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Die fünf Prinzipien der Koexistenz

Vor 50 Jahren ereignete sich der chinesisch-indische Konflikt im Schatten der Weltpolitik. Die Folgen der Auseinandersetzung wirken bis heute nach.

Von Karl Grobe - Analyse

Als geschossen wurde, im Himalaja vor fünfzig Jahren, hörten die Europäer kaum hin, die Nordamerikaner erst recht nicht - und den Russen war es recht so. Gerade hatten Präsident John F. Kennedy und Generalsekretär Nikita Chruschtschow sich darauf geeinigt, die Kuba-Raketenkrise zu entschärfen. Die Deutschen atmeten besonders tief durch, einen Krieg zwischen UdSSR und USA hätten sie kaum verkraftet, zudem empörte sich eine Mehrheit unter ihnen gegen die Arroganz der Regierung Adenauer in der Spiegel-Affäre. Ein Krieg in Südasien war ein Krieg in weiter Ferne. Seine Folgen aber wirken nach.

Ende Oktober 1962 war die chinesische Volksbefreiungsarmee über die 4000-Kilometer-Grenze nach Indien marschiert. Nach genau einem Monat erklärte China einseitig einen Waffenstillstand und rief seine Soldaten zurück. Indien war militärisch gedemütigt. Die ganz Asien beflügelnde Hoffnung, die beiden bevölkerungsstärksten Staaten der Erde könnten zusammenwirken und die noch sehr spürbaren Reste des imperialistischen Zeitalters überwinden, war zerstört.

Grundlos war diese Hoffnung nicht. Als Chinas Regierungschef Zhou Enlai im Juni 1954 Delhi besuchte, schien er ein Herz und eine Seele mit Indiens Premier Jawaharlal Nehru. "Chini Hindi bhai-bhai", Chinesen und Inder sind Freunde, jubelten Demonstranten. Zhou und Nehru bekräftigten einen drei Monate zuvor geschlossenen Freundschaftsvertrag und die "fünf Prinzipien der Koexistenz", die Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit und zur Nichteinmischung in fremde Angelegenheiten. Ein Jahr später wurden diese Grundsätze zur tragenden Idee der Bandung-Konferenz von 29 asiatischen und afrikanischen Staaten, der Gründungssitzung der Blockfreien-Bewegung.

Unmittelbare Folge des Kriegs von 1962

Seit dem Himalaja-Krieg sind Indien und China Rivalen. Tibet - der Aufstand, die Flucht des Dalai Lama 1959 - hatte beide schon entfremdet, der Krieg machte sie zu Gegnern. Indiens Status in der Blockfreien-Bewegung war beeinträchtigt, weil Nehru Waffenhilfe aus den USA und Großbritannien angenommen hatte; nun griff ihm auch die Sowjetunion unter die Arme. Wegen des sich aufschaukelnden Streits zwischen den Führungen in Moskau und Peking war es dem Kreml-Chef Chruschtschow sehr lieb, einen großen Partner im Rücken des Rivalen zu haben.

China hingegen schloss sich Pakistan an. Das mit Indien seit der Unabhängigkeit 1947 bitter verfeindete Land hielt an dieser Allianz fest trotz allen revolutionären und später radikal-kapitalistischen Kurswechseln. Die chinesischen Kommunisten störten sich ihrerseits nie an Militärdiktaturen und Islamisierung in Islamabad. Es zählte die Geostrategie. Dieses indisch-pakistanisch-chinesische Konfliktdreieck ist unmittelbare Folge des Kriegs von 1962.

Tibets Bindung an China ist gleichfalls seitdem besiegelt - und allen Bestrebungen nach innerer Autonomie setzt das doppelte Pekinger Misstrauen gegen unkontrollierte Bewegungen und gegen eine mögliche "indische Hand" hinter diesen engste Grenzen. Was vor 1962 - und besonders vor der Flucht des Dalai Lama - an Autonomie möglich war, ist seit dieser Zeit Utopie. Tibet wird nicht mehr von China loskommen. Die letzte Gelegenheit hat der 13. Dalai Lama, der Vorgänger des jetzigen, nach 1911 verstreichen lassen. Die chinesische Monarchie war nach der Revolution in jenem Jahr zusammengebrochen. Eine Zentralmacht bestand jahrzehntelang nicht mehr.

Der Konflikt schaukelt sich hoch

Aber britisches Interesse bestand weiter. Das zeigte sich in einer Konferenz im indischen Simla 1913 und 1914, an deren Schluss ein (britisch-) indisch-tibetisches Abkommen stand, dem China als anerkannter Suzerän hätte beitreten sollen - das tat es aber nicht. Faktisch diktierte die britische Seite: Der Kamm des Himalaja ist die Grenze, so weit hinauf aber hatte die Kolonialmacht ihre Kontrolle nie ausgedehnt. Am West-Ende schlug die Konferenz ein Gebiet namens Aksai Chin dem indischen Territorium zu, am Ost-Ende erklärte es wenig erschlossene, teils von buddhistischen Völkern bewohnte Gebiete zu indischem Territorium. In jenem Ostabschnitt heißt die Grenze in Simla nach ihrem Erfinder MacMahon-Linie.

Genau dies ist der Streitpunkt von 1962. Peking brandmarkte die MacMahon-Linie als Produkt des Imperialismus, was wohl zutrifft, interessierte sich aber mehr für das Ost-Gebiet Aksai Chin. Nehru beharrte aber darauf, dass Indien Rechtsnachfolger des britischen Empire sei und somit auch die Grenze geerbt habe. Allmählich schaukelte sich der Konflikt hoch. Einen letzten Konferenz-Vorschlag Zhou Enlais wies Nehru unter dem Druck des patriotisch gestimmten Parlaments ab, dann knallte es am Himalaja. Chinas Armee überschritt die MacMahon-Linie, die USA schickten auf dem Luftweg über die Air Base in Frankfurt Waffen nach Indien, das sich kaum verteidigen konnte. Nach genau einem Monat begann China als überlegener Sieger den Rückzug auf die "Linie tatsächlicher Kontrolle", die MacMahon-Linie. Von seinen politischen Positionen ist es nie abgerückt. Der Konflikt schwelt weiter.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 11.11.2012. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

12. November 2012

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