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Teherans Weltsicht - Analyse zum Iran

In Iran gibt es Widerstand gegen das Regime. Doch ein Militärschlag würde die Nation nur einen. Denn der Stolz auf die Unabhängigkeit vom Westen verbindet alle.

Von Karl Grobe

Das ZDF strahlte das Interview lange nach Mitternacht aus, beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit, zudem auf ein Maß gekürzt, das man in Funkhäusern wohl für verträglich mit den Sehgewohnheiten hält.ZDF-Moderator Claus Kleber hat in Teheran ein exklusives Interview mit Mahmud Ahmadinedschad geführt. Dieses wurde am 19.03.2012 erst weit nach Mitternacht auf dem Digital-Kanal ZDFinfo gesendet. Siehe Video ZDF-Interview mit Ahmadinedschad . Am Ende des Interviews wünschte Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad den deutschen Fernsehnutzern ein gutes neues Jahr.

Er hatte nicht den Jahreszeitenwechsel vom Winter zum Frühling gemeint - in Iran war tatsächlich Neujahrstag. Der Unterschied der Kalender ist allerdings so ziemlich die unwichtigste Differenz in der Darstellung der Wirklichkeit. Unsere Denkgewohnheiten, die entscheidend von den Nachrichtenfluten aus den Zentren der sogenannten westlichen Welt geformt werden, hat es nicht sehr beeinflussen können. Dabei hat der innenpolitisch angeschlagene iranische Präsident die Weltsicht der Machtelite und gewiss auch großer Teile der Bevölkerung bündig dargelegt.

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Irans Führung verlangt Anerkennung als gleichberechtigter Partner; Ahmadinedschad berief sich auf "fünftausend, zehntausend Jahre" persischer Geschichte. Da übertrieb er zwar um rund sieben Jahrtausende, doch artikulierte er ein Nationalbewusstsein, das zur Kenntnis genommen werden muss. Dieses Nationalbewusstsein ist seit fast zwei Jahrhunderten verletzt. Das haben portugiesische, britische und russische, seit sechzig Jahren auch amerikanische Händler, Öl-Prospektoren, Bankiers und Militärs getan.

Das Trauma der Jahre 1907 (Russen und Briten teilten sich die Herrschaft über Persien) und 1953 (London und Washington organisierten den Putsch, der die Verstaatlichung des Erdöls annullierte) sitzt besonders tief. Der Widerstand gegen die Verwestlichung und ökonomische Unterwerfung rührt daher, eine Triebkraft der Revolution von 1979.

"Wir bauen keine Bombe"

In Ahmedinedschads Argumentation: Bis vor 33 Jahren haben die USA faktisch die Macht in Teheran ausgeübt, "dann hat die Revolution sie nach Hause geschickt, seit 33 Jahren sind sie uns feindlich gesinnt". Der Konflikt über das iranische Atomprogramm gehört für ihn in diesen Zusammenhang. Iran fordert, dass es ein ziviles Atomprogramm verfolgen darf, was ihm als Mitglied des Atomwaffensperrvertrags auch zusteht; "und wenn wir sagen, wir bauen keine Bombe, dann bauen wir keine Bombe".

Nun gehört die Entscheidung darüber zwar nicht zum Geschäftsbereich des Präsidenten, sondern zu jenem des Obersten Rechtsgelehrten Ajatollah Khamenei; der hat gerade erst wiederholt, Kernwaffen seien unislamisch und ihr Einsatz eine Sünde. Und Ahmadinedschad findet, nützlich seien sie auch nicht, den Zusammenbruch der UdSSR hätten sie ja nicht verhindert und Israel weder gegen Hamas noch gegen Hisbollah geholfen. Doch Israel habe 250 Kernwaffen und dürfe als Nichtunterzeichner des Vertrags anscheinend tun, was es wolle. Der Westen unterstütze das, wie er auch Saddam Husseins Krieg gegen Iran nach 1980 unterstützt habe.

Militärschlag würde eine nationale Einheit bewirken

Schließlich sind auch die Sanktionen wegen des Atomprogramms in Teheraner Sicht ein Beleg für die feindselige Politik des Westens. Noch bevor Europäer und Nordamerikaner abermals schärfere Sanktionen gegen Iran beschlossen, die den Zahlungs-, Warenverkehr und das Erdölgeschäft mit dem Westen fast zum Erliegen bringen, fuhren Teheraner Politiker einen Konter. In seiner Neujahrsbotschaft rief Khamenei zum Kauf inländischer Produkte statt der Importwaren auf, und eine ihm nahestehende Tageszeitung höhnte, die in Europa nun steigenden Benzinpreise würden im Westen, aber nicht in Iran die Ökonomie durcheinanderbringen. Nach dieser Lesart isoliert sich der Westen von Iran, das dafür seinen Handel nach Norden (Russland) und Osten (China, Indien) verstärkt.

Das Selbstbewusstsein der Führer entspricht durchaus demjenigen der Iraner, die politisch über den eigenen Bezirk hinaus interessiert sind. Zwar leiden weder die Privilegierten unter den Revolutionsgardisten und in den Institutionen, die unter sich die Macht aufteilen, unter den Handelsbeschränkungen, sondern (wie fast immer) die Lohnabhängigen und die kleinen Gewerbetreibenden in den Basaren und den Dienstleistungen.

Doch weil die Sanktionen als feindliche Verschwörung verstanden werden, folgt daraus keineswegs Widerstand. Im Gegenteil. Und ein Militärschlag - ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg - würde erst recht eine solche nationale Einheit bewirken, wie sie zwischen 1980 und 1988 in der Folge des Angriffs Saddam Husseins entstanden war.

Derzeit ist Iran kein Monolith. Die junge Generation, die nach der Revolution geboren und herangewachsen ist, lehnt die von den Religionswächtern überwachten Gebote und Verbote durchweg ab, von der Kleiderordnung bis zum Bann gegen TV-Satellitenschüsseln, und findet immer neue Wege, dies zu umgehen. Über Ahmadinedschad haben manche schon gespottet, ehe der Ober-Geistliche Khamenei sich von ihm zu distanzieren begann - auch dem gilt manche ironische Bemerkung -, doch käme es zur militärischen Konfrontation, wäre diese Kritik rasch vergessen.

Quelle: Frankfurter Rundschau   vom 23.03.2012. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

 

Fußnoten

Veröffentlicht am

23. März 2012

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