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Politik und Religion: Warten auf den zwölften Imam

Von Karl Grobe

Der Satz des Ajatollah Ali Chamenei klang weise: Es gebe Diktaturen, und es gebe Demokratien, die weit entfernt vom Glauben seien; Iran gehe einen "dritten Weg". Neu war an der Bemerkung nur, dass sie im Freitagsgebet fiel.

Staat, Politik, Recht, Kultur und Religion sind nach islamischem Verständnis eine Einheit. Doch schon Mohammed hat gewisse Akzente verschiedene gesetzt - in Mekka verkündigend und predigend, in Medina nach dem Aufbau eines ersten Staatswesens auch von entstehender Staatsräson geprägt.

Darum lassen sich manche Suren - Kapitel des Koran - durchaus anders lesen als andere. Der Umstand, dass die einzelnen Suren nach der Länge und nicht nach der Zeit der Verkündigung angeordnet sind, lässt diese Unterschiede nicht ganz klar hervortreten. Die vier großen Denkschulen des Islam beruhen aber gerade darauf und auf den Veränderungen, die nach Mohammeds Tod historisch eingetreten sind.

Die Spaltung zwischen der Mehrheit, die als sunnitisch bekannt ist, und der unterlegenen schiitischen Minderheit hat die Frage nach der Macht nochmals neu aufgeworfen. Die Sunniten legitimierten, kurz gesagt, die in Damaskus und Bagdad faktisch entstandene Staatlichkeit. Die Schiiten, die im Iran den Ton angeben, bestritten diese Legitimation der Macht mit dem Hinweis, nur direkte Abkommen der anerkannten ersten Religionsführer dürften die Macht ausüben.

Eine grundsätzliche schiitische Denkrichtung argumentiert, der zwölfte Imam, Mohammed, sei nicht gestorben, sondern entrückt und werde am Ende der Zeiten wiederkehren. Bis dahin könne Politik zwar im Sinne der Religion beeinflusst und geleitet werden, die Herrschaft aber bleibe dem verborgenen Imam vorbehalten.

Der Klerus hat die Macht auszuüben

In dieser Tradition stehen nicht nur sehr angesehene Kleriker in den iranischen religiösen Hochschulen - und leiten unter anderem daraus Rechtsprechung und ethische Richtlinien ab -, sondern auch der im Irak wirkende Ali Husaini al-Sistani, einer der angesehensten Ajatollahs überhaupt. Religionsgelehrte im Iran haben den Widerstand gegen den Schah auch damit begründet.

Ajatollah Ruhollah Khomeini hat Zeit seines Lebens eine Gegenposition vertreten: Der Klerus hat die Macht auszuüben, der Oberste Gottesgelehrte muss Inhaber der Entscheidungsgewalt in allen politischen, kulturellen, ethischen und natürlich religiösen Fragen sein. Das ist so in den Inhalt der iranischen Verfassung eingegangen.

Eine weitere Zuspitzung geht auf den Ajatollah Mesbah Yazdi zurück, den Lehrmeister und Inspirator des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad (der übrigens kein Geistlicher ist). Yazdi postuliert, die Wiederkehr des zwölften Imam - des Mehdi - stehe unmittelbar bevor; er hatte sogar einmal 2007 als wahrscheinlichen Termin genannt. Vereinfacht ergibt sich daraus die Forderung, die Gegenwart so einzurichten, dass sie dem Endzustand nahe kommt.

Khomeini, dessen Kenntnis der Welt außerhalb des Irans begrenzt war, leitete seine Ratio aus der Tradition ab. Darin unterschied er sich von fast allen anderen schiitischen Theoretikern, und er war nicht der einzige Inspirator der Revolution. Eine für die damals junge Generation wichtige Rolle spielte Ali Schariati (1933 bis 1977), der sich beim Studium an der Sorbonne auch mit Marx, Sartre, Camus und dem Drittwelt-Befreiungstheoretiker Frantz Fanon auseinandergesetzt hatte.

Seine Theologie war alles andere als quietistisch und abwartend; statt auf den zwölften Imam zu warten, sollten die Gläubigen aktiv für soziale Gerechtigkeit kämpfen, um die Wiederkehr zu beschleunigen. Den Staat in den Dienst einer Traditionalistensekte zu stellen, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 19.06.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

20. Juni 2009

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