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Die Spirale der Gewalt durchbrechen!

Die Dekade zur Überwindung von Gewalt - Entdeckungsreise und bleibende Herausforderung unserer Kirchen. Festvortrag im Rahmen der Feierstunde der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum Ende der ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt, 18. November 2010 im Frankfurter Römer.

Von Karl-Heinz Dejung

1. Es war wohl ein echter Kairos, als der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) 1998 auf seiner Vollversammlung in Harare die "Dekade zur Überwindung von Gewalt" ausrief. Zum Beginn des 3. christlichen Jahrtausends sollten die fünfzigjährigen Erfahrungen der Ökumenischen Bewegung als Friedensbewegung der Kirchen fruchtbar gemacht werden. Sollte "die aktive Suche nach einer Kultur des Friedens vom Rand in das Zentrum des Lebens und des Zeugnisses der Kirchen bringen"Konrad Raiser, Gewalt überwinden. Ökumenische Reflexionen zu einer `Kultur aktiver und lebensfreundlicher Gewaltfreiheit`, in: Fernando Enns (Hg.), Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001-2010 Impulse, Frankfurt/M. 2001, S. 14.. Die Ökumenische Bewegung war mit diesem Versuch, "Geist, Logik und Praxis von Gewalt" zu überwinden, ihrer Zeit weit voraus. Eine entsprechende Initiative brachte der Generalsekretär der Vereinten Nationen erst 10 Jahre später auf die Agenda der Weltorganisation. Ban Ki-Moon forderte darin die Nationen der Welt auf, die "Epidemie der Gewalt" einzudämmen, um zu verhindern, dass die im Jahre 2000 formulierten Milleniumsziele zum Scheitern verurteilt sind."Promoting Development through the Reduction and Prevention of Armed Violence", Report of the General Secretary, 9 August 2009.

Unsere Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ist diesem Aufruf als eine der ersten Mitgliedskirchen des ÖRK gefolgt. In der Herbstsynode 1999 wurde diese Empfehlung mit Beiträgen von Kirchenpräsident Steinacker und dem mennonitischen Pfarrer Fernando Enns - dem Initiator der Dekade in Harare - aufgenommen. Peter Steinacker benutzte damals die Losung "Die Spirale der Gewalt durchbrechen", Fernando Enns prägte den Begriff der "Entdeckungsreise"Protokoll der Herbstsynode 1999, Darmstadt 2000, S. 99-107.. Beide Formulierungen bilden wohl deshalb den Orientierungsrahmen für meinen Rückblick und Ausblick. Zur Mitte der Dekade - im Mai 2003 - haben die damalige Friedenspfarrerin Gabriele Scherle und Polizeipräsident Manfred Meise vor der Synode erste Einschätzungen zu den in der Landeskirche in Gang gesetzten Prozessen und Prioritäten vorgetragen.Protokoll der Frühjahrssynode 2003, Darmstadt 2003, S. 111-133.

Nach gut 10 Jahren soll nun Rechenschaft gegeben werden über Entdeckungen, die auf dieser Reise gemacht werden konnten. Über Ergebnisse dieser Prozesse innerhalb der EKHN können Sie sich in Materialien aus den Zentren Ökumene und Verkündigung ein Bild machen."Das Ringen um Frieden wird niemals zu Ende sein…" - "Die Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001-2010" in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, hg. Vom Zentrum Ökumene der EKHN, Frankfurt/M, November 2010 und "Nicht erschrecken vor dem Grauen der Nacht" - Gottesdienstmaterial zum Ende der Ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt, hg. Vom Zentrum Verkündigung der EKHN in Zusammenarbeit mit dem Zentrum Ökumene, Frankfurt/M. 2010. Die mehr als 100 Projekte, die aus dem von der Synode beschlossenen "Dekadefonds" mit über 150.000 € gefördert wurden, spiegeln ein breites Engagement in Gewaltprozessen im Raum der EKHN wieder.

2. Die heutige Feierstunde sehe ich als Etappe unserer Kirche auf dem Weg zur ökumenischen Friedenskonvokation in Kingston (Jamaika), die im Mai 2011 mit einer Erklärung zum "Gerechten Frieden" den Dekadeprozess zu einem Abschluss bringen soll. "Gerechter Frieden" und nicht länger "Gerechter Krieg" ist also jene Formel, auf die sich die Kirchen gemeinsam zu beziehen suchen, wenn sie an der Überwindung von Gewalt arbeiten. In dieser Perspektive gibt es - bis in Einzelformulierungen hinein - eine erfreuliche Gemeinsamkeit zwischen der EKD und der römisch-katholischen Schwesterkirche. Ohne dass diese allerdings bisher durch eine gemeinsame Praxis eingelöst wurde. Die regelmäßigen Berichte beider Kirchen gegen den Skandal der Rüstungsexporte bleiben da eine lobenswerte Ausnahme.

Als Ergebnis des Dekadeprozesses stelle ich im Sinne einer ersten Beobachtung fest: Wäre die Dekade zu Beginn dieses Jahrtausends nicht vom ÖRK ausgerufen worden, sie hätte müssen erfunden werden. Denn was hätten wir angesichts der dramatischen Erfahrungen von Gewalt innerhalb der zurückliegenden 10 Jahre ohne diese gemeinsame Verpflichtung getan? Gewiss kann darüber gestritten werden, ob wir in einer Zeit zunehmender Gewalt leben. Unbestreitbar ist aber wohl, dass wir in unserer globalisierten Medienwelt, mit den vielfältigen Formen von Gewalt sehr viel radikaler konfrontiert werden als zu früheren Zeiten. Mit der Dekade hat sich die ökumenische Christenheit einen Rahmen geschaffen, um sich gegenseitig in dramatischen Herausforderungen zu beraten und zu ermutigen. Und um gemeinsam in die jeweiligen Gesellschaften hineinzuwirken.

Dass der ÖRK seine Mitgliedskirchen an diesen Mehrwert ökumenischer Gemeinschaft immer wieder erinnert, unterstreicht seine bleibende Relevanz, trotz seines unbestreitbaren Bedeutungsverlustes. Die unterschiedlichen Erfahrungen von Gewalt - von der "militärischen Gewalt" über die "ökologische Gewalt" bis zur "sexuellen" und "häuslichen Gewalt" - nicht zu verdrängen, sie wahrzunehmen und gegen sie anzugehen, das gelingt offensichtlich leichter und ehrlicher gemeinsam. Dann, wenn wir uns mit den Augen anderer sehen lernen. Die oft formulierte Kritik gegen ein so weites Gewaltverständnis, wie es uns in ökumenischen Texten nicht selten begegnet, ist berechtigtVgl dazu Wolfgang Lienemann, Kritik der Gewalt - Unterscheidungen und Klärungen, in: Walter Dietrich / Wolfgang Lienemann (Hg.), Gewalt wahrnehmen - von Gewalt heilen, Göttingen 2004, S. 10-30 (bes. S. 19-21). . Aber das Insistieren der Opfer auf "struktureller Gewalt" - die Tatsache, dass es mehr gibt als direkte Gewalt - bringt auch Gewinn: Im Gefolge dieses Ansatzes ist in den Kirchen Sensibilität für neue Gewalterfahrungen stetig gewachsen.

Dass wir auf unserer Entdeckungsreise in solchen Auseinandersetzungen nicht allein sind, sondern in Partnerschaft mit anderen Kirchen stehen, bleibt deshalb ein kostbares Gut, das nicht verspielt werden sollte. In diesem Sinne bedarf der Austausch der EKHN mit ihren Partnerkirchen zu Gewalterfahrungen - wie jüngst in der Akademie Arnoldshain zum zweiten Mal geschehen - der weiteren Vertiefung und Pflege. Auch die innerhalb der Dekade praktizierten Team-Visits - ich erinnere an den Besuch des Ökumeneteams in der EKHN im Juni 2008 - sind für ökumenisch orientierte Kirchen eine unersetzbare ErfahrungZentrum Ökumene (Hg.), ÖRK Teamvisit - Frankfurt 27./28. Juni 2008, Frankfurt/M Oktober 2008..

Erinnern möchte ich auch an eine der eindrücklichsten ökumenischen Initiativen, die im Rahmen der Dekade zustande kam: Die gemeinsame Erklärung von Kirchen aus den USA, aus Europa und dem Nahen Osten vor Beginn des gegenwärtigen Irakkrieges vom 5. Februar 2003 in Berlin. Die damals formulierte Ablehnung der militärischen Intervention hat nicht nur Regierungen des geschmähten "alten Europa" in ihrer Reserve gestützt. Sie wurde auch durch den Verlauf dieses Krieges auf grausamste Weise bestätigt. Erfüllen doch der Irakkrieg und je länger desto mehr auch der Afghanistankrieg nicht einmal die Kriterien eines "Gerechten Krieges", geschweige denn, dass sie Perspektiven für einen "Gerechten Frieden" eröffnen.

3. Die Ökumenische Bewegung ging mit diesem ehrgeizigen Programm weit über das hinaus, was sie in ihrer Geschichte zu "Gewalt und Gewaltfreiheit" entdeckt hatte. Ging es doch um nicht mehr als um die Verpflichtung der Kirchen zur "privilegierten Option der Gewaltfreiheit", wie diese in den 10 Affirmationen von Seoul (1990) bei der Bilanz des "Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung" formuliert worden war. Eine solche Perspektive kann wohl immer noch nicht als eine Mehrheitsposition innerhalb der Kirchen verstanden werden. Wird sie doch bisher allein von den historischen Friedenskirchen und von Gruppen in den Großkirchen aktiv vertreten.

Nicht zuletzt aus diesem Grunde wurden immer wieder die theologischen Herausforderungen ins Zentrum des Dekadeprozesses gestellt. Ich zitiere in diesem Zusammenhang Konrad Raiser: "So sehr die Dekade … dazu dienen soll, konkrete Schritte zur Überwindung von Gewalt und zur gewaltfreien Konfliktlösung zu ermutigen, so sehr muss sie in den Kirchen dazu genutzt werden, die Traditionen von Theologie und kirchlicher Praxis kritisch zu hinterfragen, die in der Vergangenheit und bis in die Gegenwart hinein Gewaltstrukturen gestützt und legitimiert haben. Dies gilt für das Gottesbild und die Vorstellung von der Erlösung durch den Sühnetod Jesu ebenso wie für Herrschaftsstrukturen in der Kirche, eine Spiritualität von Gehorsam, Unterwerfung und Selbsterniedrigung wie schließlich (auch) für das Verständnis von Mission im Sinne eines auf Sieg angelegten Kreuzzuges"S. 27f..

In dem "2.Entwurf" zur ökumenischen Erklärung für einen "Gerechten Frieden" findet sich ein Satz, der für mich zum roten Faden gegenüber der oft widersprüchlichen Vielfalt biblischer Aussagen zu Gewalt und Gewaltlosigkeit geworden ist (§ 8): Wir "müssen … uns bewusst sein, dass die Bibel einen Lernprozess … widerspiegelt, in dem das Bild Gottes allmählich von der Gewalt getrennt wird""Ein Friede, der alles Verstehen übersteigt". Zweiter Entwurf - Ökumenische Erklärung zum Gerechten Frieden, ÖRK, Genf März 2010.. In keinem biblischen Text kommt für mich die Distanzierung Gottes von der Gewalt bewegender zum Ausdruck als in der Geschichte vom Regenbogen nach der großen Flut (1. Mose 8,20-9,17). Wir erinnern uns: Mit der großen Flut hatte Gott aus Zorn über das zerstörerische Verhalten der Menschheit sein Schöpfungswerk aufs Spiel gesetzt. Allein Noahs Familie mit den Tieren überlebte in der Arche. Doch nun, nach der Flut, reut Gott seine ehemalige Entscheidung und durchbricht die Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Hinfort will er nicht mehr den Menschen an seinen bösen Taten sterben lassen. Und er setzt sich mit dem Regenbogen ein Zeichen in die Wolken, um sich niemals wieder vom Zorn über die Menschen hinreißen zu lassen.Ich folge mit dieser Interpretation dem schönen Büchlein von Jürgen Ebach, Noah - Die Geschichte eines Überlebenden, Leipzig 2001. Mit dieser Geschichte beginnt auf den ersten Seiten unserer Bibel der Prozess der Distanzierung Gottes von der Gewalt, der in Jesu Verheißungen der Gewaltfreiheit seine Erfüllung findet.

In diesem Zusammenhang hat das Leitende Geistliche Amt der EKHN mit seiner viel zu wenig diskutierten Erklärung zum sog. "Sühnopfer Jesu" - vielleicht ohne es zu wissen - einen wichtigen theologischen Beitrag zur Gewaltproblematik geleistet. Denn gemäß dieser Stellungnahme enthält das weit verbreitete Verständnis von Jesu Tod als gewaltsames Opfer zur Befriedung des Zornes Gottes eine große Gefahr. Es bringt den christlichen Gott "mit einer Blut fordernden Aura" zusammen und fördert damit die Versuchung, "Gewalt theologisch zu sanktionieren"(§ 10)."Stellungnahme des Leitenden Geistlichen Amtes zur umstrittenen Deutung des Todes Jesu als ein Gott versöhnendes Opfer", Darmstadt, März 2008. Christi Kreuzestod ist deshalb nicht als von Gott gefordertes gewaltsames Opfer zu verstehen, sondern Zeichen von dessen leidenschaftlicher Hingabe für den Menschen. Dann aber ist Gewalt die von Gott selbst überwundene, der schwerlich erlösende Kraft zugeschrieben werden kann. Es gibt also unbestreitbare Zusammenhänge zwischen dem Bild vom strafenden und zornigen Gott und der Gewaltbereitschaft von Gläubigen. Gewiss nicht nur im Christentum, aber auch in ihm. Auf solche Zusammenhänge hat kirchliche Friedensforschung schon seit den 70er Jahren aufmerksam gemacht hat. Sie bedürfen dringend der weiteren Klärung.So die von Elbert W. Russel herausgegebene Studie "Christentum und Militarismus", die in dem gleichnamigen Band 13 der Studien zur Friedensforschung der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg in deutscher Sprache publiziert und diskutiert worden ist (Stuttgart / München 1974, S. 21-109).

4. In den für Kingston vorbereiteten Erklärungen zum "Gerechten Frieden" spielt die Gewalt gegenüber der Schöpfung - euphemistisch in der Regel als Klimawandel bagatellisiert - eine zentrale RolleSo vor allem in dem 1. Entwurf, der unter dem Titel "Ehre sei Gott und Frieden auf Erden" von der Ökumenischen Centrale 2008 publiziert worden ist.. Umso erstaunlicher ist, dass diese die gesamte Menschheit bedrohende Katastrophe in den uns vorliegenden Materialien zu den Dekadeprozessen innerhalb der EKHN kaum thematisiert wird. Unter den aus dem Dekadefonds unterstützten Projekten findet sich keines, das sich dieser Herausforderung stellt. Offensichtlich fällt es uns noch schwer, die gnadenlosen Eingriffe in die Schöpfung mit Gewalt zusammenzubringen.Und dies, obgleich die EKHN sich in den zurückliegenden 10 Jahren mit dem weiteren Ausbau des Frankfurter Flughafens immer wieder auseinandersetzen musste. Diesem folgenschweren Raubbau an den Lebensgrundlagen des Rhein-Main-Gebietes.

Nun hat die Synode gegenüber dem geplanten und mittlerweile auch umgesetzten Eingriff in das Ökosystem unserer Region von Anfang an eindeutig Position bezogen. Sie hat klar zum Ausdruck gebracht, dass bei einer Nichterfüllung des Ende der 90er Jahre ausgehandelten Mediationspaketes, die Nachhaltigkeit dieses Projektes nicht gewährleistet und deshalb dieses ethisch nicht zu rechtfertigen ist. Die Synode hat diese Position auch noch einmal in ihrem Votum vom April 2008 bekräftigt.Beschluss der der 10. Tagung der 10. Synode der EKHN zum Thema "Flughafenausbau" Punkt 2. Aber die EKHN ist für die Öffentlichkeit weitgehend sprachlos und auch tatenlos geblieben angesichts der Tatsache, dass die Politik weder willens noch mächtig ist, gegenüber dominierenden Wirtschaftsinteressen auf einer nahtlosen Umsetzung des Mediationsrahmens zu bestehen.

An dieser Erfahrung im eigenen Hause zeigt sich beispielhaft, was im Rahmen der ökumenischen Dekadeprozesse geschieht. Niemand ist gegen die Dekade! Im Gegenteil, alle zollen ihr nicht nur Respekt und Anerkennung, sondern verbinden damit hohe Erwartungen. Aber - dieses aber kann ich uns allen nicht ersparen - nur wenige lassen sich auf die Dynamik ein, die von ihr ausgehen kann und will. Obwohl die Themen "Gewalt und Gewaltüberwindung" - wie wir gesehen haben - ins Zentrum der christlichen Botschaft reichen, bringen sie Kirchen und Gemeinden selten zum Brennen.

Wenn auch nur ein Teil der mit der Klimakatastrophe verbundenen Auswirkungen auf unseren Planeten eintreffen, wird dies zu Gewalterfahrungen führen, die wir uns im Augenblick kaum vorstellen können. Diese Auswirkungen werden die Kluft zwischen Reichtum und Armut vertiefen, werden die gewaltsamen Konflikte um Energien und Ressourcen dramatisch verschärfen. Und doch leben wir - angesichts der Unfähigkeit der Politik hier zu messbaren Ergebnissen zu kommen - weiter wie bisher.

Der Ökumeniker Geiko Müller-Fahrenholz hat in diesem Zusammenhang von einer emotionalen Verweigerungshaltung gesprochen. Angesichts der Unausweichlichkeit dieser beispiellosen Erdkrise, die für uns immer noch weitgehend unsichtbar, unhörbar und unspürbar ist, diagnostiziert er eine emotionale Verödung unserer emphatischen Energien. Die Folge ist eine innere Sperre, die sich in Bemerkungen zum Ausdruck bringt wie: "Ich mag gar nicht daran denken!", "So schlimm wird es schon nicht kommen!", "Den Menschen ist schon immer noch etwas eingefallen!" oder "Ich werde das nicht mehr erleben!"Geiko Müller-Fahrenholz, Die Internationale Ökumenische Friedenskonvokation in Kingston, Jamaika Mai 2011, in: Fritz Erich Anhelm (Hg), "…von der Hoffnung, die in uns ist" (1. Petrus 3,15) - 30 Jahre Plädoyer für eine ökumenische Zukunft, Loccumer Protokolle 61/09, S. 39-52 (bes. S. 43 ff.).

Werte Synodale, verstehen Sie mich richtig, auch ich kenne diese Abwehrhaltung! Vor allem der Satz ist mir nicht fremd, dass ich wohl das Schlimmste nicht mehr erleben werde. Nur formuliere ich dies freundlicher und betone, dass ich die Auseinandersetzung mit ökologischer Gewalt meinen Kindern und Enkeln überlassen möchte! Ich mogle mich damit um die Einsicht, dass meine Kinder und Enkel möglicherweise sehr viel geringere Chancen haben werden, diese gewalttätigen Prozesse einzudämmen. Vor allem aber schließe ich meine Augen vor den religiösen Konsequenzen, die solches Denken zunehmend produziert. Denn manche religiöse Haltung unserer Tage ist Ausdruck dieser emotionalen Verweigerung, weil die Überforderungen, die von dieser Krise ausgehen, schwer auszuhalten sind.

Gerade gläubige Menschen suchen vor den von ökologischer Gewalt ausgehenden Krisen und Katastrophen Erleichterung. Und sie finden diese auch in dem, was eine "selbstgemachte Endzeit" genannt werden kann. Die absehbare Erdkrise wird dabei von der Ebene menschlicher Verantwortung auf die Ebene göttlicher Vorsehung verlagert. Das Ergebnis solcher Erleichterung sind fundamentalistische Glaubensysteme, wie sie weltweit im Wachsen sind. Ihnen ist - bei aller Verschiedenheit - der Versuch gemeinsam, die überkomplex gewordene Weltlage auf ein dualistisches Konfrontationsmodell zu reduzieren. Die Gegenwart wird dann zum Kampfplatz zwischen den wenigen Getreuen und den vielen Verlorenen. Nur in einer neuen Schöpfung, die durch den planetarischen Tod hindurch muss, bietet sich Aussicht. Und so bekommen die Schrecken der von uns selbstgemachten Endzeit eine von Gott gewollte Unausweichlichkeit.

5. Diese apokalyptische Versuchung ist subkutan bei vielen von uns wirksam, wenige sind ihr gegenüber gefeit. Und es wird auch nicht ausreichen, solche Endzeitszenarien als schlechte und falsche Theologie zu entlarven, so nötig dies auch ist. Helfen kann gegenüber bei uns allen zu spürenden Überforderungen allein der Versuch, solche Ängste und Verwirrungen zu Sprache zu bringen. Um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, brauchen wir mehr denn je geschützte Räume, in denen Überforderungsängste benannt werden können. Räume, in denen wir uns stärken in dem Glauben, dass Gewalt nicht das letzte Wort haben wird. Räume, in denen wir uns einüben in die Alternativen gewaltfreien Handelns, in denen die Spirale der Gewalt durchbrochen werden kann. In geschützten Räumen geht es auch um die Heilung der Wunden von Gewalt, die - weil Seele und Leibe nicht vergessen - unsagbar langlebig bleiben und oft erst im Alter zur Sprache kommen können!"Healing of Memories" ist das vom Apartheidopfer Michael Lapsley entwickelte Projekt aus dem Südafrika der Postapartheid, das mittlerweile seinen Siegeszug durch die ganze Welt antritt!

Ich komme damit zu einer abschließenden Beobachtung. Was schon im Konziliaren Prozess entdeckt wurde, hat sich innerhalb der Dekade intensiv bestätigt: Um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, brauchen wir das, was in christlicher Tradition mit dem Begriff der "Spiritualität" beschrieben wird. In unserer jüngsten Vergangenheit konnten solche Erfahrungen in einer im wahrsten Sinne des Wortes wunderbaren Weise gemacht werden: Ich spreche von der Tatsache, dass 1989 die in der ehemaligen DDR spontan anschellende Widerstandsbewegung gewaltfrei blieb und zugleich die zu befürchtenden militärischen Reaktionen des untergehenden Gesellschaftssystems ausblieben. In einem langen Vorbereitungsprozess, der eng mit dem Konziliaren Prozess der Kirchen verbunden war, konnte in den regelmäßigen Friedensgebeten jene Haltung erarbeitet und eingeübt werden, die in den entscheidenden Momenten die Eskalation von Gewalt verhinderte. In dieser weltzugewandten Spiritualität wuchs die kostbare Erfahrung, dass religiöse Gemeinschaft Gewalt binden und damit auch überwinden kann.Vgl dazu Hans-Martin Gutmann, Gewalt Unterbrechung, Gütersloh 2009, S. 183ff.

6. Zusammenfassend halte ich fest: Bei aller Vorsicht vor Überschätzungen sehe ich in der "Ökumenischen Dekade" einen zentralen Lernprozess unserer Kirchen. Hat er uns doch in diesen 10 Jahren ins Zentrum unseres Glaubens geführt. Die Materialien für Kingston sprechen in diesem Zusammenhang von einer "Pilgerreise". Mit diesen biblischen Worten wird unterstrichen, dass dieser Lernprozess weitergehen muss. Dass wir im Blick auf Gewalt und Gewaltüberwindung nicht auslernen. Diese Pilgerreise ist kein Wellnessprogramm, sie kostet viel! Ist doch das wandernde Gottesvolk von der Not der Menschen getrieben und nicht vom Verlangen nach eigenem Wohlbefinden. Aber alle, die sich zu dieser Pilgerreise aufmachen - erinnert sei allein an die Freiwilligen im "Ökumenischen Begleitprogramm für Frieden in Palästina und Israel - können Erstaunliches, ja Wunderbares, erzählen.

Diese Pilgerreise fragt zuallererst nach unserer Bereitschaft, an den Orten drohender Gewalt präsent zu sein. Denn an solchen Orten kann das wichtigste geübt werden, was Gewalt überwinden kann: geistesgegenwärtig und rechtzeitig zu intervenieren, so dass Gewalt nicht ausbrechen muss. In den achtziger Jahren wurde einmal davon gesprochen, dass die Kirchen das Erbe der Friedensbewegung angetreten hätten. Das war triumphalistisch und vollmundig zugleich. Aber dass Kirchen und Gemeinden Schwerpunkte der Zivilcourage, der Mediation und der Gewaltfreiheit werden können, diesen Anspruch sollten wir nicht preisgeben!

Pfarrer Dr. Karl-Heinz Dejung, Mainz, war u.a. von 1995-2004 Leiter des Amtes für Mission und Ökumene / des Zentrums Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN); seit 2004 ist er im Ruhestand.

 

Links zur Ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt:

Siehe ebenfalls:

Fußnoten

Veröffentlicht am

23. Dezember 2010

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