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Gideon Levy: Unter Hassenden

Von Gideon Levy, Haaretz, 13.08.2009

Die Haredim hassen die Lesben, die Lesben die Haredim; die Siedler die Linken, die Linken die Siedler; die Ashkenazim hassen die Mizrahim, die Mizrahim hassen die Ashkenazim; die Säkularen hassen die Haredim, die Haredim hassen die Säkularen; die Reichen hassen die Armen, die Armen hassen die Reichen; die Jekkes hassen die Ostjuden, die Ostjuden hassen die Jekkes; Hapoel-Fans hassen die Maccabi-Fans, Maccabi-Fans hassen die Hapoel-Fans und alle zusammen hassen die Araber. Und alle sind sich sicher, dass die ganze Welt sie grundlos hasst.

Nichts motiviert, definiert und vereinigt die Lager in der israelischen Gesellschaft so sehr wie der Hass, und es gibt nichts wie der Hass gegen die Araber, der das ganze Lager eint, besonders in Zeiten der Krisen, ob sie nun real sind oder nur in der Phantasie, wie es meistens der Fall ist. Manchmal teilt er, manchmal eint er, aber nur der Hass bringt die Leute hier in Aktion mitten in einem größeren Koma, wie es uns zu einem gewissen Zeitpunkt 2000 traf.
Zuweilen schläft er, zuweilen tritt er offen zutage, oft gibt er sich - zu unserer Ehre - mit Worten zufrieden, gelegentlich bricht er in Gewalt aus.

Bei den Untersuchungen des Mordes im Tel Aviver Lesben/Schwulen-Jugendklub gibt es noch keine genauen Hinweise, und wir haben schon eine ganze Gemeinschaft zu potentiellen Verdächtigen gemacht. Sogar noch bevor das Motiv bestimmt worden ist, ist ein neues Konzept in unser Leben getreten: der Hassangriff, der sich auf den hebräischen Ausdruck gründet, und der für Terrorakte benützt wird - als ob es irgendeinen Angriff gibt, der nicht im Hass seinen Ursprung hat. Aber der Angriff auf den lesbischen Jugendklub war von einem Einzeltäter ausgeführt, dessen Identität und Motive noch unbekannt sind - und schon gibt es Zorn, um nicht Hass zu sagen, gegen alle Ultra-Orthodoxen und die Shas-Unterstützer, der nicht weniger ernsthaft ist als der Zorn dieser Gemeinschaften gegen die Lesben und Schwulen.

Es stimmt, dass einige Leute mit ihrer Sprache und ihrer politischen Korrektheit sorgfältiger umgehen. Man wird von Shlomo Benizri oder Nissim Zeev von Shas solche Bemerkungen nicht hören. Wörter können verletzen, aber sie töten nicht, und deshalb sind sogar die beschämendsten verbalen Attacken gegen Schwule und Lesben nicht verantwortlich für den abscheulichen - ganz sicher abscheulichen - wie auch grausamen und willkürlichen Mord, genau wie die Bomben, die unsere exzellenten und moralischen Piloten über Wohngebieten im Gazastreifen fallen lassen, Bomben, die keinen emotionalen und moralischen Aufschrei verursachen. Auch dies ist ein Teil der israelischen politischen Korrektheit.

In Israel, das sich seiner vielen Gesetze, seiner Schwulen-Lesben-Parade, seiner Fülle von Liberalismus und Aufklärung gegenüber Schwulen und Lesben rühmt, gibt es noch ein großes, stilles und dunkles Element, das niemals sagen wird, was es wirklich über Schwule denkt. Es sind nicht nur Schwule, die sich noch nicht geoutet haben - dasselbe gilt auch für den größeren Teil der "Homosexuellen, die sich gar nicht outen. Homo ist das zornigste und schmutzigste Schimpfwort, das in Fußballstadien geschrien wird, gleich hinter "Tod den Arabern!".

Also glaubt nicht an den künstlich, selektiven Liberalismus. Da gab es immerhin eine Reihe Israelis, die von dem Angriff geschockt sein könnten, die aber seine Motive "verstanden". Andrerseits gibt es innerhalb der Schwulengemeinschaft nicht wenige, die darauf bestehen, durch das Haredi-Stadtviertel in Jerusalem zu marschieren, nur um gegen sie zu protestieren und sie wütend zu machen - ähnlich Itamar Gvir vom rechten Flügel, der unbedingt durch die israelisch-arabische Stadt von Umm Al-Fahm marschieren wollte.

Israel, das entsetzt ist über den Mord im Jugendklub und tsk-tsks (??) den Vater, der seine kleine Tochter zu Tode erwürgte, hüllte sich selbst in kranke Selbstzufriedenheit und Gleichgültigkeit angesichts der gewalttätigen und nicht weniger schockierenden Akte, die in seinem Namen gegenüber Kindern und Jugendlichen ausgeübt werden. Israel, das geschockt ist über den Jungen, den seine Mutter in Jerusalem angeblich verhungern ließ, regt sich viel weniger über die Kinder von Gastarbeitern auf, die deportiert werden - auch sie sind Kinder und die Maßnahmen gegen sie ist von beispielloser Gewalt - und regt sich überhaupt nicht auf beim Anblick unterernährter Kinder im Gazastreifen. Wenn eine Haredi-Mutter verdächtigt wird, ihr Kind Hungers sterben zu lassen, verunglimpfen wir die ganze Gemeinschaft; wenn ein säkularer Vater seine Tochter zu Tode würgt, wagt keiner zu verallgemeinern. Die Mutter ist Vertreterin einer Gruppe, der andere ist ein privater Fall. So sind wir - wir messen mit zwei oder gar mit dreierlei Maßstäben.

Ein Lob auf den Hass: der Hass hat sogar auch eine positive Seite: solange er gerechtfertigt ist und nicht in Gewalt ausartet. Solange wie die Linken denken, die Siedler hätten den Friedenschancen einen tödlichen Schlag versetzt, also eine Tragödie historischen Ausmaßes verursacht, dann ist es erlaubt, sie zu hassen. Solange die Mizrahim denken, die Ashkenazin hätten sie übers Ohr gehauen und jahrelang gedemütigt, sie herablassend behandelt, ihnen ihre Kultur genommen, dann ist es erlaubt, sie zu hassen. Solange die Palästinenser denken, die Besatzung zerstört ihr Leben, demütigt sie zutiefst und verweigert ihnen die grundsätzlichen Freiheiten, dann ist es ihnen erlaubt, die Besatzung und die Besetzer zu hassen.

Echter Hass ist gerechtfertigt. Er kommt aus einer Gesellschaft und nicht von einer Einzelperson. Er verallgemeinert nicht unfair. Er verleumdet nicht grundlos eine ganze Gemeinschaft. Gelegentlich wird eine ganze Gesellschaft schuldig durch Ungerechtigkeit. Über solchen Hass können wir uns nicht beschweren; er regt zu Aktionen, zu Protesten an und um unterschiedliche Lager zu bestimmen.

Wenn andrerseits jemand aus dem hauptsächlich säkularen Tel Aviver Stadtteil Ramat Aviv
sich selbst als aufgeklärt ansieht und aus einer Mücke einen Elefanten macht, indem er eine Bude als Brückenkopf ansieht, einen Kindergarten als militärische Stellung, einen Bart und einen Borsalinohut als ausländisches Element - dann ist das verachtenswerter Hass. Alle Siedler haben mit ihren kriminellen Handlungen des Siedelns eine Katastrophe über uns gebracht und deshalb liegt in der Feindseligkeit ihnen gegenüber kein Rassismus … die Ultra-Orthodoxen als Gruppe andrerseits haben keine Katastrophe über die schwulen oder säkularen Gemeinschaften gebracht und deshalb ist ein Hass ihrerseits grundlos.

Jetzt ist es an der Zeit, die Toten zu betrauern und auf das Ende der polizeilichen Untersuchungen unserer schweren Anschuldigungen zu warten. Egal was er ist, ein Haredi oder ein Säkularer, ein Homosexueller oder ein verschmähter Liebhaber, der Mörder ist ein Mörder, gemein und abscheulich, aber nur ein Einzelner - denken wir daran.

Übersetzung: Ellen Rohlfs.

Veröffentlicht am

19. August 2009

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