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Wie China sich Feinde schafft

Von Karl Grobe

Chinas Führung nimmt die blutigen Unruhen in Ürümqi sehr ernst. So ernst, dass der erste Mann im Staate, Hu Jintao, den G 8-Gipfel sausen lässt und heimkehrt. Das war klug. Es ist mehr vorgefallen als ein örtlicher ethnischer Konflikt. Der Status der Han-Chinesen ist erschüttert, die Minderheitenpolitik der Volksrepublik steht auf der Kippe. Das ist Chefsache.

Hu und die Mit-Chefs halten sich erstmal an ein weltweit bewährtes Rezept: mehr Polizei, mehr Soldaten. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht und Gehorsam die zweite; daher wird es harte Strafen regnen. Unruhen kann der Staat so niederschlagen; dann ist Friedhofsruhe. Die allgemeine Unruhe hat jedoch Gründe, die über den Horizont der Polizeiarbeit, der militärischen Aufstandsbekämpfung und des hochnotpeinlichen Strafgerichts hinausgehen.

Das vor zehn Jahren beschlossene Entwicklungsprogramm für den Westen Chinas hat den alten, aber lange Zeit von allen Seiten kontrollierbaren Widerspruch zwischen Han-Chinesen und Uiguren bis zur Grenze der Unauflösbarkeit verschärft - weil es außerordentlich erfolgreich war. Mit gigantischen Mitteln der Zentralregierung wurden Straßen und Bahnlinien gebaut, Öl- und Gasfelder erschlossen, Pipelines gelegt, neue Stadtteile gebaut. Doch mit den Industrieanlagen kamen Han-Facharbeiter und Han-Ingenieure, sie bezogen die Wohnungen in den neuen Städten und die "Kommandohöhen der Wirtschaft".

Jobs im modernen Wirtschaftssektor wurden für die meisten Uiguren umso unerreichbarer, je moderner die neuen Branchen wurden. Andererseits werben chinesische Firmen aus den Wirtschaftswunderzonen an der Ostküste aggressiv um billige uigurische Arbeitskraft, wie sie sich auch im han-chinesischen Hinterland aus der industriellen Reservearmee bedienen, der Masse der überzähligen und unterbeschäftigten Landbevölkerung. Eine böse Dialektik befördert die Gäste, ob Arbeiter, ob Anleiter, zu Herren und stuft die Einheimischen hinab zu Handlangern, macht sie somit zu dem, für das eine hochgemute Han-Intelligenzija sie immer gehalten hat: Barbaren.

Die Zentrale hat natürlich hohe Investitionen ins Bildungswesen getätigt. Schulen und Hochschulen des aktuellen Standards hat es - wenn überhaupt - in Xinjiang nur wenige gegeben. Doch auch hier entstanden Barrieren: Sprachliche und politisch-kulturelle Hindernisse zu überwinden, gelang zwar einer beachtlichen Zahl von Aufsteigern, Aufstieg aber hieß: sich der han-chinesischen Sprache, Kultur und Politik anschließen, aus der islamischen Gemeinschaft (die wenig dogmatisch ist) und der türkischen Sprachfamilie aussteigen.

Han-Chinesen machen längst die Hälfte der Xinjianger Bevölkerung aus, mit starken örtlichen Unterschieden. Oasen-Großstädte wie Kaschgar, Hotan oder Jarkand sind noch immer weit überwiegend uigurisch, also türkisch-islamisch. Doch die Modernisierung ändert das auch dort.

Die Angst der Uiguren vor der Sinisierung ist also sehr gut begründet. Die Ankündigung harter Strafen wird sie gewiss nicht verringern, selbst wenn das Argument gilt, dass der Gewaltausbruch am Sonntag auf die Empörung der Uiguren über böse anti-uigurische Gerüchte und Straftaten gegen uigurische Gastarbeiter zurückgeht. Aber ebenso tief sitzt die Angst der Chinesen - der Han - vor den Uiguren in den noch homogenen Gegenden des islamischen Westens. Sie ist geradezu zu riechen, wenn sich einzelne Han in einer friedlichen uigurischen Menge bewegen müssen.

Nun wüsste man gern: Was ist in Hotan, Kaschgar oder Jarkand geschehen? Das sind uigurische Großstädte mit einem gewissen Ruf der Aufsässigkeit. Es besteht - aus der Sicht der Staatssicherheit verständlicherweise - eine technische Nachrichtensperre. Wenn dort alles ruhig geblieben ist, beweist es wohl, dass eben nicht die Hand der Auslands-Uiguren an den Aufstandsstrippen gezogen hat. Doch Peking hat ungewöhnlicherweise auch eine rasche Nachrichten-Öffnung organisiert und fünf Dutzend West-Journalisten nach Ürümqi eingeladen. Was können Ausländer dort sehen, und warum dürfen sie es?

Der uigurische Mob, sagt die Propaganda, hat angefangen. Mag sein. Die Uiguren ins Unrecht zu setzen, bietet sich also an, es gibt ja diesmal Indizien dafür. Wenn aber Peking nicht das Ruder entschlossen herumwirft, wenn es nicht Toleranz und Gleichberechtigung zum ersten Prinzip macht, dann erntet es weitere Unruhe und am Ende den Aufstand, den zu wollen und zu organisieren es dem Exil unterstellt.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 10.07.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

10. Juli 2009

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