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Dorothee Sölle: “… ein paar Disteln zum Geburtstag”

Helmut Gollwitzer, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, wäre am 29. Dezember 2008 100 Jahre alt geworden. Wir erinnern in der Lebenshaus-Website an ihn durch die Veröffentlichung verschiedener Predigten, Reden und Artikel.

Nachfolgend veröffentlichen wir einen Text von Dorothee Sölle zu Gollwitzers 70. Geburtstag am 29. Dezember 1978, in dem sie die theologische Diskussion weiterführte, die zwischen beiden seit langem bestand.

Von Dorothee Sölle
 

Lieber Helmut Gollwitzer!

Mit Herrn Keuner bin ich "nicht für Abschiednehmen, nicht für Begrüßen, nicht für Jahrestage, nicht für Feste, nicht für das Beenden einer Arbeit, nicht für das Beginnen eines neuen Lebensabschnittes, nicht für Abrechnungen, nicht für Rache, nicht für abschließende Urteile". (B. Brecht, Werkausgabe, Bd. 12, 410) Alles dieses hält Lernprozesse an, kürzt sie ab und bereitet uns auf etwas vor, das man mit Brecht als die bürgerliche Gegenhaltung zum Lernen beschreiben kann: das Kennen, die Kennerschaft, das ein-Kenner-sein.

In diesem Sinne möchte ich Dich, Helmut, zu Deinem 70. Geburtstag weder begrüßen noch feiern (das haben die Herausgeber Deiner Festschrift schon richtig gespürt, daß Leute wie ich da nicht hineingehören!) und schon gar nicht will ich Dir Unehre dadurch antun, daß ich Dich zu kennen vorgebe. Laß uns ein wenig weiterreden über die Sache, zu der ein "abschließendes Urteil" uns nicht zusteht, die Du in Deinem schönen letzten Buch "Befreiung zur Solidarität" genannt hast. Keine Buchbesprechung (…), nur einige weiterführende Anfragen.

Genau genommen sind es zwei Rückfragen an die zwischen uns ja durchaus kontroverse Theologie; also beinahe Luxus, aber doch nur beinahe; längerfristig gesehen werden die theologischen Grundlagen für sozialistische Christen wichtig sein, vor allem, wenn wir an Zahl wachsen und mehr sein werden.

1. Zur Methode

Die beiden ersten Kapitel Deiner "Einführung in die Evangelische Theologie" heißen "Freiheit und Bindung in der Theologie" und "Theorie und Praxis als Problem gegenwärtiger Theologie". Mir wäre ein wenig wohler dabei, wenn die Reihenfolge umgekehrt wäre und wenn die Betonung anders läge. Dies soll keine Polemik sein, nur eine Korrektur der Emphase und der Hoffnung, die ich immer weniger auf die Universitätswissenschaft Theologie und die dort etablierten, dem Staat verantwortlichen und vom Staat besoldeten Beamten setzen kann.

First things first, das Nachdenken über Praxis und Theorie hat einen hermeneutischen Vorrang gegenüber dem klassischen Problem von Freiheit und Bindung und der liberalen Fragestellung, inwiefern sich die Theologie "frei und kritisch, nur der Frage nach der Wahrheit verpflichtet" fühle. Befreiungstheologie hat, methodologisch gesprochen, eine gewisse Spitze gegen die an Universitäten etablierte und sich als Wissenschaft verstehende Theologie entwickelt. Praxis ist wichtiger als Theorie, Glauben wichtiger als Theologie. Theologie-Theorie hat überhaupt nur Sinn als zweiter Schritt, als Reflexion und Kritik des "ersten Schrittes".

Was ist denn der erste Schritt? Die Befreiungstheologie antwortet: es ist dein "commitment", dein dich-Einlassen, deine Verpflichtung, es ist, wie du mit deiner Zeit, deinem Geld, deiner Karriere umgehst. "Praxis" im Sinne der Befreiungstheologie ist eine existenzielle und eine politische Kategorie, ohne die Theologie überflüssig wird; wir könnten sie dann den Nachlaßverwaltern der Christentumsgeschichte überlassen.

Im Zuge dieser Einsichten, die die Befreiungstheologie uns wieder nahegebracht hat, ist mein Interesse an der Bestimmung der Theologie "als Wissenschaft" immer geringer geworden. Dieser Tenor hatte in Auseinandersetzung mit dem Liberalismus guten Sinn; die Alternative für die Theologie war damals, wie Du schreibst, apologetisch oder kritisch zu werden. Aber ist diese Fragestellung noch unsere? Müßten wir nicht formulieren: die Theologie kann entweder praktisch oder belanglos sein?

Belanglose Theologie ist für mich solche, die sich selbst unanwendbar gemacht hat. Man könnte sie auch Apartheidstheologie nennen, wenn man "Apartheid" nicht nur als die Erfindung einiger rückständiger südafrikanischer Rassisten definiert, sondern als das zentrale Problem der Bürger der ersten Welt. So wie junge weiße Südafrikaner in ihren Schulen nichts, aber auch gar nichts, über den Gebrauch von Elektrizität und Wasser in den benachbarten townships erfahren, so sind auch uns mehrheitlich die uns umgebenden, von uns installierten Slums unbekannt und verborgen, abgetrennt durch eine Mauer, gegen die die Berliner ein Kinderspiel ist. Auf unserer Seite der Mauer nun findet eine Masse Theologie statt, aber ohne daß die Mauer bemerkt würde. Ob diese "Theologie" nun apologetisch oder kritisch ist, bleibt ziemlich einerlei.

Ihre Wissenschaftlichkeit besagt nichts Entscheidendes mehr. Wieviel Theologie hat ein hohes wissenschaftliches Niveau und ist trotzdem überflüssig und daher schädlich; sie ist nicht in der Lage, Glauben und Beten zu lehren. Mit der Wissenschaftlichkeit hat sie sich die Überparteilichkeit, die Neutralität, den Abstraktionsgrad, den Wertrelativismus zumindest als Gefahren eingehandelt. Wem nützt das?! Eines der schönsten Beispiele geglückter Theologie heute sind die Gespräche der Bauern in Solentiname, die Ernesto Cardenal aufgezeichnet hat. Da fließen wissenschaftliche Theologie, exegetisches Handwerk, Forschungsergebnisse dauernd ein, aber dominant sind ganz andere Interessen, die des Lebens, des Kampfes. Die se Theologie dient der Praxis.

2. Zum alten Streit über Gott

Der andere Punkt meiner Anfragen betrifft unseren alten Streit über das Verhältnis zu (und die mögliche Rede von) Gott. Seltsamerweise stehen die wichtigsten und für mich provokativen Aussagen dazu nicht in Deinem "Gott" überschriebenen Kapitel, sondern im sechsten, "Die Geschichte der Kirche als Frage nach der Kirche", dort, wo Du Dich mit der Mystik auseinandersetzt.

Du gehst von der "strengen Kreaturgrenze" aus, der "unaufhebbaren Verschiedenheit" zweier Subjekte, Gott und Mensch. Du kritisierst die Mystik und ordnest, mit Recht wie mir scheint, die Atheisten, die Ketzer, die Existenzialisten unter den Theologen in die mystische Tradition ein: Karl Barth oder Ernst Bloch als die gegenwärtig möglichen Kirchenväter.

Mystik ist Identitätsdenken, der Wunsch nach einer unio, Aufhebung Gottes ins Menschliche. Du kritisierst diesen aus bestimmten gesellschaftlichen Erfahrungen erwachsenden Wunsch, weil die Mystik sich selber in ihrer Sehnsucht mißverstehe, sie denke, unwillentlich, "in der Bahn des Für-sich-sein-Wollens" (99). Denn Liebe sei nur in der Unterschiedenheit möglich, deren tiefste Darstellung eben die Kreaturgrenze ist. Liebe als Möglichkeit gründet sich für Dich in der Andersheit. Daher müßte der mystische Wunsch, verwirklicht, gerade nicht das ersehnte Leben erreichen, sondern die Abwesenheit von Leben, Ungleichheit und Beziehung, den Tod. Tod ist nach Deiner Darstellung das innerste Ziel solcher Mystik und man braucht nur an Gottfrieds "Tristan und Isolde" zu denken, um über den Zusammenhang von Atheismus, Mystik, Sexualität und Tod etwas mehr Klarheit zu gewinnen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Du diesen Zusammenhang als todessüchtig abweist, macht mir zu schaffen. Muß man nicht den Wunsch, einszuwerden, namenlos und gesichtslos zu werden, den Wunsch, sich aufzulösen, kennen, um das Leben etwas gründlicher, etwas weniger oberflächlich zu lieben? Es ist ja nicht so, als ob wir armen Mystiker, unendlich verliebt ins Unmögliche, nicht wüßten, worauf wir uns mit einer Zielvorstellung von Liebe einließen, die alle Fremdheit und Begrenzung übersteigt. Die eben darum Herrschaft, auch die Theonomie genannte Heteronomie, nicht erträgt!

In diesem Zusammenhang sprichst Du von dem Menschen, der "in seine Einsamkeit zurückgeworfen" sei, der seine Erfüllung nur von dieser Einsamkeit aus gedacht habe, "also nicht Erfüllung in der Liebe. . oder nur Erfüllung in zwischenmenschlicher Liebe.." (101) finden könne. Im theologischen Disput mit den politischen Gegnern würde ich einen solchen Satz für raffinierte Blasphemie halten, also für das theologisch Übliche. Und warum soll da, wo Herrschaft nicht anerkannt wird, Einsamkeit walten? Warum ist es so schwer, Gott als communio zu denken?

Der wichtigste politische Einwand gegen die Theologie des ganz Anderen ist, daß sie die Gott-Mensch-Beziehung nur im Schema von Herr und Knecht denken kann. Einer muß immer oben sein. Einer muß immer A sein und der andere darf dann B sein, wie in Barths Darstellung des Verhältnisses von Mann und Frau. Der dort waltende Sexismus ist nur die Konsequenz des theologischen Imperialismus. Du beschreibst unser Leben immer als "gewährtes" oder als "bestimmtes"; auch das ist die Sprache des Imperiums, der Herrschaft.

Auch die Trinitätslehre hilft da nicht weiter; solange wir nicht Teil der trinitarischen Einheit sind, bleiben das Glasperlenspiele, auf die sich die Armen, die Bauern, die Sekten, nie eingelassen haben.

Du differenzierst die Liebes-Identität - als gewährte - von der Seins-Identität. Ach Gott, ja. Vielleicht habe ich nie verstanden, was der Unterschied zwischen "Sein" und "Lieben" sein soll. Auch so eine verfluchte Männererfindung! Wie willst Du ihn festmachen? Wenn Gott wirklich keine anderen Hände hat als unsere, keine anderen Ohren und Augen (und solche Sätze gehören ins heutige Credo), wenn er/sie die Solidarität ist, zu der wir bekehrt werden, wenn wir also ernst machten mit der Liebes- Identität, wer hat dann noch ein Interesse an der Seins-Differenz? Wem dient sie denn, wenn nicht denen, denen sie immer zustatten kam, weil sie immer wußten, was oben und was unten zu sein hat?

Der Sozialismus der Mystiker wird anarchistischer sein als der, der auf kirchlicher Dogmatik fußt. Was ich für hoffnungsvoll halte!

Dieser Brief ist kritischer geworden, als ich ursprünglich wollte. Versteht sich, je ne regretterien! Dazu ist mein Respekt für Dich zu hoch. Was Du als eine kritische Liebeserklärung nehmen kannst, ein paar Disteln zum Geburtstag.

Deine
Dorothee Sölle

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, Dezember 1978, 39. Jahrgang, S. 646ff.

 

Mehr zu Dorothee Sölle siehe auf der Lebenshaus-Website (Linksammlung unten) sowie unter folgendem Link:

Veröffentlicht am

29. Dezember 2008

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