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Vertreibung als Tabu

Von Karl Grobe

Ramsan Kadyrow hat nichts gegen Ehrenmorde. Die sieben jungen Frauen, die man per Kopfschuss erledigt und an den Straßenrand geworfen hatte, waren ja selbst schuld daran, dass männliche Verwandte sie wegen ihrer "lockeren Moral" abgeschossen hatten. Kadyrow ist der Mann, den Russlands früherer Präsident Wladimir Putin beauftragt hat, die Machtvertikale, die Herrschaft der Moskauer Zentrale, in Tschetschenien durchzusetzen.

Er festigte seine Macht durch Terror gegen die Unabhängigkeitsbewegung. Er hat Opponenten umbringen lassen, auf offener Straße in Moskau und Wien, durch Razzien in unbotmäßigen Orten, aber auch durch Verlockung und Bestechung.

Und er spielt die nationale Karte. Den 65. Jahrestag der Deportation aller Tschetschenen und Inguschen hat er vor zwei Wochen offiziell begehen lassen. Er scheute sich dabei nicht, den Urheber der Vertreibung ganzer Völker namentlich zu erwähnen: Josef Stalin, den Sowjet-Diktator.

Staatliches Gedenken aber fand nicht statt. Im Gegenteil. Im sibirischen Ulan Ude östlich vom Baikalsee wurden zwei Aktivisten festgenommen, die auf die Zwangsdeportation der Tschetschenen, Inguschen, Krimtataren, Kalmüken, Karatschaier, Mes’cheten und Balkaren hinweisen wollten. Stalin hat diese Völker pauschal der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt und sie in ferne Gegenden verbringen lassen. Schon den Transport hat ein Viertel der kollektiv Bestraften nicht überlebt.

In Moskau und einigen anderen russischen Städten erinnerten Menschenrechtsorganisationen, Memorial und Friedensbewegungen, an das Vertreibungs-Verbrechen. Nur ein paar Dutzend Demonstranten brachten sie auf die Beine. Zugleich rief die Vereinigung der russischen Muftis zum Gebet, um an die Ereignisse zu erinnern.

Auf die gewaltsame, staatsterroristische Vernichtung der tschetschenischen Autonomie- und Unabhängigkeitsbewegung in Putins Kaukasuskrieg seit 1999 hinzuweisen haben sich nur Exilpolitiker und einige wenige Freunde der Tschetschenen erlauben dürfen - außerhalb der russischen Grenzen. In Russland geht das ja nicht; Putin ist unangreifbar. Medwedew braucht die historischen Tabuzonen, wie Putin sie gebraucht hat; er braucht die Geschichte als Steinbruch, aus dem sich ideologische Bestandteile für das Gebäude der Macht herstellen lassen. Stalin ist solch ein nützlicher Baustein: Er hat die Sowjetunion groß gemacht, die Kosten - Dutzende Millionen Menschenleben - spielten keine Rolle. Basta. Der Rest ist Tabuzone. Nur die Nachkommen der Opfer dürfen daran rühren, wenn sie so staatstreu sind wie Kadyrow.

Die Bedingung erfüllt Memorial nicht. Der Organisation hat die Staatsgewalt in St. Petersburg das Büro, das digitale Archiv, vorerst gestohlen; es enthält - Stichwort Gulag - zu viel belastendes Material. Memorial untersucht zudem die aktuellen Staatsverbrechen in den kaukasischen Regionen. Dass der dortige Mittäter Kadyrow am 23. Februar gleichzeitig mit Memorial an die Deportationen von 1944 erinnerte, ist nicht nur komisch. Es enttarnt ihn als Heuchler - wie jene Herrscher in Moskau.

Außerhalb Russlands ist "die Politik" geneigt, nichts zu sehen und allenfalls betreten zu schweigen; nach dem "lupenreinen Demokraten" Putin kann ja mit Dmitri Medwedew alles nur noch besser werden. Wenn es nicht Mangel an Beobachtungsgabe ist, dann ist es pure Heuchelei.

Karl Grobe ist freier Autor

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 09.03.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

09. März 2009

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