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Anschläge in Russland: Üben für Sotschi

Von Karl Grobe

Zwei Bombenattentate binnen 20 Stunden erschüttern Russland. Unter Verdacht stehen Islamisten aus Dagestan oder Tschetschenien - doch ein Bekennerschreiben gibt es nicht. Schukow, Chef des Olympia-Komitees, sieht keine Sicherheitsrisiken für die Winterspiele.

Zwei Terroranschläge binnen 20 Stunden in Wolgograd, 17 Todesopfer am Sonntag, wohl 14 am Montagmorgen, kurz davor eine Bombe im nordkaukasischen Pjatigorsk, gerade acht Wochen zuvor ein Selbstmordattentat in Wolgograd - man kann das eine Anschlagserie nennen. Die Ermittlungsbehörden machen in allen Fällen Selbstmordattentäter verantwortlich. Bekennerschreiben oder ähnliches gibt es bisher anscheinend nicht.

Die Splitterbombe, die am Montag in einem Wolgograder Trolleybus explodierte, soll von derselben Bauart gewesen sein wie diejenige, die am Sonntag im Bahnhof der Stadt hochging. Sie habe eine Sprengkraft von mindestens vier Kilo TNT gehabt und sei mit Metallstücken gefüllt gewesen, sagte der Sprecher der Ermittlungsbehörden, Wladimir Markin: "Die Teile waren identisch mit dem Inhalt der Bombe am Sonntag." Schrapnell-Ladungen dieser Art sollen möglichst viele Menschen töten oder ihnen möglichst viele Verwundungen zufügen. Sie sollen Angst und Schrecken verbreiten.

Verschiedene Annahmen zu den Tätern

Die Attentate haben dieses Ziel erreicht: in Wolgograd, berichtet die Moscow Times, meiden seit dem Anschlag vom Montag viele die Stadtbusse und gehen lieber auch längere Wege zu Fuß. Zu dem Täter oder der Täterin gibt es verschiedene Annahmen. Zunächst hieß es, die Bombe vom Montag sei von einer Frau gezündet worden, der 26 Jahre alten Oxana Arslanova. Die Parallele zum Attentat vom Oktober: Damals war wohl eine 30-jährige "Schwarze Witwe" aus der nordkaukasischen Republik Dagestan die Attentäterin. "Schwarze Witwe" ist der Name, der den hinterbliebenen Ehefrauen oder Schwestern von "Märtyrern" beigegeben wird. Als Märtyrer gelten im islamistischen Widerstand Männer, die im Kampf gegen die Regierungstruppen gefallen sind, aber auch zivile Opfer etwa von Bombenangriffen.

Doch der Schwarze-Witwe-These widersprach die Agentur Interfax. Täter sei ein Mann namens Pawlow gewesen. Auch am Sonntag sei ein Mann der Täter gewesen, berichtet eine Agentur aus Baku, nämlich ein ehemaliger Gesundheitsarbeiter aus der mittelrussischen Republik Mari El, mit Namen Pawel Petschenkin. Er sei zum Islam konvertiert und habe sich seitdem Ansar al-Rusi genannt. Die Homepage des selbsternannten kaukasischen Emirs Doku Umarow frohlockt denn auch, ein "russischer Wahhabi" habe sich in einer Art Vorübung auf Sotschi in die Luft gesprengt. Konvertiten sind willkommen.

Umarow hat schon diesen Sommer angekündigt, während der Olympischen Winterspiele in Sotschi zuzuschlagen. Die Warnungen werden ernstgenommen: Umarow, ursprünglich ein tschetschenischer Nationalist, ist längst nur mehr ein Fanatiker, der sich auf eine äußerst reduzierte Lesart des Islam beruft, um Terroranschläge zu rechtfertigen. Oft berufen sich Minigruppen von Fanatikern ("Jamaate") auf ihn. Ihm wird eine lange Liste von Anschlägen zugerechnet, doch bezeichnet die staatstreue russische Presse auch Akte zivilen Ungehorsams gelegentlich als "terrakt" (terroristische Tat) und unterstellt "unpolitischen" Kriminellen oft ohne Begründung einen islamistischen Hintergrund.

Putins Schaustück

Die Sicherheit der Winterspiele sei in jedem Fall gewährleistet, zusätzliche Maßnahmen seien nicht nötig, befand Alexander Schukow, Chef des russischen Olympia-Komitees, am Montag. Alles Notwendige sei schon getan worden. Tatsächlich ist die Stadt - eingeteilt in Sicherheitszonen, zu denen der Zutritt streng beschränkt wird - auf einen Ausnahmezustand vorbereitet, in dem die völkerverbindende Idee friedlichen sportlichen Wettbewerbs allenfalls als Imitation möglich ist. Andererseits sind die Winterspiele Präsident Wladimir Putins Schaustück für das Russland, das sich unter seiner Führung seit 1999 entwickelt hat.

Der Beginn der ersten Präsidentschaft Putins hatte einen doppelten Akzent. Verheerende Anschläge auf Wohnblocks in Moskau und anderen Städten wurden zum Anlass, Krieg ohne Gnade gegen das rebellierende Tschetschenien zu führen. Aber tschetschenische Täter wurden nie zweifelsfrei gefunden - und Spekulationen wollten lange nicht verstummen, die Anschläge seien damals vom russischen Geheimdienst (dessen Chef Putin vorher für einige Monate gewesen war) verübt worden, um eben den Kaukasus-Krieg zu begründen. Aus diesem ist Putin jedenfalls als starke politische Figur hervorgegangen, die einen starken - nämlich autoritären - Staat führt.

Von den Kriegszonen Tschetschenien und Dagestan ist der Olympia-Ort Sotschi nur halb so weit entfernt wie Wolgograd.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 30.12.2013. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

31. Dezember 2013

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