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Kulturkampf auf Persisch

Von Karl Grobe

Der Zug von Millionen, der Teherans Innenstadt beherrschte, war nicht der im alten Kampflied besungene proletarische Aufstand. Organisierte Träger einer solchen Bewegung sind, wenn überhaupt im Iran von heute vorstellbar, eine winzige Minderheit.

Es war auch nicht einfach ein Marsch für einen Kandidaten, dem das Regime einen Wahlsieg gestohlen hat. Die Demonstranten als Mussawi-Anhänger zu klassifizieren, wird ihnen nicht gerecht.

Mir Hussein Mussawi ist eine Generation älter als das Gros der Demonstranten, doch diese wissen noch, dass Mussawi, als er acht Jahre lang die Regierung führte, ein harter Hund war, dem Obersten Rechtsgelehrten - damals noch Khomeiny - treu ergeben. Er ist Symbol für etwas anderes, Katalysator für eine Bewegung, die aus den Fesseln des Mullah-Systems ausbrechen will.

Die Herren des Systems - der Diktatur von Mullahs, die sich zu diesem Zweck des schiitischen Islam bedienen - haben dies wohl unterschätzt; wirklich oppositionelle Kandidaten haben sie ohnehin nie zugelassen. Schein-Reformer hätte einer wie Mussawi sein dürfen - als Bewerber um ein Amt im Staat, das ihm in Tat und Wahrheit verwehrt war. Allein dass er ernsthaft antrat, löste aber dem Volk die Zunge und setzte eine Bewegung in Gang, die sich nicht mehr in den Dienst rivalisierender Fraktionen unter der hohen Geistlichkeit nehmen lässt.

Die Auseinandersetzung zwischen - um Namen zu nennen - dem gegenwärtigen Obersten Rechtsgelehrten Chamenei und dem gerade noch aktuellen Präsidenten Ahmadinedschad gegen den kleptokratischen Ex-Präsidenten Rafsandschani, gegen den gemäßigt anders denkenden Rat der militanten Kleriker - sie ist allenfalls ein Widerschein der Spaltungen innerhalb der Machtelite. Selbst wenn es Rafsandschani gelingen sollte, den von ihm geleiteten Expertenrat zu einem Votum gegen Chamenei zu bewegen und damit die oberste Spitze der Macht neu zu besetzen, wäre das immer noch Machtkampf innerhalb des Systems.

Doch der interessiert die Bewegung nicht mehr an erster Stelle. Weil sie viele Ziele in sich vereinigt, weiß sie noch nicht, was ihr allgemeines Ziel ist. Die Bewegung ist spontan, einig in der Ablehnung der Herrschaftsordnung, aber vielgestaltig; sie ist auch sozialer Protest, hauptsächlich aber Kulturrevolution im weitesten Sinn. Sie strebt nach Freiheit der Literatur und der Lieder, sie will Frieden und gleiches Recht für Frauen, sie will die Musik, den Film und das Fernsehen auch aus dem kapitalistischen Westen rezipieren dürfen; aber sie will nicht dem Westen ähnlich werden wie ein Klon. Sie ist islamisch; den dogmatischen Islam der Mächtigen unter den Ayatollahs lehnt sie ab, ja sie verabscheut ihn.

Das passt nicht unter ein zentrales Kommando, und das kann nicht auf pauschale Rezepte warten, auch nicht von fremden Mächten. Doch die spontane Vielfalt des Protestes ist nicht nur Stärke; sie macht auch die Schwäche der Bewegung aus. Die scheinbare Konzession der Macht, binnen zehn Tagen noch einmal nachzählen zu lassen, ist nicht nur aus Angst und Schrecken geboren. Sie ist auch Kalkül: In zehn Tagen kann der Protest sehr wohl zerfasern.

Dass er jetzt nicht siegt, dafür verbürgen sich die bewaffneten Kräfte. Revolutionsgarden - die Elitetruppe - und die ihnen untergebenen Bassidsch haben die Instrumente schon gezeigt. Auch da verbietet es sich, nur auf die Konfrontation auf Teherans Plätzen zu schauen.

Die Bassidsch haben nicht nur dem Namen nach ihre Basis unter den Mostazafin, den Unterdrückten, in den Slums und armen Vorstädten. Sie sind dort über die Reichweite ihrer Schießeisen hinaus verankert, sie sind nicht nur gefürchtete Kettenhunde, sondern auch sozusagen wohltätige Bernhardiner, welche die Dürstenden tränken und die Hungernden speisen.

Das ist unter anderem Ahmadinedschads Hausmacht, und die ist nicht nur städtisch. Ihr Netz reicht landesweit von Moschee zu Moschee. Solange die jungen Bassidsch nicht am Sinn ihrer Aktionen zweifeln, sind sie die militärisch organisierte Stütze des Systems, neben der regulären Armee. Geht es Spitz auf Knopf, so entsteht daraus eine Militärdiktatur eigener Art.

Das alles kann uns nicht kalt lassen, die "innere Angelegenheit" geht uns an. Iran ist Erdöl- und Erdgasmacht, regionale Hegemonialmacht und insofern möglicher Partner für eine vernünftige Friedens- und Ordnungspolitik in Irak, Afghanistan und auch in Zentralasien. An der näheren Zukunft des Iran hängt letztlich die weitere Zukunft des westlichen Asien - und Europas.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 16.06.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

17. Juni 2009

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