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Nordkorea: Loyalität im Mini-Kosmos

Von Karl Grobe

Nach außen demonstriert Kim Jong Un Nordkoreas Unabhängigkeit. Im Innern macht sich immerhin ein zaghafter gesellschaftlicher Wandel bemerkbar.

Kim Jong Un hat seinem Volk gezeigt, wer der Chef ist in Nordkorea und was seine Untertanen von ihm zu erwarten haben. Die beiden militärischen Demonstrationen - der Raketenstart vom Dezember vorigen Jahres und der Atombombentest vom 12. Februar - lassen ihn als ebenso unbeirrt gegenüber dem Ausland erscheinen wie seinen Vater und seinen Großvater. Ob UN, USA oder die Nachbarstaaten protestieren und Sanktionen verhängen, kann den dritten Mann aus der Kim-Dynastie nicht erschüttern. Nicht einmal die verärgerte chinesische Reaktion und die südkoreanische Antwort in Form von Kurzstreckenraketen. Eskalation, mag Nordkoreas Führung sich sagen, ist ja immer; und das stimmt auch.

Der wichtigere Adressat beider Akte ist das einheimische Publikum. Zunächst ist die Militär-Fraktion ruhig gestellt. Nach dem unerwarteten Ausscheiden des Generals Ri Yong Ho, der systematisch als Vertrauensmann der uniformierten Fraktion aufgebaut worden war, war diese Partei innerhalb der Partei verärgert, verunsichert und wohl auch empört. Ri hatte als ihr Aufpasser gegolten, als Garant dafür, dass Songun ungeschmälert von dem Anfänger Kim Jong Un weitergeführt wird. Songun ("Militär zuerst") ist das Schlagwort, das die Herrschaftsform am genauesten beschreibt. Einparteiherrschaft, gestützt auf die bewaffneten Kräfte mit der ideologischen Begründung, dass Feinde überall sind. Das war und ist anders als in China unter Mao. Das Regime dort stützte sich aufs Militär, aber "die Partei kommandierte die Gewehre" und unterbindet das Emporkommen einer eigenständigen politischen Kraft der Bewaffneten. In Nordkorea besteht diese, nicht zuletzt wegen der nun fast sechzigjährigen unvollendeten Waffenruhe, da 1953 auf den Waffenstillstand keine Art Friedensvertrag gefolgt ist.

Das Militär frisst nun einen erheblichen Anteil des Erwirtschafteten auf. Damit daraus nicht eine Unzufriedenheit der Massen entspringt, muss das Regime mit allen seinen Fraktionen und Strömungen gelegentlich zeigen, wie unverzichtbar das Militär ist. Unzufriedenheit ist allerdings verbreitet. Kim Jong Un hat sich, um sie abzudämpfen und Hoffnungen zu wecken und auch, um einen neuen Arbeitsstil des Regimes zu zeigen, einige optische Neuerungen vorgeführt. Auftritt mit Partnerin in einem Pop-Event, Achterbahnfahrten mit fremden Diplomaten, Ortstermine in Begleitung der westlich gekleideten Ehefrau. Das sprang ins Auge.

Tiefer reichte die Ankündigung gewisser wirtschaftlicher Lockerungen. Für einen Probelauf in der Landwirtschaft fand sich rasch ein neues Schlagwort: 6-28-Politik, weil so verkündet am 28.6.2012. Bei der Probe ist es bisher geblieben. Die damals den Bauern versprochene Lockerung der Landwirtschafts-Administration ist lediglich in einigen wenigen Gegenden vollzogen worden, wobei dennoch der Plan blieb, dass das kleine Stück Eigenland nicht so vergrößert wurde, wie es viele erwartet hatten, und die "materiellen Anreize" in enge Grenzen verwiesen wurden. Überschwängliche Freude jedenfalls ist bei der Landbevölkerung gewiss nicht aufgekommen.

Dennoch gibt es mittlerweile mehr unabhängige Bauernmärkte und private Dienstleister, wenigstens in der Hauptstadt. Es brauchte dafür kein 6-28-Programm. Es genügte, dass aus den Reihen der Kader mit Außenwirtschaftskontakten, der Händler und Makler eine neue Klasse entstanden ist. Die ist in der Hauptstadt unübersehbar. Sie verfügt über Geld, auch Devisen; sie ist nicht mehr auf Rationierung und Staatsläden angewiesen. Sie besitzt sogar den weitaus größten Teil der rund eine Million Mobiltelefone Nordkoreas. Und selbst wenn diese - für das Land noch sehr neue - Technik nur innerhalb der Staatsgrenzen funktioniert, macht sie doch etwas unabhängiger von der verordneten, disziplinierenden Information. Deren Monopol hat Funk-Löcher.

Auch dieser neuen Klasse, die neben der Partei- und Militär-Nomenklatur entsteht, gelten die militärischen Kraftdemonstrationen. Außerhalb der Grenzen Nordkoreas werden sie als Provokationen interpretiert. Das soll auch so sein. Provokation erzeugt Eskalation. Der Druck und die Androhung von Gegenmaßnahmen seitens der Anrainer und der sogenannten Weltgemeinschaft (die in diesem Fall wie auch sonst in dem Takt marschiert, den die Leitmelodie aus Washington spielt) erzeugt im nordkoreanischen Mini-Kosmos Loyalität.

Es wird weitere Tests und Raketenstarts geben. Südkorea unter neuer Führung, die USA unter dem bestätigten Obama und China unter dem noch wenig erprobten Xi Jinping mögen bis zur Weißglut gereizt sein. Sie können nichts ändern. Die Provokationen disziplinieren das nordkoreanische Volk. Also rebelliert es jetzt nicht; also muss man sich nicht vor Flüchtlingsströmen, Verantwortung für 20 Millionen Mit-Koreaner und einem die Halbinsel erfassenden Chaos ängstigen. Ob Kim Jong Un und seine Mannen so kalkulieren, ist nicht sicher. Dass sie ihre Macht mit jedem Test stabilisieren, wissen sie aber ganz genau.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 22.02.2013. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

22. Februar 2013

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