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Krise am Hindukusch: Kritik an Obamas Afghanistan-Signalen

Von Karl Grobe

Die Öffnung der US-Politik zu Gesprächen mit gemäßigten Taliban beurteilt die International Crisis Group (ICG) sehr skeptisch. Ein Durchbruch zur Befriedung Afghanistans sei von solchen Gesprächen nicht zu erwarten, mahnt die in Brüssel ansässige Denkfabrik in einem zwanzig Seiten umfassenden Report, der am Freitag veröffentlicht wurde. Wichtig sei hingegen der Aufbau einer starken Regierung, die durchsetzungsfähig sei und die Sicherheit der Bürger garantiere. Der Report geht auch auf den Einfluss der Drogenbarone ein, jedoch nur indirekt auf die allgemeine Korruption.

Unterdessen ist die neue Afghanistan-Strategie der US-Regierung unter Barack Obama fast fertiggestellt. Nach Angaben des Londoner Senders BBC legt sie das Schwergewicht auf die Beteiligung Pakistans am Kampf gegen Taliban und El Kaida, geht aber nicht von einem raschen militärischen Erfolg aus. Obama hatte mehrmals eine Strategie angekündigt, die die Einbindung gemäßigter Taliban in die politischen Strukturen enthält.

Die in Brüssel ansässige ICG bezieht sich nicht ausdrücklich auf Obamas Erklärungen. Doch der kritische Ton ist unverkennbar. "Die USA dürfen sich nicht auf einen voreiligen Dialog mit den Taliban einlassen in der irrtümlichen Annahme, dass dieser zur Stabilisierung des Staates und zur Sicherung eines geordneten Abzugs der ausländischen Truppen beitragen würde", heißt es. Den USA rät die ICG unter anderem, Nachdruck auf die "Herrschaft des Gesetzes" zu legen, ein Stationierungsabkommen abzuschließen, willkürliche Verhaftungen zu vermeiden und das als Folterstätte bekannte Gefängnis in Bagram zu schließen.

Eine detaillierte Analyse der Taliban legt die ICG in ihren Empfehlungen nicht vor. Sie verweist nur nebenbei auf die Differenzen zwischen den ideologischen Richtungen der verschiedenen lokalen und regionalen Führer. Örtliche Organisationen, die sich aus Protest gegen die zahlreichen Opfer alliierter Angriffe unter der Zivilbevölkerung zu Aufstandsgruppen entwickeln, schlägt sie den Taliban zu. Sie urteilt, eine schlagkräftige afghanische Armee und eine ehrliche, saubere Regierung würden dem "Druck der Dschihadis" gewachsen sein.

Diesen Ansatz hatte eine Untersuchung des Militärwissenschaftlers Richard de Villafranca im militärtheoretischen Vierteljahresblatt des US Army War Colleges, "Parameters", kürzlich bereits grundsätzlich in Frage gestellt.

Das westliche Modell für einen Staatsaufbau passe gar nicht auf Afghanistan, und die Konzentration auf die Taliban als Hauptgegner sei falsch. Die Taliban könnten zwar die Nato nicht besiegen, "das müssen sie aber auch nicht". Der Autor, der zwei Jahre lang politischer Berater des alliierten Oberkommandos in Afghanistan war, ironisiert die Haltung Pakistans in dem Konflikt. In den Stammesgebieten habe Pakistan gelegentlich zwar El-Kaida-Führer gefangen, um die Finanzhilfe aus den USA weiter fließen zu lassen. Es brauche Afghanistan aber als strategisches Hinterland wegen der Konfrontation mit Indien und lasse die Taliban daher meist gewähren. 

ICG

Die International Crisis Group gründete der ehemalige EU-Außenkommissar Chris Patten. Sie berät Regierungen und internationale Organisationen und finanziert sich aus US-Stiftungen und Spenden. Pensionierte Politiker, vor allem aus westlichen Staaten, gehören den ICG-Beiräten an. Patten und der US-Ex-Diplomat Thomas R. Pickering sind Vorsitzende der in Brüssel ansässigen Organisation.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 14.03.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

14. März 2009

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