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Rote Karte von den Mullahs

Von Karl Grobe

Es kann keinem Fußballfunktionär in der Welt der Sessel weggesägt werden, wenn sein Team fünf Punkte vor dem derzeit ärgsten Verfolger hat. Ali Reza Mansourian droht auch kein ballbedingter Misstrauensantrag, da Esteghlal, seine Mannschaft aus der iranischen Hauptstadt Teheran, schon 46 Punkte eingespielt hat. Er trainiert die "Blauen" nicht, sondern leitet die Fußballakademie des Klubs, mithin die Jugendarbeit. Ihm steht dennoch Ärger ins Haus.

Da sind doch eines Tages die Jungs zehn Minuten zu früh auf den Trainingsplatz gekommen, dort war noch ein Mädchenteam beschäftigt, und das geht schon mal gar nicht. Noch schlimmer: Die männlichen sollen dann noch streng nach dem internationalen Regelwerk gegen die weiblichen Jugendlichen gespielt (und 7:0 gewonnen) haben. Daraufhin ist eine Untersuchung angesetzt worden, so hochnotpeinlich, wie sie im Mullah-Staat nur sein kann. Drei Vereinsfunktionäre wurden bereits für ein Jahr gesperrt, darunter der Trainer der Mädchenmannschaft, die Ermittlungen gegen Mansourian laufen noch.

Fußball spielen dürfen die Frauen im Iran, aber erstens bitte unter sich und zweitens nur mit Kopftuch. 30 000 Spielerinnen halten sich daran. Aber sie dürfen nicht zuschauen, wenn Männer kicken. Und umgekehrt. Als im Mai 2006 Irans Frauen-Nationalmannschaft gegen die Berlinerinnen von Al Dersimspor das erste Länderspiel seit 27 Jahren bestritt, waren Zuschauer ausgesperrt.

Wohl hat der sonst geistlich durchaus regelfeste Präsident Mahmud Ahmadinedschad in einer sonderbar liberalen Anwandlung im April 2006 das Besuchsverbot aufgehoben, aber der höchste Verteidiger der öffentlichen Moral, Ali Chamenei, entschied auf ideologisches Abseits. Ihm hatte es schon nicht gepasst, dass 25 Spielerinnen im Oktober 2004 Karten für das (Männer-)Länderspiel gegen Deutschland bekommen hatten und über hundert weibliche Angestellte fremder Botschaften ins Azadi-Stadion kamen. In eine Frauen-Ecke, abgeschirmt.

Für das, was die Mullahs nun als Eklat ansehen, haben sich Mansourian und sein Klub öffentlich entschuldigt. Erstens sei alles etwas anders gewesen und zweitens halte der Verein die moralischen Werte in Ehren. Nun ist Mansourian nicht irgendein Funktionär und Esteghlal nicht irgendein Verein. Mansourian, 37 Jahre alt, ist 48 Mal für den Iran angetreten und hat seine internationale Karriere 2002 beim FC St. Pauli in Hamburg ausklingen lassen (elfmal Zweite, viermal Erste Liga, kein Tor, keine gelbe und keine rote Karte), ehe er noch mal für Esteghlal spielte.

Und Esteghlal gehört zum Establishment. Solch ein erlesener Klub darf sich eine Abweichung von der Geschlechter-Segregation nie leisten.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 27.01.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

 

Veröffentlicht am

27. Januar 2009

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