Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Zeitgeschichte: Im offenen Cabrio

Vor 50 Jahren, wurde US-Präsident John F. Kennedy in Dallas Opfer eines Attentats. Bis heute ist ungeklärt, ob er einem Einzeltäter oder einer Verschwörung zum Opfer fiel

Von Konrad Ege

Für ein Jahrhundertverbrechen wie das vom 22. November 1963 in Dallas hätten viele Amerikaner gern einen gewichtigeren Täter als den undurchsichtigen 24-jährigen Gelegenheitsarbeiter Lee Harvey Oswald mit dem alten Carcano-Repetier-Gewehr, gekauft für 19 Dollar und 95 Cent. Vor allem hätte man gern ein schlüssiges Tatmotiv.

Gerald Blaine ist einer der wenigen von Kennedys Personenschützern, die noch am Leben sind. Er habe Kennedy gemocht, erzählt er. Der habe immer ein gutes Wort gehabt für seine Secret-Service-Beschützer. Bezüglich der Konditionen habe man 1963 in einer anderen Welt gelebt. Der damalige Präsident hätte es nur auf 34 Personenschützer gebracht. Heutzutage seien die Secret-Service-Auslagen für den Schutz eines einzigen Präsidentschaftsbewerbers höher, als damals der gesamte Jahresetat der Crew war, die sich um Kennedy kümmerte, erinnert sich Blaine.

Der Präsident und First Lady Jackie Kennedy kamen am 22. November 1963 nach Dallas und damit in das konservativ-protestantisch geprägte Texas, wo der katholische Demokrat aus dem Ostküstenstaat Massachusetts vielerorts aneckte. Dallas mit seinem weit rechts stehenden Öl-Establishment hatte ein militant anti-kommunistisches Image.

Plötzlich die Sondermeldung

Am Besuchstag druckte die Dallas Morning News eine Anzeige "amerikanisch denkender" Bürger, schwarz umrahmt wie eine Todesanzeige. Kennedy tue zu wenig gegen Ultra-Linke in den USA. Gus Hall, Chef der KP, hatte sich für Kennedys Wiederwahl ausgesprochen, der startklar war für das Wahljahr 1964. 1960 hatte er - an seiner Seite Vizepräsidentschaftskandidat Lyndon B. Johnson als texanisches Urgestein - in Texas mit einem Vorsprung von 46.000 bei etwa 2,3 Millionen abgegebenen Stimmen gewonnen. Texas habe Kennedys Sicherheitsleuten Sorgen gemacht, erzählt Blaine. In einem Hotel habe Bob Faison, der erste schwarze Secret-Service-Beamte, nur nach heftigem Protest seiner Kollegen ein Zimmer bekommen.

Air Force One landete am späten Morgen auf dem Love-Field-Flugplatz. Von Feindseligkeit war wenig zu spüren. Menschen standen teils dicht gedrängt am Straßenrand, winkten aus Hochhäusern, als Kennedy, Jackie, Texas-Gouverneur John Connally und dessen Frau Nellie in einem offenen Lincoln-Continental- Cabriolet zum Trade Mart fuhren. In diesem Rieseneinkaufszentrum sollte Kennedy eine Rede halten. Das Fernsehen servierte am 22. November 1963 wie an allen Vormittagen seichte Kost. Quizshows, Soaps, eine Game Show (The Price is Right), dann wurde das Programm plötzlich unterbrochen. "Das ist eine Sondermeldung von ABC News. Dallas, Texas. Drei Schüsse wurden abgefeuert auf die Wagenkolonne des Präsidenten."

Der Star-Moderator kann kaum reden

Bei CBS saß Star-Moderator Walter Cronkite vor den Kameras. Ein ungewohntes Bild: Cronkite trug nicht das obligatorische Jackett, nur Hemd und Krawatte. Drehscheiben-Telefone klingelten. Cronkite verlas Meldungen: Es sei geschossen worden. Ein Mann und eine Frau. Nein, doch nur ein Mann. Kennedy und Connally seien zur Notaufnahme ins lokale Parkland-Krankenhaus gebracht worden. Die First Lady sei bei ihrem schwer verletzten Ehemann.

Ein Zeuge vor Ort behaupte, Kennedy sei tot. Das sei nicht bestätigt. Zwei Priester hätten Kennedy die Sterbesakramente gespendet. Einer der beiden habe gesagt, Kennedy sei tot. Bilder aus dem Trade Mart zeigen einen weinenden Kellner. Und dann: "Aus Dallas, Texas. Eine Eilmeldung, offiziell. Präsident Kennedy ist um 13 Uhr zentraler Standardzeit verstorben, 14 Uhr Ostküstenzeit, vor etwa 38 Minuten." Cronkite setzte seine schwarze Brille wieder auf. Er konnte kaum noch reden.

Der mutmaßliche Attentäter erschoss auf der Flucht einen Polizisten namens J. D. Tippit und wurde nur eine Stunde nach Kennedys Tod festgenommen. Er trug zwei Ausweise mit verschiedenen Namen, einer davon sein richtiger: Lee Harvey Oswald. Seine Carcano und drei leere Patronen wurden im sechsten Stockwerk eines Lagerhauses für Schulbücher gefunden, mit gutem Blick auf Kennedys Wagenkolonne. Oswald war dort seit mehreren Tagen beschäftigt.

Der erinnerte Kennedy

Es sollte nie zu einem Prozess kommen. Zwei Tage nach dem Attentat tauchte ein mehrfach vorbestrafter Nachtklubbesitzer namens Jack Ruby auf der Polizeistation in Dallas auf, als Oswald ins Gefängnis transportiert werden sollte. Ruby zog seinen Revolver im Beisein zahlreicher Polizisten und Reporter, um vor laufenden Kameras auf Oswald zu schießen. Der schwer Verwundete starb im Parkland-Krankenhaus.

Staatstrauer war angesagt nach dem Attentat. Noch heute erinnern sich die USA lieber an den Kennedy, der die Hilfsorganisation Peace Corps gründete, und nicht an den Vater der Green-Beret-Elitestreitkräfte, die dazu dienten, Befreiungsbewegungen niederzuschlagen. An den "Ich bin ein Berliner"-Verkünder und nicht an den Kennedy, der 1960 nur denkbar knapp gegen Richard Nixon gewonnen hatte, allem Anschein nach mit schmutzigen Tricks. An den Ehemann der schönen, intelligenten Jackie und nicht an den Kennedy mit den vielen Geliebten. An den Kennedy, der wohl abgerüstet hätte, und nicht an den, der davon besessen schien, Kubas Staatschef Fidel Castro zu ermorden.

Präsident Johnson rief noch im November 1963 eine Untersuchungskommission ins Leben. Der nach seinem Vorsitzenden, Richter Earl Warren, benannte Ausschuss, kam zu dem Schluss, Oswald habe geschossen und allein gehandelt. Man habe "keine Beweise gefunden, dass Lee Harvey Oswald oder Jack Ruby einer Verschwörung angehört" hätten. Vielen Amerikanern erschien das etwas dünn.

Alternative Erklärungen wurden schnell entwickelt, etliche Bücher geschrieben. Der Verdacht fiel auf US-Geheimdienste und Militärs, die Kennedys Friedensfühler kappen wollten durch einen Staatsstreich amerikanischer Art. Er fiel auf Nachfolger Johnson, auf kubanische Exilanten und Mafia-Figuren, die empört waren über die fehlgeschlagene Invasion in der kubanischen Schweinebucht 1961. Er habe "alle diese Zweifel, Verdächtigungen und unbeantworteten Fragen metaphorisch zusammengefasst" in JFK - Tatort Dallas (1991), sagte Regisseur Oliver Stone über seinen Spielfilm. War Oswald wissentlich oder unwissentlich Handlanger dunkler Mächte, als er auf den schlecht geschützten Kennedy schoss, dessen Fahrtroute vorher in der Presse publiziert worden war?

Die Kuba-Solidaritätsgruppe

Was bleibt, ist der Mensch Lee Harvey Oswald selber, mit einem Leben, dessen Mosaiksteine nicht zusammenpassen. Zerrüttete Kindheit, dann mehrere Jahre bei den US-Marines bis zur Entlassung wegen politischer Unzuverlässigkeit im September 1959. Interesse am Marxismus. Auswanderung in die Sowjetunion 1959 (Oswald war damals 20), Arbeit dort in einer Fabrik, Heirat, dann im Juni 1962 Rückkehr in die USA - mit seiner Ehefrau Marina. In den USA war Oswald aktiv in einer Kuba-Solidaritätsgruppe; er sei ein Marxist-Leninist, sagte er in einem Hörfunkinterview. Im September 1962 reiste Oswald nach Mexico-City, wo er die sowjetische und die kubanische Botschaft besuchte.

1976 berief der US-Kongress einen neuen Untersuchungsausschuss, der zu dem Ergebnis kam: Oswald habe geschossen, doch sei das Attentat sehr wahrscheinlich im Zuge einer Verschwörung geschehen. Nur welcher? Die Frage blieb offen und wird sich wohl nie zur Zufriedenheit derer beantworten lassen, die ihre Zweifel am Warren-Report und ihre eigene Version über den Tathergang zum Glaubensbekenntnis gemacht haben. Im Bericht dieser Kommission wurde auch darauf eingegangen, dass am 22. November 1963 ein zweiter Attentatsplan ausgeheckt wurde. An diesem Tag traf sich in Paris der Kubaner Rafael Cubela mit seinem CIA-Führungsoffizier. Cubela sollte Castro töten. Ein CIA-Mann habe ihm ein neues Mordinstrument gezeigt, so Cubela. Es sei ein Füllfederhalter mit einer Nadel gewesen, mit der Castro hätte vergiftet werden sollen.

Quelle: der FREITAG vom 20.11.2013. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

23. November 2013

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von