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“Befreiung zur Solidarität”

Helmut Gollwitzer, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, wäre am 29. Dezember 2008 100 Jahre alt geworden. Wir erinnern in der Lebenshaus-Website an ihn durch die Veröffentlichung verschiedener Predigten, Reden und Artikel.

Nachfolgend veröffentlichen wir das Nachwort seines im Herbst 1978 erschienenen Buches "Befreiung zur Solidarität. Einführung in die evang. Theologie".

Von Helmut Gollwitzer - Nachwort zu seinem gleichnamigen BuchHelmut Gollwitzer: Befreiung zur Solidarität. Einführung in die evang. Theologie. München: Kaiser 1978, S. 222ff.

Wer erwartet uns und was erwartet uns? Was uns erwartet, ist heute mit Flammenschrift an den Horizont dieser Epoche geschrieben von ihren apokalyptischen Warnern, von G. R. Taylor und Günter Anders, von Robert Jungk und Wolfgang Harich und all den anderen. Ob "Ende oder Wende"’Vgl. Erhard Eppler, Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen. Stuttgart 1975 vor uns steht, kann noch keiner wissen, und das Ende scheint wahrscheinlicher, wenn man die unfaßbare Blindheit ermißt, mit der die Machthabenden in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft alle Warnungen überhören und angesichts einer einzigartigen Existenzbedrohung der Menschheit und ihrer Naturbasis durch uns Menschen den Kampf um ihre Partikularinteressen, ihre Imperialismen, den Rüstungswahnsinn weitertreiben, wie sie es von jeher getrieben haben, jeden Tag uns dem Untergange nähertreibend.

Wir sind alle hineinverstrickt, die Völker und die einzelnen. Der US-Amerikaner, sofern er nicht zu den Millionen gehört, die dort unter dem Existenzminimum leben, sondern zu denen über dem Existenzminimum, sagt praktisch Ja zu Hunger und Unterernährung von Millionen Kindern in Latein-Amerika, da sein Wohlleben durch die eiserne Klammer ermöglicht ist, in der die Vereinigten Staaten diesen unglücklichen Kontinent gefangen halten. Wir Deutschen sind durch unsere Konzerne und durch unsere Politik an der Ausplünderung und der Verschmutzung der anderen Kontinente genauso beteiligt, und jeder von uns sagt praktisch Ja dazu durch den täglichen Genuß seiner Vorteile vor den durch unsere Schuld Hungernden. Wir alle sagen durch unser Sicherheitsbedürfnis, durch die Wahlstimmen für unsere rüstungsbejahenden Parteien praktisch Ja zur Herstellung, Lagerung, Weiterentwicklung und Drohung mit Massenvernichtungsmitteln, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Während unsere Bevölkerung durch Terrorakte verirrter Gruppen abgelenkt wird, hängt über uns das Damoklesschwert eines terroristischen Vernichtungspotentials, für das den Staaten kein göttliches Recht und darum auch kein irdisches Recht Erlaubnis und Auftrag gegeben hat. Gegen den Totalitarismus in andern Weltteilen protestierend, leben wir schon im totalitären Zwang der Todesrüstung. Wir sagen zu der gottlosen Produktion des von uns erfundenen, in der Natur nicht vorkommenden Giftes Plutonium - jährlich über 40 000 kg -, das wir der Erdgeschichte für Hunderttausende von Jahren einverleiben, praktisch Ja durch unseren Energieverbrauch, mit dem die Machthabenden dieses Gift rechtfertigen.

Wir sind so verstrickt in die Beteiligung und so ohnmächtig im Widerstand, daß auch diejenigen, die klar sehen, weiterleben können nur durch oftmalige Verdrängung dessen, was sie sehen. In unseren täglichen Sorgen, Freuden und Beschäftigungen nehmen wir die Welt, als sei sie noch die gleiche, die sie immer gewesen ist; dabei ist sie doch die Welt unmittelbar vor dem Abgrund. Wir gleichen alle der pompejanischen Hausfrau auf einer Zeichnung des italienischen Karikaturisten G. Novello, die am Vormittag vor dem Vesuvausbruch ihre Mägde zum gründlichen Abstauben ihrer Nippessachen antreibt. Auch die Kirchen, die in ihrer Bibel doch die Apokalypse des Johannes besitzen, und die zu alledem schweigen oder nur matte, unverbindliche Worte finden, gleichen dieser Hausfrau im täglichen Kirchenbetrieb, und ebenso gleichen ihr die Fachsimpeleien der Theologen. Das alles bewegt sich tief unter dem Niveau der Stunde, steht in keinem Verhältnis zu dem, was die apokalyptische Perspektive des Menschheitsuntergangs von uns verlangt.

Auch in diesem Buche ist kaum bemerkbar, wie sehr es mir gegenwärtig war, etwa wenn vom "Toderleben" die Rede war oder von der Selbstzerstörung der Sünde, der das göttliche Rettungsunternehmen entgegentritt. Spätestens jetzt muß klargestellt werden, daß alles über das Evangelium Gesagte tief in Frage gestellt wird durch die heutige Menschheitslage, und daß genau in dieser In-Frage-Stellung die Verheißung des Evangeliums sich erhebt und uns neu auf die Füße stellen und in die Arbeit für die durch sich selbst bedrohte Menschheit setzen will. Das Mißverhältnis der scheinbaren Ohnmacht dieser Verheißung gegenüber der riesigen Macht der Vernichtungskräfte ist das gleiche Mißverhältnis, in dem der Gekreuzigte steht gegen die Macht derer, für deren politisches Spiel er nur eine winzige Schachfigur ist. Das gleiche Mißverhältnis auch, in dem die das Evangelium Hörenden sich zu allen Zeiten gegenüber dem Morden und Vergewaltigen um sie herum befanden, das sie nicht verhindern konnten. Wurde am Ende von Kap. IV die Botschaft von der Auferstehung dem "Untergangspessimismus, den uns die heutigen Weltverhältnisse so nahe legen" entgegengestellt, so nicht im mindesten, um diesen Untergangspessimismus zu bagatellisieren oder ihm Recht und Grund zu bestreiten. Er ist die realistischste Sicht der Dinge. Aber eben deshalb ist gegen die Hoffnungslosigkeit, zu der alle realistischen Analysen dieser Weltstunde Anlaß geben, und gegen die von ihr ausgehende Lähmung mit geringerem als mit der Auferstehungsbotschaft nicht mehr auszukommen. Nicht damit wir über dem drohenden Untergang uns für uns selbst mit dem Jenseits des ewigen Lebens, das uns nicht verlorengehen kann, trösten und diese Welt ihrem Verhängnis überlassen. Das wäre ein egoistischer Trost, der außerdem übersähe, daß dieses Verhängnis von jedem von uns mitverschuldet ist. Es ist ein legitimer Trost nur dann, wenn er uns jene Lähmung überwinden hilft zum neuen Kampf um die innergeschichtliche Rettung dieser Welt, die Gottes geliebte Schöpfung ist. Es ist ein legitimer Trost, wenn uns das Erbarmen mit jenen, die täglich zum Opfer der Vernichtungskräfte werden, antreibt, uns auf die Seite der Opfer zu stellen und aus der Komplizenschaft mit den Vernichtungskräften auszutreten.

Wie jeder von uns in der Verstrickung gegen die Verstrickung sich erheben und anstelle bisheriger Solidarität mit den Betreibern des Untergangs in die Solidarität mit den Opfern und damit auch mit dem großen Opfer, mit der Mutter Erde, aus der wir leben, tätig eintreten kann, dafür können hier keine allgemeinen Rezepte gegeben werden. In der täglichen Praxis, im Gespräch der Jünger Jesu und der sehenden Zeitgenossen müssen dafür die Wege gesucht werden, und jeder Augenblick Zeit, der uns noch gelassen ist, ist eine Gnadenfrist, die mit allen Kräften ausgenützt werden will. Was hier dargelegt wurde, ist ein Versuch, die Ausrüstung zu beschreiben, die das Evangelium uns für die Praxis dieser Gnadenfrist gibt: Motiv, Kriterien, göttliche Bundesgenossenschaft, Durchhaltekraft, Richtung und Linie - und Hoffnung, wo nichts mehr zu hoffen scheint.

Darum wird die Frage, was uns erwartet, eingeklammert von der Frage, wer uns erwartet: der Gott der Auferstehung, der Leben bringend uns Todeswütige immer wieder fragt: "Warum wollt ihr sterben?" (Hes 33,11; 18,31; Jer 27,13). Der, den wir erwarten,wenn unsere hiesige Zeit zu Ende ist, erwartet uns hier in dieser Zeit, bis zum letzten Augenblick. Darum schließe ich mit der bedeutungsvollen Geschichte, mit der auch Gustav Heinemann 1974 seine Amtszeit beschloß:
In der Mitte des vorigen Jahrhunderts tagte in einem Staat des nordamerikanischen Mittelwestens das Parlament dieses Staates. Ein fürchterliches Unwetter, wie es in jener Gegend vorkommt, zog herauf und verdunkelte den Himmel. Es wurde schwarz wie die Nacht, und der Weltuntergang schien nahe. Die Parlamentarier wollten voll Schrecken die Sitzung abbrechen und aus Odem Sitzungssaal stürmen. Der Sprecher des Parlaments rief ihnen zu: "Meine Herren! Entweder die Welt geht jetzt noch nicht unter und unser Herr kommt noch nicht - dann ist kein Grund vorhanden, die Sitzung abzubrechen. Oder unser Herr kommt jetzt - dann soll er uns bei der Arbeit finden. Die Sitzung geht weiter!"G. W. Heinemann, Allen Bürgern verpflichtet. 1. Band der Reden und Schriften, Frankfurt/M. 1975, 339f.

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, Oktober 1978, 39. Jahrgang, S. 526ff.

Fußnoten

Veröffentlicht am

28. Dezember 2008

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