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Gelbe Gefahr

Von Karl Grobe 

Die gelbe Gefahr ist kein Schlagwort, erfunden zur Beunruhigung der Bürger in Ländern, in denen es sich lohnt, Angst zu haben. Die gelbe Gefahr ist Wirklichkeit. Und zwar in China. Sie besteht aus Sand, feinem und weniger feinem Staub und hoher Windstärke. Das Phänomen geht in diesen Tagen auf die Gesundheit der Bewohner los, von Peking im Norden bis Hongkong im Süden, von XiŽan im Westen bis weit über die Grenzen und Meere hinaus nach Seoul, Tokio und Taipeh. 

Die Pekinger Behörden haben am Dienstag die Leute gebeten, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Die Behörden verkünden die zweithöchste Alarmstufe, kurz vor "Katastrophe"; die Kennfarbe auf der Warnskala ist gelb. Elektronische Geräte soll man sicherheitshalber luftdicht verpacken. In Hongkong ist so viel Dreck in der Luft gemessen worden wie noch nie, zwanzigmal mehr, als die Gesundheitspolizei für unbedenklich hält. In Taipeh - auch dort - trägt man Atemschutzmasken. In Korea und Japan ist die Luft kaum sauberer. 

Das war noch nicht alles, schreiben die Pekinger Zeitungen. Nach den zwei Sandstürmen, die seit Sonntag Hunderttausende Tonnen Gelbes über das Land und die Nachbarn gebreitet haben, werden in den nächsten acht Wochen noch acht bis zehn weitere kommen. Dass sie, wie eine Nachrichtenagentur schrieb, "Peking und Nordchina weiter in Atem halten" werden, ist unwahr; atmen kann man kaum mehr. 

Der Sand, der Staub, die feinen Partikel sind gelb. Sie dringen durch alle Ritzen. Sie mogeln sich mit jedem Atemzug durch die Schutzmasken. Lungen- und Kreislauferkrankungen sind die Folge, Augen tränen und entzünden sich, aber die Zeitung, in der vor dieser gelben Gefahr gewarnt wird, ist sowieso kaum lesbar: Sie vergilbt beim ersten Aufblättern. 

Niederschläge sind unter dem Durchschnitt 

Sand und Staub werden aufgewirbelt in der Taklamakan-Wüste in Xinjiang, in den Lösslandschaften der Provinzen Gansu und Ningxia sowie in der Mongolei. Die chinesische Presse zählt die Ursachen auf: Überweidung, Abholzung, Verstädterung und Dürre. Einen weiteren Faktor nennt sie nicht: den Ausbau der Landwirtschaft. 

Allein die Anbauflächen für Baumwolle - die viel Wasser braucht - sind seit Jahrzehnten so ausgedehnt worden, dass bedeutende Flüsse trockenfallen und Seen wie der seit Sven Hedins Forschungen berühmte Lop Nor einfach verschwinden, weil ihnen kein Wasser mehr zuströmt. Der Grundwasserspiegel sinkt rasch, die Bodenkrume verdorrt - und weht dann übers Land. 

Das alles ist eine alte Geschichte. Sie ist allerdings in jüngerer Zeit dramatischer geworden. Die auf Wachstum um fast jeden Preis gerichtete Wirtschaftspolitik hat erheblich dazu beigetragen; Wachstum muss aber sein, damit die bald anderthalb Milliarden Chinesen einen akzeptablen Lebensstandard erreichen können. Dem Dilemma entkommt keine Staatsführung; für eine sozial und ökologisch ausgewogene Politik - oder ihr Fehlen - bleibt sie dennoch verantwortlich. 

Nur Regen machen kann sie nicht. Im Norden, dem Ursprung der staubig-gelben Gefahr, bleiben die Niederschläge seit einem Jahrzehnt unter dem Durchschnitt. Und im Südwesten, der mittels gigantischer Flussumleitungsprojekte bald den dürstenden Norden tränken soll, sind seit einem Jahr 80 Prozent der erwarteten Regentropfen ausgeblieben. Es staubt und wird weiter stauben. Und diesmal ist die Partei nicht schuld daran. 

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 25.03.2010. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

26. März 2010

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