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Der Krieg in Afghanistan ist brutal, teuer, unpopulär und ineffektiv

Warum geben wir dennoch Milliarden dafür aus?

Von Sonali Kolhatkar, 06.03.2011 - Alternet / ZCommunications

"Die traurige Wahrheit ist, dass Obamas Kriegspolitik sich als ein größerer Alptraum erwiesen hat, als ich erwartet habe", schreibt Malalai JoyaAnmerkung d. Übersetzerin: In deutscher Übersetzung von Malalai Joya erschienen: ‘Ich erhebe meine Stimme’ (Raising My Voice’). in ihrem Buch ‘A Woman Among Warlords’.

Millionen Amerikaner/innen sind arbeitslos. Die Löhne derer, die noch Arbeit haben, stagnieren. Gleichzeitig steigen die Studiengebühren, und immer mehr soziale Dienstleistungen werden abgebaut. Es herrscht Armut wie zuzeiten der Großen Depression (in den 30er Jahren). Gleichzeitig wird ein (nicht zu rechtfertigender) Teil unserer Steuergelder darauf verwendet, Tod und Zerstörung über Afghanistan zu bringen. Der Afghanistan-Krieg ist der längste Krieg, den Amerika je (offiziell) geführt hat. Daher sollten wir uns die Kosten dieses Krieges etwas genauer ansehen - nicht nur die finanziellen Kosten. Anschließend sollten wir uns fragen: Ist es das wirklich wert?

Der Krieg in Afghanistan kostet die US-Steuerzahler/innen zwischen $500.000 und $1 Million Dollar pro Soldat und Jahr. Präsident Obama hat mehrere tausend zusätzliche Soldaten nach Afghanistan beordert -  mehr als damals Bush. An der Eskalation dieses Krieges hängt ein großes Preisschild. Bis heute haben wir insgesamt $336 Milliarden Dollar für diesen Krieg ausgegeben, und sollte der US-Kongress dem Antrag auf einen Nachtragshaushalt zustimmen, wird sich die Summe auf $455,4 Milliarden erhöhen - auf fast eine halbe Billion also. Laut CostofWar.com könnten mit diesen zusätzlichen Geldern ($120 Milliarden) ungefähr 1,6 Millionen Grundschullehrer/innen ein Jahr lang bezahlt werden - oder 1,9 Millionen Feuerwehrleute. Das Geld würde auch reichen, um 19,3 Millionen Studierenden ein Stipendium (Pell Grant) in Höhe von je $5 550 zu geben. Was wir in einem Monat in Afghanistan ausgeben, würde ausreichen, um 46,9 Milliarden Mahlzeiten pro Monat für hungernde Menschen bereitzustellen. Unsere Ausgaben für 6 Monate Afghanistan sind so hoch, dass man damit allen Kindern auf der Erde Schulsachen kaufen könnte.

Doch neben den finanziellen Kosten kostet der Afghanistan-Krieg auch Menschenleben. Seit Beginn des Krieges wurden mindestens 1.400 US-Soldaten getötet und mehr als 10.000 verwundet. Und es sterben immer mehr Soldaten. Mehr als ein Drittel der bisher getöteten Soldaten (499) starben 2010. Noch teurer kommt der Krieg die normale Bevölkerung Afghanistans zu stehen. Mindestens 2.412 Zivilisten wurden getötet und 3.803 verletzt. Die Zahl der getöteten so genannten "Aufständischen" ist dabei noch nicht mitberücksichtigt. Diese Einschätzungen beziehen sich allein auf die ersten 10 Monate des vergangenen Jahres. Sehr wahrscheinlich sind es konservative (vorsichtige) Schätzungen. In Prozentzahlen ausgedrückt, hat sich die Zahl der getöteten afghanischen Zivilisten im vergangenen Jahr um 20% gegenüber 2009 erhöht. Hier ist ein direkter Zusammenhang zu der Truppenaufstockung unter Präsident Obama erkennbar. Insgesamt wurden in diesem Krieg mehr Zivilisten durch Militäraktionen unter Führung der USA getötet (zwischen 5.791 und 9.060 Tote) als durch Aktionen unter Führung der "Aufständischen" (zwischen 4.949 und 6.499 Tote).

Die afghanische Regierung, die von den USA unterstützt wird, ist nicht legitimer als das umstrittene Mubarak-Regime in Ägypten. 2009 fanden in Afghanistan Wahlen statt. Präsident Hamid Karsai erklärte sich zum Wahlsieger, obwohl die Wahlen international als unfair kritisiert wurden. Es gibt Dokumente, die belegen, dass in Dutzenden von Wahllokalen alle Stimmen auf Karsai entfielen (100 Prozent). Das betrifft beispielsweise die Provinz Kandahar, wo bei der von Karsai eingerichteten Beschwerdekommission für die Wahl (Electoral Complaints Commission) Tausende von Beschwerden über Betrug eingingen. Mehrere Journalisten versuchten probeweise, sich Wahlberechtigungsscheine auf dem Schwarzmarkt zu beschaffen. Sie hatten keine Probleme damit. Trotz der dokumentierten Beweise über kriminelle Vorgänge, in die vermutlich auch hohe Regierungsoffizielle und Karsai selbst verwickelt sind, bezeichnen die USA die Zentralregierung (unter Karsai) nach wie vor als legitim. Sie sei die einzige Alternative zu den Taliban. Kritik wird so gut wie nie laut, nur hie und da wird über "korrupte" Mitglieder des Afghanischen Parlamentes gemunkelt. Viele Parlamentsabgeordnete haben in der Vergangenheit blutige Kriegsverbrechen verübt - vor allem zu Beginn der 90er Jahre, nachdem die Sowjets das Land verlassen hatten. Damals wurden zehntausende Zivilisten getötet, verstümmelt oder vergewaltigt. 

Häufig kamen dabei auch amerikanische Waffen zum Einsatz, die die Täter von Amerika erhalten hatten. Heute sind dieselben Männer (in ideologischer Hinsicht denken sie wie die Taliban) Chefs von Privatmilizen. Sie bedienen sich an den (internationalen) Hilfsgeldern und zwacken Millionen von Dollars für ihre eigenen Zwecke ab. Sie terrorisieren die Zivilbevölkerung und stecken bis zum Hals im Drogenhandel

Kein Wunder, dass eine der führenden afghanischen Aktivistinnen, die ehemalige Abgeordnete des Afghanischen Parlamentes, Malalai Joya, will, dass die US- und Nato-Truppen aus ihrem Land abziehen. Sie hat die Brutalität des Krieges miterlebt und gesehen, welche Macht die von den USA unterstützten Kriegsverbrecher haben. Seit Jahren fordert sie ein Ende der Besatzung. In ihrem Buch ‘A Woman Among Warlords’, das gerade als Taschenbuch herausgekommen ist, beschreibt sie die Lage der normalen Afghanen: "(Wir) sitzen zwischen zwei Feinden fest - zwischen den Taliban einerseits und den US- beziehungsweise Nato-Streitkräften und den mit ihnen verbündeten Kriegsherren andererseits." Und sie fährt fort: "(F)ür unser Volk ist Obama ein Kriegstreiber - so wie Bush. Er verfolgt dieselbe verheerende Politik - doch mit mehr Entschlossenheit und Energie".

Malalai Joya (Dschoja) war die mutigste Abgeordnete, die je in das Afghanische Parlament gewählt wurde. Das Volk liebt sie, weil sie offen spricht und es gewagt hat, etwas gegen die von den USA unterstützten Kriegsverbrecher, die in der Regierung die Überhand haben, zu sagen. Sie ist zu einem Ziel dieser Kriegsherren geworden und hat mindestens vier Attentatsversuche überlebt. Joya steht für jene Afghanen, die weder eine ausländische Besatzung wollen (mit (fundamentalistischen) Lakaien in der Regierung), noch die Feinde dieser Besatzung, die Taliban und die Al Kaida. Die amerikanischen Medien ignorieren Joyas Ansichten überwiegend.

In den meisten Berichten ist von einer Zunahme der Gewalt in Afghanistan die Rede. Laut der afghanischen Nichtregierungsorganisation ‘Safety Office’ (ANSO) haben die Angriffe in der Provinz Helmand im vergangenen Jahr um 124% und in der Provinz Kandahar um 20% zugenommen - gegenüber 2009. Doch es kommt noch schlimmer: Die Gewalt breitet sich aus und erfasst nun auch Teile des bislang friedlicheren Nordens und Ostens des Landes. Doch das US-Militär und dessen Sprecher verkaufen ihre Niederlagen weiterhin als Erfolge. In einem aktuellen Brief, den (der Oberkommandierende der Nato-Truppen in Afghanistan) General David Petraeus an die US-Truppen richtete, schreibt er: "Während des ganzen letzten Jahres haben Sie und ich und unsere afghanischen Partner gemeinsam daran gearbeitet, die Abwärtsspirale bei der Sicherheit in weiten Teilen des Landes zu stoppen. In einigen sehr wichtigen Regionen konnten wir (diese Entwicklung) sogar umkehren." Er fährt fort, indem er spezifische Fortschritte in der Hauptstadt Kabul sowie in den Provinzen Helmand und Kandahar nennt (beides sind traditionelle Hochburgen der Taliban). Allerdings ignoriert Petraeus die Tatsache, dass die Angriffe in diesen Regionen zunehmen. ANSO berät in Afghanistan tätige Organisationen zu Sicherheitsfragen. In ihem vierteljährlichen Bericht schreibt ANSO: "Ganz gleich, wie hochrangig die Quelle auch sein mag, die behauptet (es gäbe Fortschritte): Botschaften dieser Art dienen nur dem einen Zweck, die öffentliche Meinung in Amerika und Europa zu beeinflussen", so ANSO. Malalai Joya schreibt in ihrem Buch: "Es ist alles Lüge - Sand, der in die Augen der Welt gestreut wird".

Nicht nur Malalai Joya sondern auch die meisten anderen Afghanen kennen aus leidvoller Erfahrung die Spirale der Gewalt und der Schrecken dieses Krieges. Eine Umfrage des ‘Afghan Center for Socio-Economic and Opinion Research’ vom November 2010 hat ergeben, dass die Einstellung der Afghanen zu Amerika noch nie so schlecht war. Lediglich 43% äußerten sich positiv über die USA. Doppelt so viele wie noch im Jahr zuvor gaben den USA und der Nato die Schuld an der Gewalt in Afghanistan. Sie äußerten sich auch weniger optimistisch als im Jahr zuvor, was die Aussicht auf Arbeitsplätze und eine positive ökonomische Entwicklung, was Bewegungsfreiheit und Frauenrechte anging. Viele Amerikaner und Afghanen sind sich einig: Die Truppen sollen abziehen. Im vergangenen Dezember ergab eine Meinungsumfrage von CNN (CNN Opinion Research Poll), dass 63% der Amerikaner/innen gegen diesen Krieg sind.

Im letzten Kapitel ihres Buches beschreibt Malalai Joya ausführlich, welche Möglichkeiten, die Welt, ihrer Meinung nach, hätte, den Afghanen WIRKLICH zu helfen. Ihre erste Empfehlung lautet: Stoppt den Krieg der USA und der Nato. Sie beschreibt die Notlage der afghanischen Bevölkerung und schreibt, in welcher Weise die internationale Gemeinschaft helfen könnte. Gleichzeitig müsse abgerüstet werden. Vor allem die Warlords müssten, die vom Ausland schon so lange unterstützt werden, müssten ihrer Meinung nach, entwaffnet werden. Zum Schluss bittet sie alle ausländischen Truppen dringlich, sich aus ihrem Land zurückzuziehen. Stichhaltig führt sie aus, in welcher Weise die internationale Diplomatie dazu beitragen könnte zu verhindern, dass (weitere) Bürgerkriege ausbrechen und wie eine verantwortungsvolle internationale Diplomatie zu einer Minimierung der Gefahren beitragen könnte.

Malalai Joya schreibt: "Die Wahrheit über Afghanistan liegt verborgen - hinter einer Wand aus Rauchschwaden, aus Worten und Bildern, die von den Vereinigten Staaten und deren Nato-Verbündeten sorgfältig eingeführt wurden und (ständig) wiederholt werden, ohne dass die westlichen Medien sie infrage stellen". In diesem Frühjahr will sich Joya direkt an die Amerikaner/innen wenden. Sie plant eine landesweite Tour durch die USA. Sie will darlegen, wie brutal und sinnlos dieser Krieg ist und die Rauchschwaden vertreiben. Ihre Lese-Tour findet im Vorfeld einer großen Aktion der amerikanischen Friedensaktivisten (von Küste zu Küste) statt. Mit verschiedenen Veranstaltungen, am 9. und 10. April, wollen die Aktivisten gegen den Afghanistankrieg protestieren. Mitte März wird Malalai Joya ihre Lese-Tour durch die USA beginnen. Erste Station ist New York. Von da aus geht es weiter nach New Jersey, Washington D.C., Maryland, Massachusetts, Vermont, New Hampshire, Pennsylvania, Illinois, Minnesota, Oregon, Vermont und in den Bundesstaat Washington. Höhepunkt wird die Teilnahme an der Antikriegsdemonstration in San Francisco am 10. April sein. Details der geplanten USA-Reise von Malalai Joya finden Sie unter www.afghanwomensmission.org

Malalai Joyas Worte werden uns Amerikanern und Amerikanerinnen "den Sand aus (den) Augen  reiben" und uns die Realität vor Augen führen: Der Krieg in Afghanistan muss unter allen Umständen so schnell wie möglich beendet werden.

Sonali Kolhatkar ist Ko-Direktorin von Afghan Women’s Mission (siehe oben). Diese nichtkommerzielle Organisation, setzt sich für Frauen in Afghanistan ein, indem sie Bildungs-, Ausbildungs- und Gesundheitsprogramme für sie finanziert. Kolhatkar ist zudem Moderatorin und Produzentin des Radiosenders ‘Uprising Radio’ (Morgenradio, KPFK, Pacificia/Los Angeles).

Quelle: ZNet Deutschland vom 08.03.2011. Originalartikel: The Afghan War is Brutal, Expensive, Unpopular, and Ineffective - So Why Are We Spending Billions on It? . Übersetzt von: Andrea Noll.

Fußnoten

Veröffentlicht am

09. März 2011

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