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Aufstieg in die Weltherrschaft

Von Karl Grobe

Vor fünfzig Jahren hat der niederländische Historiker Jan Romein das 20. Jahrhundert zum "Jahrhundert Asiens" erklärt. Das essayistische Buch "De eeuw van Asie" des Wissenschaftlers, dem übrigens die Auffindung der Tagebücher Anne Franks zu verdanken ist, wurde wenig beachtet; der Mann war zu links. Den Aufstieg Chinas hat er - damals - vorausgesagt; er hielt Maos "demokratische Diktatur des Volkes" für demokratischer, als sie war, und hat ihre Degeneration zur kulturrevolutionären Diktatur nicht mehr erlebt.

China ist unter völlig anderen Voraussetzungen aufgestiegen - als kapitalistische Gesellschaft unter der autokratischen Herrschaft einer Partei, die sich immer noch kommunistisch nennt. Und dieser so von dem Niederländer nicht geahnte Aufstieg ist die Nachricht des ersten Jahrzehnts in unserem 21. Jahrhundert. Das haben die Forscher des texanischen Instituts Global Language Monitor aus der Beobachtung des Internets und mehrerer zehntausend gedruckter Medien ermittelt. Das Thema überragt die Nummer zwei, den Irak-Krieg, ums Vierfache.

Solche Nachrichtenspiegel messen zwar nur die Aufmerksamkeit und nicht so sehr den inhaltlichen Kern; aber Aussagekraft haben sie. Nimmt man die Einschätzung Jimmy Carters hinzu, so sind die Beziehungen zwischen den USA und China längst das wichtigste bilaterale Verhältnis überhaupt. Der einstige US-Präsident hat das vor vier Wochen konstatiert, als er den 30. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Mächten würdigte. Und schaut man zurück auf den Kopenhagener Klimagipfel, so fällt der Blick auf die unschön klingende Wortschöpfung "Chimerica". Als ob Peking und Washington sich schon die Weltherrschaft teilten. Gemeinsam Beschlüsse abzublocken, die ihren Interessen nicht entsprechen, haben sie schon geschafft.

Man sollte meinen, dass chinesische Publikationen darob vor Stolz glühen. Irrtum. Das Parteiblatt China Daily zitiert einen Pekinger Professor mit den Worten, mit dieser Nachricht solle wohl wieder mal die chinesische Gefahr an die Wand gemalt werden. Und ein anderer verkündet an gleicher Stelle: Den wirtschaftlichen Erfolg Chinas akzeptieren sie schon, aber sie wollen durch diese Schmeichelei dem Land nur größere Verantwortung aufbürden, etwa bei der Finanzkrise und dem Klima. Außerdem, so klingt´s durch, versäumen die West-Medien keine Gelegenheit, China schlechtzumachen: Tibet, Xinjiang, Menschenrechte und so weiter.

Stimmt. Darüber berichten die Medien außerhalb des Geltungsbereichs der chinesischen Verfassung. Doch das tun Chinesen auch, sogar ausführlich und zwar im Internet, sofern das nicht (wie seit Juli in der Autonomen Region Xinjiang) ganz abgeknipst oder wenigstens streng überwacht wird. Was das chinesische Web-Publikum keineswegs hinnimmt: Den obligatorischen Einbau einer Zensur-Software in jeden neuen PC hat das chinesische Publikum durch massiven Protest schon mal verhindert.

Würden die offiziellen Stellen, von den Spitzen der Partei und der Regierung bis zur Presse, "ins Volk gehen" (Mao hat das verlangt, als er noch Revolutionär war) - China könnte sich selbst ohne Tünche darstellen. Stark, erfolgreich, dynamisch, kritikwürdig und Kritik ertragend. Dann würde es tatsächlich zu einer grandiosen Erfolgsgeschichte, dieses Jahrzehnt Chinas.

Karl Grobe ist freier Autor.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 28.12.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

29. Dezember 2009

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