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Kim entmachtet Onkel Jang

Einer der mächtigsten Männer Nordkoreas wird öffentlich entmachtet. Wurde Jang Song Thaek dem jungen Diktator Kim Jong Un zu mächtig?

Von Karl Grobe

Das hat es in Nordkorea noch nie gegeben: Der Mann, der bis zu diesem Augenblick als der zweitmächtigste im Land gegolten hat, wird vor den Augen des versammelten Zentralkomitees abgeführt. Verhaftung auf offener Bühne. Das Staatsfernsehen dokumentiert den Griff zweier militärischer Tellermützenträger um Oberarm und Oberkörper des Delinquenten.

Auch dies eine Premiere: Sonst gibt es von solchen Tagungen nur leblose Gruppenbilder erstarrter Funktionärstypen. Diesmal ist auch außerhalb des ZK-Sitzungssaals für die denkbar größte Aufmerksamkeit gesorgt. Die Sendung wird sich jeder Nordkoreaner ansehen müssen, dem - sagen wir - sein Leben lieb ist.

Wer ist der Verhaftete? Jang Song Thaek. Er ist 1946 geboren und eng mit der regierenden Kim-Dynastie verschwägert: Schwiegersohn des Staatsgründers und "Ewigen Präsidenten" Kim Il Sung, Schwager seines Sohns und Nachfolgers Kim Jong Il. Der hatte ihn mit der wichtigsten Aufgabe betraut, die es in Nordkorea gab: Aufpassen, dass Junior Kim Jong Un alles richtig macht, sobald er Nachfolger wird.

Onkel Jang als Drahtzieher des Neffen Kim Jong Un. Es gab wohl noch einen zweiten Aufpasser, Marschall Ri Yong Ho, Interessenwahrer des Militärs; doch den biss Jang rasch weg. Jang Song Thaek wurde zur Kontaktfigur, über die jegliche Verbindung nach China lief. Jang wurde zuständig fürs Militär und für die "Juni-Reformen", von denen man sicher nur weiß, dass sie die Wirtschaftsweise Nordkoreas verändern sollen, aber nicht, wie weit das gehen soll. Jang wurde stets in Rufweite des jungen Chefs gesehen. Bis zum Montag.

Wirklich Montag? In Südkorea wurde am Montag schon ein Gerücht gehandelt, dass Jang bereits am Donnerstag erschossen oder erhängt worden sei. Das ist unwichtig, mag auch die Filmsequenz eine Konserve gewesen sein. Wichtig ist, dass Diktator Kim Jong Un sich offenbar so sicher in seiner Position fühlt, dass er eine politische Säuberung auf höchster Ebene und in aller Öffentlichkeit riskieren kann.

"Den Verlockungen des Kapitalismus erlegen"

Womit begründet das Regime die Verstoßung des Onkels? Den Verlockungen des kapitalistischen Lebens sei er erlegen, habe seine Macht missbraucht, unzulässige Beziehungen zu mehreren Frauen unterhalten, die Leitungsarbeit der Partei in Wirtschaftsdingen unterlaufen, Rohstoffe ans Ausland verschleudert und den Anordnungen des Obersten Führers Kim Jong Un nicht Folge geleistet.

Dann ist in dem langen Anklage-Dokument, das die staatliche Nachrichtenagentur KCNA verbreitete, noch von Fraktionsbildung die Rede. Sex, Korruption und eigene Gedanken - das ist in diesen Kreisen wohl nicht ungewöhnlich, aber Jang hat sich erwischen lassen.

Ist das die ganze Wahrheit? Wahrscheinlich nicht. Ein Mann könnte, wie der "Korea Herald" meint, nähere Auskunft geben. Er soll zum Kreis der engsten Vertrauten Jangs gehört und in Südkorea um Asyl nachgesucht haben. Der Mann, dessen Name unbekannt ist, habe unter anderem Jangs private Finanzen verwaltet und wisse alles über das Vermögen der Kim-Dynastie. Kein Wunder, dass vier Regierungen ihn gern in Obhut nähmen: Südkorea, China und die USA. Und natürlich Nordkorea.

US-Vizepräsident Joe Biden hat darüber mit Chinas Präsident Xi Jinping gesprochen. Nordkorea hofft vielleicht auf chinesische Hilfe bei einer Rückführung. Südkorea will sich den zweiten Überläufer aus dem engsten Kreis des Nordens seit Hwang Jang Yop (1997) ungern entgehen lassen.

Über die Hintergründe des Machtkampfes in Pjöngjang und seine Weiterungen spekulieren Experten und Journalisten seit einer Woche, als die ersten einschlägigen Gerüchte aufkamen. Die japanische Zeitung "Asahi Shimbun" berichtet über ein parteiinternes Dokument, das zum Sturz eines jeden aufrufe, "der seine eigene Einflusssphäre aufbauen" wolle. Das ist das Machtkampf-Argument.

Da Machtkämpfe immer Hintergründe haben, wird dort über einen Streit zwischen Jang und dem Militär wegen der Verfügungsgewalt über Staatsbetriebe und Rohstoffe spekuliert. Andere sehen eine Kontroverse wegen der "Juni-Reformen": Jang habe mit Volldampf den chinesischen Weg einschlagen wollen, Kim (und ein beträchtlicher Teil der engeren Machtelite) habe sich aus Sorge um eigene Pfründe dagegengestellt.

Nur so viel ist sicher: Die Propagandaabteilung hat schon damit begonnen, alle Hinweise auf Jang und Bilder seiner Auftritte zu tilgen.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 09.12.2013. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

10. Dezember 2013

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