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Russland: Orthodoxe Logik

Von Karl Grobe

Hätte ein großer Sohn der Main-Metropole nicht schon den Satz auf seine Stadt gemünzt, so müsste man ihn für ein anderes Land erfinden: Russland steckt voller Merkwürdigkeiten. Nirgendwo sind Leute mit gründlicher Ausbildung im Leninschen Jugendverband - dem Komsomol - durch die konsequente Anwendung kapitalistischer Raubmethoden so rasch so reich geworden (das war vor zwanzig Jahren). Fast nirgendwo macht der Kapitalismus diese neuen Kapitalisten wieder arm.

Gut, der letzte Satz ist übertrieben. Oleg Deripaska ist immer noch reich. Rund fünf Milliarden Dollar hat nicht jeder auf dem Konto, außer vielleicht der eine oder andere Banker, aber dann sind’s Schulden. Deripaska hatte aber vor einem Jahr noch 30 bis 40 Milliarden. Und wie viele Schulden er jetzt hat, sagt er nicht.

Der arme Oleg kann sich zum Beispiel Opel wohl nicht mehr leisten, oder genauer: Der russische Auto-Koloss Gaz, der in Nischnij Nowgorod ein ganzes Stadtviertel zugebaut hat und Deripaska gehört, bietet nicht mit. Hätte gern, kann derzeit nicht. Dabei hätten die Gaz-Leute in Rüsselsheim nachsehen können, wie man mit einem Zehntel der Belegschaft zehnmal mehr Autos baut.

Vielleicht hat der Oligarch, der gerade noch der reichste Russe war, sich einfach verzockt. Das ist doch normal. Das kann man sportlich nehmen. Poker ist übrigens seit der vergangenen Woche in Russland eine anerkannte Sportart. Der Sportsmann Iwan Demidow ist im vergangenen Jahr mit einem Reingewinn von 5,8 Milliarden Dollar Vizeweltmeister geworden. War wohl nur ein Anfang, damals war Poker noch Glücksspiel, und Glücksspiele sind in Russland verboten. Auf ihnen ruht, siehe Deripaska, ja kein Segen.

Auch auf Lenin nicht, im Gegenteil. Erzpriester Dimitri Smirnow findet, man hätte ihn schon am 22. April 1870 verbrennen sollen, sofort nach seiner Geburt. Dieser Lenin sei ja schlimmer als Hitler gewesen. Und obwohl er als Pope gegen die Feuerbestattung ist, regte er (genau zu Lenins 139. Geburtstag) an, die Mumie aus dem Mausoleum in Moskau zu entfernen und in der Arktis zu verbrennen, damit die Asche in den Westen verweht wird. Der orthodoxe Christenmensch leitet im Moskauer Patriarchat die Abteilung für Beziehungen zu den Streitkräften und Sicherheitsdiensten, was die Frage zulässt, ob nicht eventuell die Sicherheitsdienste ihn leiten. Da die Kirche so ungemein staatstragend ist, könnte das ja wieder so sein. Wie zu Stalins Zeiten. Den übrigens die Sicherheitsdienste und die aus ihnen hervorgegangenen Regierer wie Putin gar nicht so übel finden.

Nun war aber Stalin doch der beste Schüler Lenins, nicht wahr? Die orthodoxe Kirchenlogik gehört in dieselbe Kiste der Merkwürdigkeiten wie der Umstand, dass Putin einerseits den Untergang der Sowjetunion für die größte Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts hält, andererseits ein lupenreiner Demokrat ist, den letzten Zaren ebenso heiligt, wie es die orthodoxe Kirche tut, und schließlich wie ein Präsident regiert, obwohl er gar nicht Medwedew heißt.

Oder haben wir das alles missverstanden wie einst der Dolmetscher Gorbatschows den Kanzler Kohl? Der hatte gesagt: Morgen ist Christi Himmelfahrt. Der Dolmetscher übersetzte: Morgen arbeiten die Deutschen nicht, da feiern sie den Tag der Luftwaffe. Merkwürdig, das alles.

Karl Grobe ist freier Autor.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 03.05.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

04. Mai 2009

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