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Dank für Mut und Menschlichkeit

An seinem 90. Geburtstag, am 13. Dezember 2011, wurde der frühere Wehrmachts-Deserteur und Vorsitzende der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz durch einen Senatsempfang vor 200 geladenen Gästen abends im Bremer Rathaus geehrt. Festredner waren der Präsident des Senats Bürgermeister Jens Böhrnsen, der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt von der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, Ulli Thiel als Repräsentant des Bundesverbandes der der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und Ludwig Baumann selber. Bei der Geburtstagsfeier am Nachmittag im kleineren Rahmen mit Freunden und MitstreiterInnen überreichte Sonnhild Thiel dem Jubilar - ebenfalls im Auftrag des Bundesverbandes - die Ehrenmitgliedschafts-Urkunde der DFG-VK, worüber Ludwig Baumann sich sehr freute.

Von Ulli Thiel - Rede beim Empfang des Bremer Senats zum 90. Geburtstag des Wehrmacht-Deserteurs Ludwig Baumannn

Lieber Ludwig, sehr geehrte Festgäste, ich bin heute mit meinem Redebeitrag zwar als Vertreter der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) angekündigt, aber ich bin mir sicher, auch im Namen all derjenigen Friedensinitiativen und -gruppen zu sprechen, die Dich, lieber Ludwig, in den zurückliegenden Jahren bei vielen Veranstaltungen und Aktionen erlebt und schätzen gelernt haben. Wir MitarbeiterInnen der Friedensbewegung und der DFG-VK verbinden mit Deinem Namen, Deinem Leben und Handeln zwei Begriffe: Mut und Menschlichkeit.

Diese beiden Charaktereigenschaften wurden bei Dir sehr klar sichtbar - in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, als Du selbst Dich geweigert hast, Soldat zu bleiben, sowie in den letzten Jahrzehnten, als Du für die Rehabilitierung derjenigen Menschen gekämpft hast, die von der NS-Militärjustiz wegen ihres Widerstands gegen den Krieg verurteilt worden waren - rund 30.000 davon zum Tode.

Du hast damals Entscheidungen getroffen, die sehr schwerwiegend waren. Mut ist da vielleicht viel zu wenig gesagt. Du wusstest, welche Tragweite deine Entscheidung hat, nein zu sagen zum Töten, nein zu sagen zum Krieg, dich aus der Truppe zu entfernen. Die reguläre Kriegsdienstverweigerung gab es damals nicht. Es blieb nichts anderes übrig, als Fahnenflucht zu begehen. Und dir war ganz klar, welche Konsequenzen das haben wird: das Todesurteil. Du hast später noch oft auf das bekannte Hitler-Zitat hingewiesen "Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben."

Den Anstoß zu Deiner Entscheidung hast Du 1942 über Filme aus NS-Wochenschauen erhalten. Soldaten wurde gezeigt, dass hunderttausende sowjetische Gefangene von der deutschen Wehrmacht festgehalten wurden, hungernd der Kälte ausgesetzt und damit dem Tod durch Erfrieren ausgeliefert waren. Das menschliche Mitgefühl über das Schicksal der sowjetischen Gefangenen hat bei dir den Schritt bewirkt, den Kriegsdienst zu verweigern, die Truppe zu verlassen. Du hättest ja noch, als du danach festgenommen worden bist, von der Schusswaffe Gebrauch machen können, die du als Soldat noch bei dir hattest, um Deiner Festnahme zu entgehen. Du hast es aber nicht gemacht. Mut und Menschlichkeit auch da wieder.

Du wurdest zum Tode verurteilt und musstest zehn qualvolle Monate in der Todeszelle jeden Tag damit rechnen, dass das Urteil vollstreckt wird. Dein Lebensmut konnte Dir nicht genommen werden. Du wurdest zu zwölf Jahren Zuchthaus "begnadigt" und hast überlebt.

In der Zeit nach 1945 musstest Du jahrzehntlang wüste Beschimpfungen und üble Diffamierungen ertragen. Für Dich und andere Opfer der NS-Militärjustiz, die sich einem verbrecherischen Krieg verweigerten, wäre es eigentlich die natürliche Haltung gewesen, ob ihrer mutigen Haltung von den Menschen anerkannt, gewürdigt oder gelobt zu werden. Aber nichts von dem ist gewesen. Diese furchtbare Zeit hatte Auswirkungen bis weit in die Zeit Deines Engagements für die Rehabilitierung.

In den 80er Jahren hattest du dann Kontakt gefunden zu Menschen in der Friedensbewegung, die sich Deines Anliegens angenommen und es unterstützt haben. In den 90er Jahren, aber auch das letzte Jahrzehnt, war es ein schwieriger, manchmal auch entwürdigender Kampf. Ich möchte keine einzelnen Aktionen oder Phasen benennen, aber wir haben in etlichen Veranstaltungen auch erlebt, dass immer wieder Menschen aufgetreten sind, die die Deserteure des Zweiten Weltkrieges, die Kriegsdienstgegner von damals, diffamiert haben und sich gegen die Rehabilitierung aussprachen.

In Erinnerung ist mir eine Fernsehdiskussion über die Rehabilitierung der Deserteure, in der Du vom damaligen rechtspolitischen Sprecher der CDU/ CSU-Fraktion und einen Professor der Bundeswehrhochschule in München verbal so angegriffen und beleidigt wurdest, dass du mit Ralph Giordano den Raum verlassen hast und sich der Moderator Gerd Ruge zum Abbruch der Sendung gezwungen sah.

Dass selbst in den 90er Jahren noch solche Dinge passieren konnten, war und ist ein Indiz für das ganz schwierige Engagement, das du gezeigt hast. Die Vorhaltungen und Diskriminierungen gegen Dich und die anderen Deserteure hast Du nicht mit gleicher Münze beantwortet, sondern Dich auch durch persönliche Angriffe niemals davon abbringen lassen, weiter für Eure Rehabilitierung zu kämpfen. Dass dieses Ziel schließlich vor wenigen Jahren erreicht wurde, ist vor allem Dir, Ludwig, und Deinem beharrlichen, glaubwürdigen Reden und Handeln zu verdanken. Für viele innerhalb der Friedensbewegung und der Organisationen, die dich unterstützt haben, waren Dein Mut und Deine Menschlichkeit Vorbild und Ansporn.

Wir wollen dir nun, lieber Ludwig, als kleines Zeichen unserer Anerkennung und unseres Dankes diese Brosche mit dem zerbrochenen Gewehr überreichen. Dieses Zeichen steht auch für den Begriff, den Sie, Herr Böhrnsen, vorhin aus der Zeitung zitiert haben: Gewaltfreiheit. Das Emblem unseres weltweiten Dachverbandes War Resisters’ International (WRI = Internationale der KriegsdienstgegnerInnen), der 1921 gegründet wurde, ist das zerbrochene Gewehr - als Symbol für die Verweigerung von Kriegsdiensten und Gewaltlosigkeit. Die Brosche stammt aus dem Nachlass einer Friedensfreundin aus unserer Karlsruher DFG-VK-Gruppe. Als wir sie erhielten, lag ein Zettel dabei, dass sie aus den 20er Jahren ist, also (zumindest) dem gleichen Jahrzehnt, in dem Du geboren bist.

Lieber Ludwig, gratuliert habe ich Dir schon heute Nachmittag. Aber dieses möchte ich Dir noch sagen: Ich wünsche Dir sehr, dass Du noch viele Jahre bei guter Gesundheit verbringen kannst und dass Du uns noch lange erhalten bleibst.

Quelle:  Zivilcourage . Das Magazin für Pazifismus und Antimilitarismus der DFG-VK, Nr. 1/2012.


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Veröffentlicht am

29. März 2012

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