechte Zeit für die Freiheit eines anderen bestimmen zu müssen; der dem Schwarzen immer wieder rät, einen “passenderen Zeitpunkt” abzuwarten. Oberflächliches Verständnis bei Menschen, die guten Willens sind, ist entmutigender als absolutes Missverständnis bei Menschen bösen Willens. Lauwarme Anerkennung ist irreführender als völlige Ablehnung.

Ich hatte gehofft, die gemäßigten Weißen würden verstehen, dass das Gesetz dazu da ist, die Gerechtigkeit durchzusetzen, und dass es andernfalls zu einem gefährlichen Hindernis wird, das die Flut des sozialen Fortschritts hemmt. Ich hatte gehofft, der gemäßigte Weiße würde verstehen, dass die augenblickliche Spannung in den Südstaaten nur eine notwendige Übergangsphase ist, und zwar von einem negativen Frieden, in dem der Schwarze die Ungerechtigkeit teilnahmslos hinnahm, zu einem positiven Frieden, in dem alle Menschen die Würde und den Wert der menschlichen Persönlichkeit respektieren werden. Eigentlich sind wir, die wir uns an einer direct action beteiligen, nicht die, die die Spannung erzeugen. Wir bringen nur die bereits vorhandene, verborgene Spannung an die Oberfläche. Wir holen sie ans Tageslicht, damit man sie sehen und sich mit ihr befassen kann. Wie ein Furunkel, der erst heilen kann, wenn er geöffnet und mit seiner ganzen eitrigen Hässlichkeit den natürlichen Heilkräften der Luft und des Lichtes ausgesetzt wird, so muss auch die Ungerechtigkeit mit all der Spannung, die sie erzeugt, erst ans Licht des menschlichen Gewissens und an die frische Luft der öffentlichen Meinung gebracht werden, um heilen zu können.

Sie behaupten in Ihrem Brief, dass unser Vorgehen zwar friedlich, aber trotzdem verwerflich sei, weil es Gewalttätigkeiten heraufbeschworen habe. Ist diese Behauptung logisch? Heißt das nicht, den Beraubten verdammen, weil er dadurch, dass er Geld besaß, die verwerfliche Tat des Raubes heraufbeschwor? Bedeutet das nicht, Sokrates zu verurteilen, weil sein unerschütterliches Bekenntnis zur Wahrheit und seine philosophischen Forschungen die irregeleitete Öffentlichkeit dazu trieben, ihm den Giftbecher zu reichen? Bedeutet das nicht, Jesus zu verdammen, weil sein einzigartiges Gottesbewusstsein, seine nie endende Unterwerfung unter Gottes’ Willen die böse Tat seiner Kreuzigung heraufbeschworen? Wir müssen zu der Erkenntnis kommen, dass es - wie auch die Bundesgerichtshöfe übereinstimmend festgestellt haben - unmoralisch ist, einen Menschen zur Aufgabe seiner Bemühungen um die grundlegenden verfassungsmäßigen Rechte aufzufordern, weil diese Bemühungen Gewalttätigkeiten auslösen könnten. Die Gesellschaft muss die Beraubten schützen und die Räuber bestrafen.

Ich hatte auch gehofft, dass der gemäßigte Weiße den Mythos der Zeit als verwerflich ablehnen würde. Ich erhielt heute morgen einen Brief von einem weißen Bruder aus Texas, in dem er schreibt: “Alle Christen wissen, dass die Farbigen eines Tages die Gleichberechtigung erlangen werden. Aber gehen Sie nicht vielleicht zu weit in Ihrer religiösen Eile? Das Christentum hat zweitausend Jahre gebraucht, um zu erreichen, was es erreicht hat. Christi Lehren brauchen Zeit, um Wurzeln zu fassen.” Was hier gesagt ist, erwächst aus einem tragischen Missverständnis des Begriffes “Zeit”. Es ist die merkwürdig unrealistische Vorstellung, dass die Zeit die Fähigkeit besäße, unweigerlich alle Übel zu heilen. Die Zeit ist aber durchaus neutral. Sie kann sowohl destruktiv als auch konstruktiv verwendet werden. Ich glaube allmählich, dass die Menschen bösen Willens ihre Zeit wesentlich nützlicher verwendet haben als die Menschen guten Willens. Unsere Generation wird eines Tages nicht nur die ätzenden Worte und schlimmen Taten der schlechten Menschen zu bereuen haben, sondern auch das furchtbare Schweigen der guten. Wir müssen erkennen lernen, dass menschlicher Fortschritt niemals auf den Rädern des Unvermeidlichen heranrollt. Er ist das Ergebnis unermüdlicher Bemühungen und beharrlichen Einsatzes von Menschen, die bereit sind, Mitarbeiter Gottes zu sein. Ohne solche Anstrengungen wird die Zeit zum Verbündeten der Kräfte des sozialen Stillstandes.

Wir müssen die Zeit schöpferisch verwenden und uns stets vor Augen halten, dass es immer rechte Zeit ist, das Rechte zu tun. jetzt ist es Zeit, die Grundsätze der Demokratie zu verwirklichen und das Klagelied unserer Nation in eine schöpferische Hymne der Brüderlichkeit umzuwandeln. Jetzt ist es Zeit, unsere nationale Politik aus dem Treibsand der Rassenungerechtigkeit zu heben und auf den sicheren Felsen menschlicher Würde zu stellen.

Sie bezeichneten unser Vorgehen in Birmingham als extremistisch. Zuerst war ich ziemlich enttäuscht, dass Amtsbrüder meine gewaltlosen Bemühungen für die eines Extremisten ansahen. Ich machte mir Gedanken darüber, dass ich eigentlich in der Mitte zwischen zwei widerstreitenden Mächten der Schwarzen stehe. Die eine ist die Macht der Trägheit. Ihr sind die Schwarzen verfallen, die infolge langjähriger Unterdrückung alle Selbstachtung und alles Selbstbewusstsein so völlig verloren haben, dass sie sich der Segregation anpassten, und außerdem ein paar Schwarze des Mittelstandes, die unbewusst den Problemen der Masse gegenüber gleichgültig geworden sind, weil sie einen akademischen Grad oder wirtschaftliche Sicherheit erworben haben oder aus der Rassentrennung einen gewissen Nutzen ziehen. Die andere Macht ist die der Bitterkeit und des Hasses, die einem Ja zur Gewaltanwendung gefährlich nahekommt. Sie findet ihren Ausdruck in den verschiedenen schwarzen Nationalistengruppen, die überall im Lande entstehen und deren bekannteste die Muslimbewegung von Elijah Muhammad ist. Diese Bewegung wird von der Enttäuschung über das Fortbestehen der Rassendiskriminierung genährt. Sie besteht aus Menschen, die den Glauben an Amerika verloren haben, vom Christentum absolut nichts wissen wollen und zu dem Schluss gekommen sind, dass der weiße Mensch ein “Teufel” ist.

Ich habe nun erklärt, dass wir weder mit der “Nichtstuerei” der Trägen noch mit dem Hass und der Verzweiflung der schwarzen Nationalisten etwas zu tun haben wollen. Es gibt noch einen besseren Weg, den der Liebe und des gewaltlosen Protestes. Ich danke Gott, dass durch die Kirche der Schwarzen der Begriff der Gewaltlosigkeit in unseren Kampf hineingetragen wurde. Ich bin überzeugt, dass heute Ströme von Blut durch die Städte des Südens fließen würden, wenn dies nicht geschehen wäre. Und ich bin ebenso überzeugt, dass Millionen von Schwarzen aus Enttäuschung und Verzweiflung in den Ideologien schwarzer Nationalisten Trost und Sicherheit suchen werden, wenn unsere weißen Brüder uns als “Aufrührer” und “fremde Agitatoren” abtun und sich weigern, unsere gewaltlosen Methoden zu unterstützen. Das würde auf jeden Fall zu einem entsetzlichen Alpdruck im Rassenkampf führen.

Unterdrückte können nicht immer unterdrückt bleiben. Irgendwann wird der Drang nach Freiheit erwachen. So ist es dem amerikanischen Schwarzen ergangen. Irgend etwas in seinem Innern hat ihn an sein angestammtes Recht auf Freiheit gemahnt. Und irgend etwas von außen hat ihn daran gemahnt, dass er dieses Recht auf Freiheit gewinnen könnte. Bewusst und unbewusst ist er von etwas ergriffen worden, was die Deutschen den Zeitgeist nennen, und er eilt nun zusammen mit seinen braunen und gelben Brüdern in Asien, Südamerika und auf den Karibischen Inseln auf das verheißene Land der Rassengerechtigkeit zu. Dieses vitale Drängen, das über die Schwarzen gekommen ist, sollte man erkennen und von daher die öffentlichen Demonstrationen zu verstehen suchen. Der Schwarze ist voll verhaltener Ressentiments und verborgener Enttäuschungen. Er muss sich davon befreien. Deshalb lasst ihn doch manchmal marschieren! Lasst ihn seine Pilgerzüge zum Rathaus machen, versteht, warum er Sitzstreiks und Freiheitskundgebungen braucht. Wenn er seinen unterdrückten Gefühlen nicht auf diese gewaltlose Weise Luft machen darf, werden sie sich in Gewaltausbrüchen äußern. Das ist keine Drohung. Es ist eine geschichtliche Tatsache. Daher habe ich nicht zu meinen schwarzen Brüdern gesagt: “Macht euch frei von eurer Unzufriedenheit”, sondern ich habe ihnen klarzumachen versucht, dass diese normale und gesunde Unzufriedenheit durch gewaltlose direct action in andere, schöpferische Bahnen gelenkt werden kann. Deshalb nennen Sie mich nun einen Extremisten! Ich muss gestehen, dass ich darüber zunächst bitter enttäuscht war.

Als ich aber weiter darüber nachdachte, erfüllte es mich mit einer gewissen Genugtuung, ein Extremist genannt zu werden. War nicht Jesus ein Extremist der Liebe? “Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen.” War nicht Amos ein Extremist der Gerechtigkeit? “Es soll aber das Recht offenbar werden wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein starker Strom.” War nicht Paulus ein Extremist der Lehre Jesu Christi? “Ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe.” War nicht Martin Luther ein Extremist? “Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.” War nicht John Bunyan ein Extremist? “Ehe ich aus meinem Gewissen eine Mördergrube mache, will ich lieber bis ans Ende meiner Tage im Gefängnis bleiben.” War nicht Abraham Lincoln ein Extremist? “Diese Nation kann nicht weiterleben - zur Hälfte Sklaven, zur Hälfte Freie.” Und war nicht auch Thomas Jefferson ein Extremist? “Wir halten es für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.” Es geht also nicht darum, ob wir Extremisten sind, sondern was für Extremisten wir sind. Sind wir Extremisten des Hasses oder der Liebe? Sind wir Extremisten, die die Ungerechtigkeit aufrechterhalten wollen, oder sind wir Extremisten der Gerechtigkeit?

In jenem dramatischen Geschehen auf Golgota wurden drei Männer gekreuzigt. Vergessen wir nicht, dass alle drei wegen des gleichen Vergehens ans Kreuz geschlagen wurden: Sie waren Extremisten. Zwei von ihnen waren Extremisten der Verderbtheit und daher tief unter ihre Mitmenschen gesunken. Einer aber, Jesus Christus, war ein Extremist der Liebe, der Wahrheit und der Güte und hatte sich dadurch weit über seine Mitmenschen erhoben. So brauchen die Südstaaten, Amerika und die Welt vielleicht doch sehr dringend schöpferische Extremisten. Ich hatte gehofft, dass die gemäßigten Weißen das erkennen würden. Vielleicht war ich zu optimistisch. Vielleicht hatte ich zuviel erwartet. Ich meine festgestellt zu haben, dass nur wenige Glieder einer Rasse, die eine andere unterdrückt hat, das tiefe Stöhnen und das leidenschaftliche Verlangen der Unterdrückten wirklich verstehen können. Und noch weniger haben den Blick dafür, dass es notwendig ist, die Ungerechtigkeit durch eine starke, beharrliche und entschlossene Aktion auszurotten. Ich bin daher dankbar, dass einige unserer weißen Brüder die Bedeutung dieser sozialen Revolution begriffen und sich ihr angeschlossen haben. Es sind noch nicht viele, dafür aber sehr wertvolle und tüchtige Menschen. Männer und Frauen wie Ralph McGill, Lillian Smith, Harry Golden und James Dabbs haben in beredten, prophetischen und verständnisvollen Worten über unseren Kampf geschrieben. Andere sind mit uns auf den unwegsamen Straßen des Südens marschiert. Sie haben in schmutzigen, mit Ungeziefer verseuchten Gefängnissen geschmachtet, beschimpft und misshandelt von wütenden Polizisten, für die sie nur “dreckige Niggerfreunde” waren. Im Gegensatz zu vielen ihrer gemäßigten Brüder und Schwestern haben sie die Dringlichkeit des Augenblicks und die Notwendigkeit erkannt, das Übel der Rassentrennung mit dem Gegengift machtvoller direct action zu bekämpfen.

Lassen Sie mich schnell noch von meiner zweiten Enttäuschung sprechen. Ich bin furchtbar enttäuscht von der weißen Kirche und ihren führenden Männern. Natürlich gibt es einige bemerkenswerte Ausnahmen. Ich habe nicht vergessen, dass jeder von Ihnen eine für uns wichtige Haltung in dieser Frage eingenommen hat. Ihnen, Rev. Stallings, ein besonderes Lob, dass Sie in christlicher Gesinnung am vergangenen Sonntag in Ihrem Gottesdienst auch Schwarze willkommen hießen. Ein Lob auch den katholischen Führern dieses Staates, die vor mehreren Jahren das Springhill College integriert haben. Aber trotz dieser Ausnahmen muss ich noch einmal bekennen, dass ich von der Kirche enttäuscht bin. Ich sage das nicht als einer jener Kritiker, die an der Kirche immer etwas auszusetzen haben. Ich sage es als Prediger des Evangeliums, der die Kirche liebt und ihr sein Leben lang treu bleiben wird.

Als ich vor mehreren Jahren plötzlich und völlig unerwartet in die Leitung des Bus-Protestes in Montgomery gewählt wurde, glaubte ich komischerweise, dass uns die weiße Kirche unterstützen würde. Ich glaubte, die weißen Pfarrer, Priester und Rabbiner der Südstaaten würden zu unseren stärksten Verbündeten gehören. Statt dessen waren einige von ihnen ausgesprochene Gegner, die unsere Freiheitsbewegung einfach nicht verstehen wollten und deren Führer in ein falsches Licht setzten. Und es gab nur allzu viele andere, die eher vorsichtig als mutig waren und sich hinter der einschläfernden Sicherheit bunter Kirchenfenster nicht zu rühren wagten.

Trotz meiner damals zerstörten Träume kam ich mit der Hoffnung nach Birmingham, dass die Kirchenführer der Weißen in dieser Stadt das Gerechte unserer Sache erkennen und in tiefer, sittlicher Verantwortung unsere berechtigten Klagen an die maßgebenden Stellen weiterleiten würden. Ich hatte gehofft, dass Sie alle uns verstehen würden. Aber wieder wurde ich enttäuscht.

Ich habe gehört, wie zahlreiche führende Persönlichkeiten der Kirche in den Südstaaten die Gläubigen in ihren Gottesdiensten aufforderten, sich dem Beschluss der Aufhebung der Rassentrennung zu fügen, weil das Gesetz es so wolle. Aber ich sehnte mich danach, weiße Pfarrer sagen zu hören: “Befolgt diesen Erlass, denn die Integration ist moralisch richtig und gut, und der Schwarze ist euer Bruder.” Ich habe beobachtet, wie die Kirche inmitten schreiender Ungerechtigkeiten gegen die Schwarzen abseits stand und nur fromme Belanglosigkeiten und scheinheilige Trivialitäten im Munde führte. Mitten in dem gewaltigen Kampf um die Befreiung unserer Nation von rassischer und ökonomischer Ungerechtigkeit habe ich viele Pfarrer sagen hören: “Das sind soziale Angelegenheiten, mit denen das Evangelium nichts zu tun hat.” Und ich habe feststellen müssen, dass sich viele Kirchen zu einer Religion der “anderen” Welt bekennen, die einen merkwürdigen Trennungsstrich zwischen Körper und Seele, zwischen Geistlichem und Weltlichem zieht.

So gehen wir also auf das Ende des 20. Jahrhunderts zu mit einer Gemeinde von Gläubigen, die sich dem Status quo weitgehend angepasst hat und gewissermaßen als Schlusslicht hinter anderen Organisationen der Bürgerschaft hermarschiert, statt den Menschen auf dem Weg zu höheren Ebenen der Gerechtigkeit voranzuleuchten.

Ich bin hin und her durch Alabama, Mississippi und all die anderen Südstaaten gereist. An glühenden Sommertagen und kühlen Herbstmorgen habe ich mir ihre schönen Kirchen angeschaut, deren Turmspitzen in den Himmel ragen. Ich habe ihre großen, eindrucksvollen theologischen Seminare gesehen. Wieder und wieder habe ich mich gefragt: “Was für Menschen kommen hier zum Gottesdienst? Wer ist ihr Gott? Wo waren ihre Stimmen, als Gouverneur Barnetts Lippen von Worten des Widerstandes gegen das Bundesgesetz überflossen? Wo waren sie, als Gouverneur Wallace das Trompetensignal zu Auflehnung und Hass gab? Wo war ihr Zuspruch, als müde, zerschlagene und erschöpfte Schwarze den Entschluss fassten, sich aus den dunklen Verliesen der Resignation zu den lichten Höhen eines schöpferischen Protestes zu erheben?”

Ja, diese Fragen beschäftigen mich noch immer. Tief enttäuscht habe ich über die schlaffe Haltung der Kirche geweint. Aber glauben Sie mir, diese Tränen waren Tränen der Liebe. Denn nur wo tiefe Liebe ist, kann auch tiefe Enttäuschung sein. Ja, ich liebe die Kirche! Ich liebe ihre heiligen Mauern. Wie könnte es auch anders sein?

Ich bin in der ziemlich einmaligen Lage, Sohn, Enkel und Urenkel von Predigern zu sein. Ja, ich sehe die Kirche als den Leib Christi. Aber wie haben wir diesen Leib durch unsere soziale Nachlässigkeit und unsere Angst, als Nonkonformisten zu gelten, geschändet und mit Narben bedeckt!

Es gab einmal eine Zeit, wo die Kirche sehr mächtig war. Das war damals, als die Christen sich noch freuten, wenn sie für wert erachtet wurden, für ihren Glauben zu leiden. In jenen Tagen war die Kirche nicht nur ein Thermometer, das die Ideen und Grundsätze der öffentlichen Meinung anzeigte, sie war der Thermostat, der die Sitten der Gesellschaft regelte. In jeder Stadt, in die die frühen Christen kamen, wurden die Machtverhältnisse gestört, und die Machthaber versuchten sofort, sie als “Friedensstörer” und “fremde Agitatoren” zu überführen. Aber sie blieben bei ihrer Überzeugung, eine “Siedlung des Himmels” zu sein und Gott mehr gehorchen zu müssen als den Menschen. Ihre Zahl war klein, aber ihre Bekenntnistreue war groß. Sie waren zu ergriffen und erfüllt von Gott, um sich von der gewaltigen Zahl ihrer Gegner einschüchtern zu lassen. Sie machten uralten Übeln wie Kindermord und Gladiatorenkämpfen ein Ende.

Heute ist es anders. Die Kirche unserer Zeit ist oft nur eine schwache, wirkungslose und unsicher klingende Stimme. Nur zu oft ist sie der stützende Pfeiler des Status quo. Weit davon entfernt, durch die Gegenwart der Kirche gestört zu sein, fühlen sich die Machthaber in den meisten unserer Städte noch bestärkt durch ihre schweigende und oft sogar laut ausgesprochene Sanktionierung der bestehenden Zustände. Aber das Gericht Gottes ist über der Kirche wie nie zuvor. Wenn sie den heiligen Geist, der die frühe Kirche beseelte, nicht wiedergewinnen kann, wird sie ihre Glaubwürdigkeit verlieren, die Treue von Millionen von Gläubigen verwirken und als ein für das 20. Jahrhundert bedeutungsloser geselliger Verein abgetan werden. Ich begegne täglich jungen Menschen, deren Enttäuschung über die Kirche sich zu ausgesprochenem Ekel gesteigert hat.

Vielleicht bin ich wieder zu optimistisch gewesen. Ist die organisierte Religion zu unlösbar an den Status quo gebunden, um unsere Nation und die Welt retten zu können? Vielleicht muss ich mein Vertrauen der unsichtbaren Kirche zuwenden, der Kirche innerhalb der Kirche, als der wahren Ecclesia und Hoffnung der Welt. Aber wieder bin ich Gott dankbar, dass sich einige edle Menschen aus den Reihen der organisierten Religion von der lähmenden Kette des Mitläufertums losgerissen und sich uns als aktive Partner im Kampf für die Freiheit angeschlossen haben. Sie haben ihre sicheren Gemeinden verlassen und sind mit uns durch die Straßen von Albany/Georgia gezogen. Sie haben gefahrvolle Fahrten für die Freiheit durch die Südstaaten unternommen. Ja, sie sind mit uns ins Gefängnis gegangen. Einige sind aus ihren Kirchen ausgestoßen und von ihren Bischöfen und Amtsbrüdern im Stich gelassen worden. Aber sie sind in dem Glauben gegangen, dass der Gerechte in seiner Niederlage stärker ist als der Böse in seinem Triumph. Diese Menschen waren der Sauerteig in ihrem Volk. Ihr Zeugnis war das geistige Salz, das die Wahrheit des Evangeliums in dieser verworrenen Zeit vor dem Verderben bewahrte. Sie haben einen Tunnel der Hoffnung durch den dunklen Berg der Enttäuschung gegraben.

Ich hoffe, die Kirche als Ganzes wird die Forderung dieser entscheidenden Stunden erfüllen. Aber selbst wenn sie der Gerechtigkeit nicht zu Hilfe kommt, verzweifle ich nicht an der Zukunft. Ich bin nicht besorgt um den Ausgang unseres Kampfes in Birmingham, auch wenn unsere Motive im Augenblick missverstanden werden. Unser Ziel ist Freiheit für Birmingham und das ganze Land, weil Freiheit das Ziel Amerikas ist. Wenn wir auch misshandelt und verachtet werden, unser Schicksal ist mit dem Amerikas verbunden. Ehe die ersten Siedler in Plymouth landeten, waren wir hier. Ehe Jeffersons Feder die majestätischen Worte der Unabhängigkeitserklärung in die Blätter der Geschichte eintrug, waren wir hier. Über zwei Jahrhunderte arbeiteten unsere Vorväter in diesem Land ohne Lohn. Sie machten die Baumwolle zum “König”. Sie bauten die Häuser ihrer Herren inmitten brutaler Ungerechtigkeit und schmachvoller Erniedrigung. Und doch entfalteten und entwickelten sie sich aus einer unergründlichen Vitalität heraus weiter. Wenn uns die unsäglichen Grausamkeiten der Sklaverei nicht aufhalten konnten, wird es unseren jetzigen Gegnern ganz gewiss nicht gelingen. Wir werden die Freiheit gewinnen, weil unsere Forderungen vom ewigen Willen Gottes und vom heiligen Erbe unserer Nation getragen sind.

Ehe ich schließe, muss ich noch auf einen Punkt in Ihrem Schreiben eingehen, der mich tief betrübt hat. Sie sprechen der Polizei von Birmingham ein warmes Lob dafür aus, dass sie die “Ordnung aufrechterhalten” und “Gewalttätigkeit verhindert” habe. Sie hätten das sicher nicht getan, wenn Sie gesehen hätten, wie sechs unbewaffnete Schwarze von wütenden, gewalttätigen Polizeihunden buchstäblich zerbissen wurden. Und ich glaube, Sie würden auch die Polizisten nicht so schnell loben, wenn Sie wüssten, wie gemein und unmenschlich diese die Schwarzen hier im städtischen Gefängnis behandeln; wenn Sie mit ansehen müssten, wie sie alte und junge schwarze Frauen herumstoßen und beschimpfen, wie sie alte und junge Schwarze schlagen und treten; wenn Sie wüssten, dass sie uns nun schon zum zweiten Mal das Essen verweigerten, weil wir gemeinsam unser Tischgebet singen wollten. Leider kann ich in Ihr Lob der Polizei nicht mit einstimmen.

Es ist wahr, dass sie die Demonstranten in der Öffentlichkeit ziemlich diszipliniert behandelt haben. In gewissem Sinne sind sie also nach außen hin “gewaltlos” gewesen. Aber zu welchem Zweck? Um das böse System der Rassentrennung aufrechtzuerhalten. Während der letzten Jahre habe ich in meinen Predigten ständig betont, die Gewaltlosigkeit verlange, dass die Mittel, die wir gebrauchen, so lauter sind wie die Ziele, nach denen wir streben. So habe ich klarzumachen versucht, dass es falsch ist, unmoralische Mittel anzuwenden, um moralische Ziele zu erreichen. Aber jetzt möchte ich fast behaupten, dass es genauso falsch oder noch falscher ist, moralische Mittel anzuwenden, um unmoralische Ziele zu erreichen. Vielleicht waren Gouverneur Connor und seine Polizisten noch eher gewaltlos als Chief Prichett in Albany/Georgia. Aber sie haben das moralische Mittel der Gewaltlosigkeit angewendet, um das unmoralische Ziel schreiender Rassenungerechtigkeit aufrechtzuerhalten. T. S. Eliot hat einmal gesagt, es gäbe keinen größeren Verrat, als die richtige Tat aus dem falschen Grunde zu tun.

Ich wünschte, Sie hätten die Schwarzen, die in Birmingham in den Sitzstreik traten und an den Demonstrationen teilnahmen, für ihren hohen Mut, ihre Leidensbereitschaft und ihre erstaunliche Disziplin inmitten der unmenschlichsten Provokationen gelobt. Eines Tages werden die Südstaaten erkennen, wer ihre wahren Helden sind. Das werden Menschen wie James Meredith sein, die mutig und zielbewusst den Hohn des feindlich gesinnten Mobs und die qualvolle Einsamkeit, die das Leben des Pioniers kennzeichnet, auf sich nehmen. Das werden alte, unterdrückte und zerschlagene schwarze Frauen sein wie jene 72jährige alte Frau in Montgomery, die sich entschlossen hatte, ebenso wie ihre Brüder und Schwestern die Busse nicht zu benutzen, und auf die Frage, ob sie müde sei, mit Würde antwortete: “Meine Füße sind müde, aber meine Seele ist ausgeruht.” Das werden die jungen Oberschüler und Studenten sein, die jungen Prediger des Evangeliums und viele ihrer Kirchenältesten, die mutig und ohne gewalttätig zu sein, in Imbissstuben in den Sitzstreik traten und bereit waren, um ihres Gewissens willen ins Gefängnis zu gehen.

Eines Tages wird der Süden erkennen, dass sich diese enterbten Kinder Gottes, als sie sich in den Imbissstuben niedersetzten, in Wirklichkeit für den amerikanischen Traum und für die heiligsten Werte unseres jüdisch-christlichen Erbes erhoben; und dass sie so unsere ganze Nation zu den reichen Brunnen der Demokratie zurückführten, die die Gründerväter in der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung gegraben haben.

Dies ist der längste Brief, den ich je geschrieben habe (man könnte ihn fast ein Buch nennen). Ich fürchte, er ist viel zu lang für Ihre kostbare Zeit! Ich versichere Ihnen, dass er wesentlich kürzer geworden wäre, wenn ich an einem bequemen Schreibtisch geschrieben hätte. Wenn man aber tagelang allein in der dumpfen Eintönigkeit einer engen Gefängniszelle sitzt, was kann man da schon anderes tun als lange Briefe schreiben, merkwürdige Gedanken denken und lange Gebete beten?

Wenn ich in diesem Brief irgend etwas gesagt habe, womit ich die Wahrheit übertrieben und eine unbegründete Ungeduld bewiesen habe, so bitte ich Sie um Verzeihung. Sollte ich aber in diesem Brief etwas gesagt haben, was hinter der Wahrheit zurückbleibt, und eine Geduld bewiesen haben, die sich mit weniger als Brüderlichkeit zufrieden gibt, dann bitte ich Gott um Vergebung.

Hoffentlich trifft Sie dieser Brief bei starkem Glauben an. Ich hoffe auch, dass es mir die Umstände bald erlauben werden, einmal mit Ihnen zusammenzukommen, nicht als Verfechter der Integration oder als Führer im Kampf um die Gleichberechtigung, sondern als Amtsbruder und als Bruder in Christo. Wir wollen alle hoffen, dass die dunklen Wolken des Rassenvorurteils bald vorüberziehen, dass sich der dichte Nebel gegenseitigen Nichtverstehens bald von unseren verängstigten Gemeinden hebt und dass in nicht allzu ferner Zukunft die strahlenden Sterne der Liebe und Brüderlichkeit mit all ihrer funkelnden Schönheit über unserer großen Nation leuchten.

Um des Friedens und der Brüderlichkeit willen Ihr
Martin Luther King

Quellenvermerk: © Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Briefs.

Anmerkungen:

1 Aus: Martin Luther King: Schöpferischer Widerstand. Hrsg. von Heinrich W. Grosse. Gütersloher Verlagshaus, 1985.

2 direct action meint direktes (unmittelbares) Vorgehen durch Demonstrationen, Sitzstreiks usw. im Unterschied zu einem Vorgehen auf dem Verhandlungswege.

Veröffentlicht am

26. März 2005

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