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USA: Traumtanzen in den Cyber-Krieg

Die NSA sammelt nicht nur Informationen. Aufklärer und Hacker dieses Dienstes gehen zusehends auch in die militärische Offensive

Von Konrad Ege

Edward Snowdens Enthüllungen weisen darauf hin, ebenso offizielle Statements hochrangiger Männer in Uniform. Die USA machen den Cyberspace zum Schlachtfeld, weil man kann und weil es die anderen schließlich auch tun. Herkömmliche Kriege verkaufen sich ohnehin nicht gut, wie kürzlich die Debatte um einen Kampfeinsatz in Syrien gezeigt hat. Als die Menschen fliegen lernten, warf bald ein Soldat die erste Bombe ab. Cyberspace sei daher "in gewisser Weise" das, was einmal der Luftraum war, "ein Raum, der keine Bedeutung hatte für militärische Planungen, bis ganz plötzlich eine neue Technologie einen anderen Zugang eröffnete", erläutert General Keith Alexander, Chef der NSA sowie des 2009 gegründeten und inzwischen angeblich 14.000 Personen starken U.S. Cyber Command im Pentagon. Die Offensiv-Kapazitäten der USA im Cyberspace seien die "besten in der Welt", sagte Alexander kürzlich bei einer Anhörung im Kongress. Und man werde sie gewiss verbessern.

Da werden Erinnerungen wach an den Silvesterabend 1999, an die letzte Nacht auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Korken knallten und Raketen flogen himmelwärts, doch es existierte eine unterschwellige Unruhe: Was würde das Y2K-Virus anrichten - der "Millenniumscomputerbug"? Eine damals viel verwendete Programmiersprache reduzierte Jahresangaben auf zwei Ziffern. Und man wusste nicht mit letzter Gewissheit: Würden die Computer weltweit den Umstieg von 99 auf 00 schaffen oder verwirrt den Geist aufgeben? Staatliche Stellen und Software-Experten beruhigten: Sie hätten die Systeme getestet und aufgebessert. Doch vielerorts kauften Besorgte Batterien, Trinkwasserflaschen und lang haltbare Lebensmittel. Extrem Überlebenshungrige zogen sich aufs Land zurück in Erwartung des Zusammenbruchs. Denn vielleicht hatten die Experten doch nicht recht. Vielleicht stand eine Endzeit bevor. Im Radio sang Prince "Tonight I am gonna party like it’s 1999", 2000 sei alles vorbei.

Extrem wichtige Schalter

Allerdings schalteten die Ampeln im neuen Jahrtausend weiterhin von grün auf gelb und rot und wieder zurück. Heute nun geistert das Gespenst vom Cyber-Krieg durch Medien, Politik und Pop-Kultur. Es weckt ähnliche Ängste. Leon Panetta, Vorgänger des heutigen US-Verteidigungsministers Chuck Hagel, warnte vergangenen Oktober, eine feindliche Nation oder eine extremistische Gruppe "könnte Kontrolle bekommen über extrem wichtige Schalter in den Vereinigten Staaten und Passagierzüge entgleisen lassen oder Güterzüge mit tödlichen Chemikalien". Auch könnten derartige Terroristen die Wasserwerke "in größeren Städten kontaminieren".

Der demokratische Ex-Senator Byron Dorgan hat eben einen neuen Roman veröffentlicht, in dem Iran und Venezuela zusammen mit russischen Hackern einen Cyber-Angriff planen. Geradezu märchenhaft oder furchterregend sind Dorgans Szenarien, bei denen Hacker, im Dienste privater, staatlicher oder krimineller Organisationen Satelliten verschieben, die Kommunikationsnetze lahm legen und leicht verwundbare Infrastruktureinrichtungen kaputt machen. Da muss die Regierung doch was tun.

Ob man das nun martialisch "Krieg" nennt oder nicht, tut ebenso wenig zur Sache wie der Umstand, dass zahllose Experten und Berater viel Geld scheffeln mit ihren Studien und Alarmrufen. Die US-Militärs nehmen "den Cyberkrieg" bitter ernst. General Alexander sei offenbar der Ansicht, Cyberwaffen seien im 21. Jahrhundert so wichtig wie die Nuklearwaffen im 20., kommentiert der NSA-Kenner James Bamford. Operationen im Cyberspace würden eines Tages "der dominierende Faktor bei militärischen Aktionen" sein, erklärte der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, General Martin Dempsey, bei einer Konferenz im Juni vor dem Think Tank Brookings Institution. Dank Edward Snowden wissen wir, dass Präsident Obama im Herbst 2012 die Presidential Policy Directive Nummer 20 unterzeichnet hat, der zufolge US-Sicherheitsorgane potenzielle Ziele offensiver Cyber-Attacken im Ausland identifizieren sollen.

Als Paradebeispiel für einen erfolgreichen Angriff dieser Art gilt nach wie vor der von der New York Times aufgedeckte Stuxnet-Computerwurm, mit dem die NSA (möglicherweise zusammen mit israelischen Diensten) 2010 im Iran Zentrifugen zur Urananreicherung außer Betrieb gesetzt haben soll. Zugegeben wird das natürlich nicht, aber die Botschaft ist nicht zu überhören: Schlau sind wir, und Schadsoftware einzuschleusen ist immer noch weniger problematisch als Bomben zu werfen auf Atomanlagen im Iran. Wie der Fernsehsender NBC News im Juni berichtet hat, prüfen Ermittler des US-Justizministeriums, ob General James Cartwright, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs zu Stuxnet-Zeiten, der Times die Informationen zugeschanzt hat. Cartwright sei ein "wesentlicher Architekt" dieser Aktion gewesen.

NSA kauft Sicherheitslücken

Cartwright gilt als eher nachdenklicher Zeitgenosse. Er soll sich Medienberichten zufolge 2009 gegen Obamas "Surge" in Afghanistan ausgesprochen haben. In jüngster Zeit, seit August 2011 im Ruhestand, warnte er vor einem expandierenden Drohnen-Krieg, der langfristig nicht amerikanischen Interessen diene.

Snowdens Dokumente berichten übrigens von 231 offensiven Cyber-Operationen der USA im Jahr 2011. Was dabei geschah, ist bisher geheim. Die NSA habe in Zehntausenden Rechnern und Routern weltweit Trojaner platziert, und könne diese wohl zu einem Botnetz zusammenschließen, das ohne Wissen der Besitzer Befehlen folgen würde, schrieb die Washington Post Ende August unter Berufung auf Snowden. Auf dem Graumarkt habe die NSA Sicherheitslücken gekauft.

James Bamford, der 1982 das erste Buch überhaupt geschrieben hat über die NSA (The Puzzle Palace), deren Existenz damals von offizieller Seite kaum zugegeben wurde, ist wohl nicht überrascht. Die NSA habe als Geheimdienst zur Auswertung elektronischer Signale angefangen und stehe nun an vorderster Linie "in der Cyberkriegs-Ära", meinte der Infodienst techdirt.com. Trotz aller Alarmrufe über Cyber-Bedrohungen aus dem Ausland sehe es so aus, als "sei unsere eigene Regierung die größte Gefahr für Cyber-Sicherheit". Gegenwärtige Offensivoperationen seien wohl "lange nicht so ehrgeizig wie Stuxnet", aber es entstehe der Eindruck, "dass eine Menge am Laufen ist".

Kritiker fordern zur Demilitarisierung des Cyberspace auf. Die Genfer Konventionen würden auch im Cyberspace gelten. Aus Sicht der NSA ist das wohl kein Thema. Dort ist man eher überzeugt, dass die USA vorn liegen im Wettrüsten für den Cyberwar. Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff hat eben ihren geplanten Staatsbesuch in den USA abgesagt. Es sei nicht akzeptabel, dass die NSA ihre Telefonate und die Internetkommunikation ihres Büros überwacht habe. Die US-Regierung teilte mit, Obama habe Verständnis für die Absage. Da wird Frau Rousseff froh gewesen sein.

Quelle: der FREITAG vom 07.10.2013. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

07. Oktober 2013

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