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USA: Windiges aus Tarnkappien

Der Publizist Seymour Hersh schreibt im Magazin "New Yorker" über den immer wieder durch Fortsetzungen angereicherten Realkrimi: Gesucht werden Irans Atomwaffen

Von Konrad Ege

Die "internationale Gemeinschaft" macht Druck auf Teheran. Die "Mullahs" und Mahmud Ahmadinedjad sollen die Finger lassen von der Atombombe. Problematisch, warnt der Washingtoner Enthüllungsjournalist Seymour Hersh. Die USA und Verbündete hätten nämlich gar keine schlüssigen Beweise.

Auch wenn jetzt Barack und nicht George W. im Weißen Haus sitzt: Thesen von Irans Griff nach der Bombe führen ein Eigenleben. Hersh verfolgt das iranische Atomprogramm und die Kontroverse um die mutmaßlichen Absichten Teherans seit Jahren. Im Rückspiegel sieht der 74-Jährige dabei offenbar all die Politiker und Publizisten, die 2003 vor dem Angriff einer Koalition der Willigen auf den Irak Massenvernichtungswaffen!!! skandierten. Saddam Hussein besaß bekanntermaßen keine - trotz der Warnung von Condoleezza Rice, Sicherheitsberaterin und Außenministerin bei Präsident Bush, vor der "pilzförmigen Wolke" und der Versicherung von Verteidigungsminister Rumsfeld: "Wir wissen, wo sie sind." Ängste und Propaganda triumphierten über Daten. Das war der Fall Irak.

Der Realkrimi um den Iran, um nukleare Energie und Atomwaffen, der läuft noch immer. Im Magazin New Yorker (Ausgabe vom 6. Juni) präsentiert Hersh die jüngste Episode mit spannenden Details von verwegenen Spionage-Operationen. So hätten US-Agenten in einem verdächtigen Teheraner Forschungsgebäude ein paar Ziegel entfernt und Steine mit implantierten Strahlendetektoren eingebaut. Auf Bergstraßen in Regionen, unter denen unterirdische Anlagen vermutet werden, seien "getarnte" Gewichtssensoren verstreut worden. Fahren viele Lastwagen leer den Berg hinauf und kommen vollbeladen mit Gestein und Erdaushub zurück, könne man von Tunnelarbeiten großen Stils ausgehen. Aufklärungssatelliten behielten verdächtigte Orte sowieso pausenlos im Visier. Analysten suchen auf den Bildern nach aus dem Boden ragenden Belüftungsrohren, die auf unterirdische Anlagen hindeuten.

Genau hingesehen

Hersh hat sich mit offenen und geheimen Regierungsdokumenten beschäftigt; er sprach mit Experten und Geheimdienstlern, die ihre Namen allerdings nicht im New Yorker sehen wollten, und kommt zu dem Schluss: Diesen Quellen zufolge haben die USA "keine unwiderlegbaren Beweisstücke für ein laufendes geheimes Nuklearwaffenprogramm im Iran gefunden". Nicht unter Bush und nicht unter Obama. Besonders der frühere Vizepräsident Cheney habe ein solches Programm aufdecken wollen, sagt Hersh in einem Rundfunkinterview mit Democracy Now: 2004 seien sogar US-Eliteeinheiten im Iran aktiv gewesen, und die USA hätten Überläufern viel Geld gegeben. Fazit: "Wir haben nichts gefunden, obwohl wir fast alles versucht haben. Wir haben sehr genau hingesehen."

Hersh schreibt über einen Report des Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency (DIA), dem zufolge die iranische Regierung 2001 und 2002 an Atomwaffen interessiert gewesen sei. Allerdings: Mit Blick auf den Irak - nicht auf Israel. Teheran habe sich Sorgen gemacht um ein mögliches nukleares Rüstungsprogramm im Irak. Schließlich führten beide Staaten in den achtziger Jahren einen bluttriefenden Krieg gegeneinander.

2003 habe Teheran laut DIA das Nuklearwaffenprogramm gestoppt. Es gab wohl kein Motiv mehr. US-Einheiten hatten Saddam Hussein in einem Erdloch gefunden, und seine "Massenvernichtungswaffen" entpuppten sich als Halluzinationen. Seymour Hershs Informanten zufolge wird dieser Stopp von 2003 auch im National Intelligence Estimate (NIE) bestätigt, dem höchst geheimen Gemeinschaftsprodukt der 16 US-Geheimdienste, der als Bibel gilt, bis eine neue NIE verfasst ist. In Democracy Now lobt Hersh die Geheimdienste. Es gebe heute mehr Objektivität als in den Bush/Cheney-Jahren. Jetzt "haben wir eine enorme Zahl an Leuten … in den Diensten, die einen Eid geschworen haben auf die Verfassung und nicht auf den zuständigen General oder Präsidenten. Was nicht heißt, dass man im Weißen Haus darüber froh wäre."

In der Tat. Politische Rhetorik nimmt nicht immer Rücksicht auf geheimdienstliche Erkenntnisse. In Obamas Regierung rede man genauso wie früher unter George W. Bush mit Selbstverständlichkeit von der Existenz eines Atomwaffenprogramms im Iran, klagt Hersh im New Yorker. Iran beschaffe sich "eindeutig die für Atomwaffenkapazitäten nötigen Elemente", erklärte im März Robert Einhorn, Sonderberater Hillary Clintons für Rüstungskontrolle. Und Präsident Obama hat Ende Mai in einer Ansprache Teherans "rechtswidriges Nuklearprogramm" angeprangert. Die USA fühlten sich verpflichtet, "Iran zu hindern, Atomwaffen zu erlangen". Im publizistischen Milieu, das den Neokonservativen zugeordnet wird, steht Iran mit der "muslimischen Bombe" ganz oben auf der Feindliste. Israelische Minister haben übrigens die iranische Bombe für die Jahre 1998, 1999, 2000, 2004, 2005, 2010, 2011 und 2014 prognostiziert.

Palins 100 Kilo

Hershs Aufsatz stieß im Weißen Haus auf die vorhersehbare Kritik. Der Text sei "schräg" und wiederhole doch nur alte Behauptungen, kommentierte ein - namenlos bleiben wollender - "hoher Geheimdienstbeamter" auf politico.com. Die ganz großen publizistischen Wellen hat Hershs Artikel trotz seiner Brisanz ohnehin nicht geschlagen. Der Autor ist ein international renommierter Enthüllungsjournalist, aber nicht Teil des Celebrity-Journalismus. Es gibt gerade "konkurrierende" Storys, die viel höher gehängt werden als Hershs Geschichte. Sarah Palins Mails aus ihren Gouverneurszeiten in Alaska, soeben freigegeben, umfassen 24.199 Seiten und wiegen ausgedruckt mehr als 100 Kilogramm. Man liest von ihren Leiden als Opfer der liberalen Medien. Auch hat vor Tagen der Kongressabgeordnete Anthony Weiner bei einer tränenreichen Pressekonferenz Internet-Sex via Twitter mit mehreren Frauen zugegeben. Das bringt den virtuellen Blätterwald zum Rauschen.

"Sy Hersh" ist in den USA ein Synonym für investigativen Journalismus. Auf sein Konto gehen die Enthüllung des Massakers im südvietnamesischen Dorf My Lai (1968), Berichte über illegale CIA-Operationen in den USA und ein Beitrag gleichfalls im New Yorker über ein Massaker an irakischen Streitkräften im ersten Golfkrieg 1991. Hershs Die Befehlskette - vom 11. September bis Abu Ghraib gelangte weltweit auf die Bestsellerlisten.

Kritisiert wird der Autor wegen seiner zahlreichen anonymen Quellen. Doch teilt der New Yorker mit, man habe alle Zitate geprüft. Zudem hat sich Hersh bisher nicht oft vertan. Seine Informationskanäle bei der Army hat er sich über Jahrzehnte geschaffen und dabei eine eigenwillige Haltung gezeigt - die eines altmodischen Patrioten mit idealistischen Vorstellungen von Amerika. Er vertraut offenkundig eher den Männern und Frauen in Uniform als den Politikern. Und letztendlich sorgt er auch im New Yorker dafür, dass Ungewissheiten bleiben. Er zitiert DIA-Direktor, General Roland Burgess: "Wir haben keine Indizien gefunden, dass die Regierung des Iran nach 2003 beschlossen hätte, das Programm voranzutreiben. Fakt bleibt - wir wissen nicht, was wir nicht wissen."

Quelle: der FREITAG vom 25.06.2011. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

27. Juni 2011

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