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Kohlekraft: Sicherheit lohnt sich nicht

Von Karl Grobe

Vor allem nicht staatliche chinesische Firmen investieren kaum in Technik und Schutz ihrer Beschäftigten. Der Bergbau in China kostet Menschenleben, unverhältnismäßig mehr als in allen anderen Ländern.

China gewinnt doppelt so viel Energie aus Windkraftanlagen wie Deutschland, China ist Spitzenreiter in der Solarenergietechnik - doch für die Energiebilanz des volkreichsten Staates der Erde ist die Kohle ungleich wichtiger. In dem aufstrebenden Land deckt die Kohle rund 70 Prozent des Energiebedarfs. Und obwohl Chinas fast 18 000 Bergwerke mehr Kohle fördern als die jedes anderen Staates, reichen die jährlich geförderten gut drei Milliarden Tonnen nicht aus. Seit sechs Jahren kauft China auf dem Weltmarkt hinzu, das Land, in dem seit zwei Jahrtausenden Kohle abgebaut wird und in dem der italienische Reisende Marco Polo um das Jahr 1300 staunte, dass diese schwarzen Steine brennen.

Die wachsende Nachfrage bedingt, dass um fast jeden Preis abgebaut wird. Der Preis bemisst sich nicht nur in Dollar oder Yuan - der Bergbau kostet Menschenleben, unverhältnismäßig mehr als in allen anderen Ländern. 2012 kamen 1348 Bergleute in China um (für 2013 gibt es Daten nur für die ersten drei Quartale, 839 Todesopfer im Kohlenbergbau bis Ende September). Immerhin sinken die Opferzahlen erheblich. Vor acht Jahren waren es noch 13 Todesopfer pro Tag, insgesamt 4746. Das sind die amtlichen Zahlen; sie sagen naturgemäß nichts über die Verhältnisse in Tausenden immer noch vorhandenen illegalen Gruben aus. Zum Vergleich: Im zweitgrößten Förderstaat, den USA, gab es 2010 48 Todesopfer im Bergbau.

Charakteristisch sind die Unfälle in kleineren Minen. So ereigneten sich im April zwei Grubenunfälle im Bezirk Qujing nahe der Millionenstadt Kunming, Hauptstadt der Süd-Provinz Yunnan. Zuerst kamen 22 von 26 Kumpels ums Leben, weil der Schacht überflutet wurde. Drei Wochen darauf starben 13 Bergleute bei einer Explosion unter Tage.

Kaum andere Jobs zu haben

Die Behörden griffen nach dem ersten Unglück durch: Sieben Verantwortliche der Grube und elf für Sicherheitsfragen zuständige Ortsfunktionäre wurden gefeuert oder festgenommen. In den staatlichen Betrieben gilt der Achtstundentag und die Rente mit 55 für Kumpels. Für die kleinen - privaten - Minen gilt das nicht. Arbeiter werden dort oft nach der geförderten Menge bezahlt, und das wussten schon vor einem Jahrhundert ihre deutschen Kollegen: Akkord ist Mord.

Es gibt auch keine Altersgrenze bei den Privaten, häufig keine Gesundheitsfürsorge, keine Kranken- und keine Altersversicherung. Ein Bergmann sagte nach einem schweren Unglück der Nachrichtenagentur AP: "Die Arbeit im Bergbau ist wirklich zu gefährlich, aber hier ist es schwer, andere Arbeit zu finden." Der Mann verdiente zwar beinahe das Zehnfache dessen, was in derselben Gegend Bauern auf dem Markt erlösen können, nämlich umgerechnet 400 Euro im Monat; das Überangebot an Arbeitskräften sorgt aber dafür, dass die Löhne niedrig bleiben.

Da lohnt es sich für die Unternehmer, ob staatlich oder privat, legal oder illegal, gar nicht, in Maschinen zu investieren. Menschliche Arbeitskraft ist billiger. Aber auch unproduktiv. Ein chinesischer Bergmann kann mit Muskelkraft 320 Tonnen pro Jahr fördern. Das sind 2,2 Prozent dessen, was sein US-Kollege mit Maschinen schafft. Doch für chinesische Unternehmer lohnt sich das. Einer rechnete der FAZ vor, er verkaufe die Tonne Steinkohle für 256 Yuan bei einem Reinverdienst von 100 Yuan (etwa zwölf Euro).

Der Staat hat in den vergangenen zehn Jahren gut die Hälfte der kleinen und kleinsten Bergwerke geschlossen und auch Parteifunktionären verboten, in diesem Bereich unternehmerisch tätig zu sein. Er hat Sicherheitsbestimmungen erlassen. Er hat Strafen verhängt. Doch die Korruption hilft, das zu umgehen. Gegen Unfälle, Hungerlöhne, Grubengas und Schlagwetter hilft sie nicht, da wären Investitionen nötig. Investitionen aber erfolgen erst, wenn der Markt es erfordert.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 14.05.2014. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

16. Mai 2014

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