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Traumfragen an Medwedew

Was ist eigentlich mit Tschetschenien? Und wer stellt die Killer für die Feinde des Moskau-Mannes Kadyrow?

 

Von Karl Grobe

Vielleicht hat ja doch jemand den russischen Präsidenten gefragt. Gelegenheit dazu gab es sicher während des G20-Gipfels in London oder an dessen Rand. Vielleicht hat Dmitri Medwedew auch etwas von seinem Wissen mitgeteilt über die Lage im Kaukasus, insbesondere Tschetschenien. Wenn es ein Frage-Antwort-Spiel darüber gegeben hat, haben diejenigen, die des Moskauer Wissens teilhaftig werden durften, es nicht weitererzählt.

Wahrscheinlich hat Medwedew, falls er wirklich gefragt wurde, sinngemäß geantwortet: Es ist inzwischen alles in Butter. Es gibt keinen verbreiteten, bewaffneten Widerstand mehr, unser Ahmed Kadyrow hat alles im Griff, die Hauptstadt Grosny ist schön wieder aufgebaut und eine nagelneue Moschee hat sie auch, übrigens werden wir unsere Truppen wohl bald zurückziehen. Kadyrow kann das ja selber regeln.

Damit hätte Russlands Präsident nicht einmal geschwindelt. Sollte aber Kadyrow davon gehört haben, so hätte er rasch einiges ergänzt. Nämlich: In meinem Land herrscht der Islam. Studentinnen und Schülerinnen haben Kopftücher zu tragen, sonst kommen sie gar nicht erst in Lehranstalten. Wer das bestimmt hat? Ich, Ahmed Kadyrow, und damit wir uns recht verstehen: Das geht den Kreml gar nichts an. Der soll uns gefälligst unser islamisches Recht und unser Erdöl lassen und sich sonst - bei Allah - raushalten. Ich habe schließlich mehr Unabhängigkeit für Tschetschenien rausgeholt als die Herren Dudajew und Maschadow, und ich habe dafür keinen Krieg gegen die Russen gebraucht, die haben mich ja sogar eingesetzt. Damit hätte auch er nicht einmal sehr geschwindelt.

Und noch immer wäre nicht alles gesagt. Präsident Medwedew und Möchte-gar-nicht-so-gern-Satrap Kadyrow hätten sich ausgeschwiegen über politische Morde. Gerade als die Delegationen im Anflug auf London waren, haben Unbekannte in Dubai einen Gegner Kadyrows erschossen, Sulim Jamadajew. Der war vor kurzer Zeit noch Kommandeur des in Tschetschenien stationierten Wostok-Bataillons, das dem russischen Inlandsgrenzschutz, mithin dem Geheimdienst, untersteht. Kadyrow hat sich wegen einer Vorfahrts-Geschichte letztes Jahr in Gudermes über ihn ärgern müssen. Das überlebte er nicht lange.

Sulims Bruder Ruslan, Mitglied der Putin-Partei Geeintes Russland und früherer Duma-Abgeordneter, ist im September auf offener Straße in Moskau erschossen worden. In Istanbul wurde der frühere Aufstand-Kommandeur Islam Dschanibekow im September vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder abgeknallt. In Wien erledigten Killer den früheren Leibgardisten Kadyrows, Omar Ismailow, in diesem Januar auf offener Straße. Wieder in Istanbul wurde der islamische Rebellenführer Musa Atajew im Februar erschossen.

Sie haben alle etwas gemeinsam gehabt: Sie waren politische Gegner Kadyrows und - ob sie wollten oder nicht - russische Staatsbürger. Denn Tschetschenien ist Teil Russlands. Von einer gründlichen polizeilichen Nachforschung betreffen Täter, Motive und Hintergründe hat man nichts lesen können, und darüber hat sich Präsident Medwedew in London gewiss auch nicht ausgelassen. Wenn er sich überhaupt auf das Thema eingelassen hat. Ach, ich träume. Solche Fragen stellt kein freier Oberregierender aus dem freien Westen dem russischen Staatschef. Nachher ist der Gashahn wieder zugedreht. Oder wollen Sie frieren?

Karl Grobe ist freier Autor.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 07.04.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

07. April 2009

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