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Bonanza: Let’s Frack!

Die USA sind die Pioniere dieser Technologie. Gas wird billiger, die Unabhängigkeit steigt. Wie hoch ist der Preis dafür?

Von Konrad Ege

Es war immerhin die Internationale Energieagentur (IEA), die mit der Prognose aufhorchen ließ, in zwei Jahrzehnten würden die Vereinigten Staaten ihren Energiebedarf fast komplett aus eigenen Ressourcen decken können - auch wegen des "hydraulischen Frakturierens". Bei diesem Fracking werden Tausende Hektoliter Wasser sowie Sand, Chemikalien und manchmal auch Dieselöl in tief liegendes Gestein gepresst, um Erdgas und Erdöl freizusetzen. In Deutschland debattiert man die Umweltauswirkungen - die Amerikaner stehen vor vollendeten Tatsachen.

Für John Hickenlooper ist die Sache klar: Risiken gäbe es immer, aber die Gefahren beim Fracking seien minimal. Man könne die Fracking-Flüssigkeit sogar trinken, versicherte Hickenlooper im Februar dem Senatsausschuss für Energie. Er habe es selbst probiert. Ein paar Lacher sollen zu hören gewesen sein, doch Hickenlooper meinte es ernst. Der Politiker ist demokatischer Gouverneur im Rocky-Mountain-Staat Colorado und gilt eher als fortschrittlich. Als Bürgermeister von Denver (2003 - 2011), der größten Stadt in Colorado, hat sich Hickenlooper eingesetzt für umweltverträgliche Verkehrs- und Raumplanung. Erdgas sei relativ klimafreundlich, betont er. In Colorado sei seit 2008 kein Grundwasserschaden durch Fracking bekannt, obwohl nach Angaben des regionalen Industrieverbandes Colorado Oil & Gas Association mehr als 90 Prozent der Bohrungen mit Fracking durchgeführt würden. Überall in den USA hätten Energiefirmen schon bei mehr als einer Million Bohrungen gefrackt, heißt es auf der Industrie-Website energyfromshale.org - 35.000 Fracking-Bohrplätze seien im Betrieb. Im kommenden Jahrzehnt würden 80 Prozent der Erdgasbohrungen als Fracking stattfinden.

Der neue Nahe Osten

Die fossile Industrie ist seit etwa sechs Jahren im Fracking-Rausch. Man spricht von einer "Energierevolution". Die Gaspreise würden fallen. Sind sie tatsächlich schon, 2011 um mehr als 30 Prozent, berichtet der Informationsdienst Bloomberg. Nordamerika sei möglicherweise auf dem Weg, der "neue Nahe Osten zu werden", orchestriert der Bankenkonzern Citigroup diesen Trend. Etwa 26 Prozent der in den USA konsumierten Energie kommen aus der Erdgasgewinnung, 36 Prozent vom Öl, circa 21 Prozent von der Kohle, acht Prozent vom Atom und sieben aus erneuerbaren Quellen inklusive Wasserkraft.

Viele Aktionsgruppen starten hingegen Kampagnen gegen Fracking, berichten von Grundwasserverschmutzung und Gesundheitsschäden. Der sogenannte Erdgasboom werde die USA nur noch mehr abhängig machen von "schmutzigen fossilen Energiequellen, während unsere Landschaften und Wohnorte zerstört werden", warnt Wenonah Hauter, Direktorin des Ökoverbandes Food and Water Watch. In den Kinos läuft gerade Gus Van Sants Anti-Fracking-Spielfilm Promised Land: Eine skrupellose Gasbohrfirma kauft darin finanziell angeschlagenen Bauern Bohrrechte ab. In einigen Bundesstaaten haben die Proteste Erfolg, Politiker ziehen die Bremse. Anderswo ist Wilder Westen.

Unter dem Strich haben die Gegner keine besonders guten Karten. Thesen wie die von John Hickenlooper - abgesehen von seiner Getränkeauswahl - bestimmen die US-Energiepolitik. Sinkende Erdgaspreise erfreuen Hausbesitzer und Mieter. In etwa der Hälfte der 50 Bundesstaaten wird im Schiefergestein nach Gas gebohrt und gefrackt, besonders in Pennsylvania, Ohio und Texas. ExxonMobil wurde 2008 in den USA zum größten Förderer von Erdgas, berichtet Food and Water Watch in seiner Studie US Energy Insecurity. Dabei wird Fracking von Staat zu Staat unterschiedlich reguliert. 2005 hatten sich Industrielobbyisten im US-Kongress das Halliburton-Schlupfloch erkämpft, benannt nach dem einstigen Erdöl- und Erdgasdienstleister Halliburton, dessen früherer Vorstandschef Dick Cheney damals US-Vizepräsident war: Fracking wurde vom Wasserschutzgesetz ausgenommen. Frackfirmen mussten nicht angeben, was alles drin ist in der Frackflüssigkeit. (So weiß man auch nicht, was genau Hickenlooper getrunken hat …)

Wenig begeistert

Der Mann im Weißen Haus ist aus Sicht der Klimaschützer ein Problempräsident. Bei seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation meinte Barack Obama zwar, angesichts der "Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Flutwellen" müssten die USA mehr tun gegen den Klimawandel. Ein solches Bekenntnis gilt als Schritt nach vorn. Viele Republikaner bestreiten, dass menschliche Aktivität etwas zu tun hat mit der Erderwärmung - sollte die überhaupt existieren.

Barack Obama sprach von mehr grüner Energie und sparsameren PKW. Aber in seiner Welt geht es vorrangig um die Energieunabhängigkeit. Die USA produzierten derzeit "mehr Erdgas als jemals zuvor", lobt der Präsident. Daher werde er bürokratische Hürden wegräumen und Bohrgenehmigungen für Öl und Gas schneller erteilen. Nach Einschätzung des Energieministeriums dürfte der Anteil des US-Erdgases aus Schiefergestein bis 2030 von 24 auf 49 Prozent ansteigen. Die Erdgasvorräte würden für die USA fast 100 Jahre lang reichen, behauptet Obama. Alles andere als begeistert sind Klimaaktivisten davon, dass Barack Obama zu Beginn der Woche den Physiker Ernest Moniz zum neuen Energieminister ernannt hat. Moniz leitet die von fossilen Energiefirmen mitfinanzierte Forschungsgruppe Energy Initiative und hat sich nachdrücklich für das Fracking ausgesprochen.

Und noch eine folgenschwere Entscheidung steht an: In Kürze entscheidet Obama über die Zulassung der Keystone-XL-Ölpipeline. Die Trasse der kanadischen Firma TransCanada soll über eine Distanz von gut 2.700 Kilometern täglich bis zu einer Million Barrel Öl von Kanada in die USA bringen, das in Alberta im landschaftsverwüstenden Tagebau aus einem Gemisch von Bitumen und Sand gefördert wird. Es fallen dabei hohe Kohlendioxidemissionen an.

Umweltschützern gilt Keystone als Todsünde und das Teersandöl als ein Rohstoff, den man im Boden lassen und stattdessen auf eine tragfähige Energiepolitik umsatteln sollte. Zehntausende haben im Februar bei der bislang größten Klimakundgebung in Washington gegen Keystone protestiert. Das Außenministerium (zuständig für die Genehmigung, weil die Leitung die Grenze mit Kanada quert) hat nichtsdestotrotz am Wochenende in einem neuen Dokument zu Keystone Wohlwollen signalisiert. Die Trasse richte keine großen Umweltschäden an, da Kanada das Teersandöl auch ohne Keystone fördern würde. Rückendeckung erhielt Obama vom Gewerkschaftsverband AFL-CIO: Verbandspräsident Richard Trumka plädiert für Keystone, sein AFL-CIO-Exekutivkomitee für den Ausbau der "Pipeline-Infrastruktur".

Bei aller forschen Begeisterung der Industrie gibt es erste ernstzunehmende Warnungen, das Geschäftsmodell Fracking stehe auf unsicherem Boden. Teures Bohren, bei fallenden Preisen für das Produkt? Und ob das mit den "100 Jahren" wirklich so stimmt, wird von vielen Geologen angezweifelt. Und bei allem euphorischen Jubel über die Energieunabhängigkeit für die USA sollte die IEA-Analyse schockieren: Nach den diesem Befund zugrunde liegenden Verbrauchs- und Produktionsprognosen werde die globale Durchschnittstemperatur "langfristig um 3,6 Grad Celsius ansteigen", steht im zweiten Absatz der Zusammenfassung.

Quelle: der FREITAG vom 21.03.2013. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

25. März 2013

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