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Aus der Geschichte nichts gelernt

Vor zwanzig Jahren zog die Sowjetunion aus Afghanistan ab. Der Westen ist dabei, ihre Fehler zu wiederholen.

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Von Karl Grobe

Die Sache mit der brüderlichen Hilfe ist kompliziert. Als die Sowjetunion und die meisten ihrer Verbündeten 1968 in Prag einfielen, hatten sie alle Mühe, denjenigen zu finden, der sie um solche Unterstützung gebeten hatte. Das war ein Fall für Galgenhumor - und fürs Kabarett. Elf Jahre später, in Afghanistan, veranstaltete die Sowjetunion ihre letzte militärische Hilfsaktion für Genossen in Amt, Würden und Nöten dann aber tatsächlich, nachdem diese sie darum angefleht hatten.

Das Ergebnis ist bekannt. Nach zehn Jahren Krieg zogen die letzten Sowjetsoldaten aus Afghanistan ab. Insgesamt 600.000 waren nacheinander im Einsatz, über 15.000 kamen ums Leben. Die Zahl der körperlich Verwundeten und psychisch Verletzten ist nicht mehr genau zu ermitteln. Traumata haben es nie in die Sowjetstatistik geschafft und in die Afghanistans auch nicht. Die führt eine Million Todesopfer und fünf Millionen Flüchtlinge auf.

Fast auf den Tag genau vor zwanzig Jahren hat General Boris Gromow zusammen mit den letzten Sowjetsoldaten Afghanistan verlassen. Es war eine Niederlage der UdSSR und der afghanischen Linken. Sie hatten nicht nur einen Krieg verloren, sondern waren auch mit ihrem Vorhaben gescheitert, das Land zu modernisieren. Straßen und Schulen, Krankenhäuser und Wohnblöcke wurden unter ihrer Herrschaft gebaut, Lehrer, Ärzte, Techniker und Wissenschaftler ausgebildet. Doch als Agenten einer fremden, noch dazu anders- oder ungläubigen Macht waren sie das falsche Subjekt der Modernisierung. Den Rest ihres Ansehens zerstörten sowjetische Flächenbombardements.

Die siegreichen Vertreter der traditionellen Gesellschaft, die Warlords, zerstritten sich bald und führten gegeneinander Bürgerkrieg, bis die Taliban das Land wieder einigten - um den Preis des Rückfalls in einen bis zur Karikatur reduzierten Islamismus. Und um den höheren Preis, die nächste Invasion auf sich zu ziehen. Die Gastfreundschaft, die sie Osama bin Laden und El-Kaida gewährten, war für die US-Regierung unter George W. Bush nach dem 11. September 2001 der Anlass zur Invasion. Krieg gegen das (womöglich unfreiwillige) Gastland, nicht "chirurgischer Eingriff" gegen die Terroristenzelle, die übrigens bisher nicht gefunden und alles in allem kaum behelligt wurde.

Die Taliban sind längst wieder zur politischen Kraft in Afghanistan geworden; sie werden es zusehends auch in gewissen Regionen Pakistans. Die Regierung Bush hat versucht, des Problems vor allem durch militärische Mittel Herr zu werden; das ist gründlich fehlgeschlagen. Jeder Bombenangriff gegen tatsächliche oder mutmaßliche "Feindkonzentrationen" bringt auch Unbeteiligte ums Leben und führt so dem Widerstand neue Unterstützer und aktive Kämpfer zu. Das Wiederaufbauwerk kommt nicht recht vom Fleck und wird wegen verbreiteter Korruption kaum mehr akzeptiert. USA und Nato geraten in eine Zwickmühle, die jener sehr zu ähneln beginnt, aus der vor zwanzig Jahren die Sowjetunion durch Flucht entkommen ist.

Der spanisch-amerikanische Philosoph George Santayana hat vor hundert Jahren gewusst: Wer die Lektionen der Geschichte nicht lernt, muss sie wiederholen. Fast auf den Tag zwanzig Jahre nach dem Scheitern der Sowjet-Invasion sind die USA in afghanischer Bedrängnis. Und wer bietet ihnen in der Lage Hilfe an? Russland. Kein Witz.

Karl Grobe ist freier Autor.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 23.02.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

23. Februar 2009

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