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Kalter Krieg, Teil zwei

Von Karl Grobe

Den aktuellen Konflikt, dessen Kampfmittel Pipelines und Erdgas sind, als Kalten Krieg zu bezeichnen ist gar nicht so falsch. Erstens zieht Mangel an Heizenergie Kälte nach sich, und zweitens wird ebenso wenig geschossen wie während des Ost-West-Konflikts gleichen Namens (in dem natürlich doch geschossen wurde - in Vietnam, Afghanistan, Angola und beinahe rund um Kuba). Kalter Krieg ist eine Metapher, die im aktuellen Fall zu vermeiden nur um den Preis umständlicher Formulierungen gelingt; und der aktuelle Fall stellt in mancher Hinsicht eine Fortsetzung des nicht mehr ganz so aktuellen dar.

Um Einfluss in Mitteleuropa kämpften seit 1947 die beiden großen Verbündeten des Zweiten Weltkriegs, USA und Sowjetunion. Großbritannien und Frankreich, die europäischen Großen, waren im Grunde zu Statisten herabgesunken, zwar nicht zu Satelliten wie die Volksdemokratien östlich von Harz und Böhmerwald, aber eben auch nicht ganz souverän. Einen Teil ihrer Souveränität hatten sie an der Pforte von Bündnissen abgegeben, endgültig vor sechzig Jahren bei der Gründung der Nato.

Zwei Doktrinen haben das Verhalten der Nato abwechselnd bestimmt. Zuerst die Eindämmungspolitik, von ihrem geistigen Vater, George F. Kennan, "Containment" genannt. Marshallplan und andere Arten gezielter Entwicklungshilfe für Freunde, aber auch militärische Intervention (Griechenland, Korea, Indochina) waren die Mittel zum Zweck: Haltet die Sowjetunion auf; lasst den Rest der Welt nicht rot werden. Sodann "Rollback", erfunden von John Foster Dulles, US-Außenminister bis 1959. Die USA, meinte er, sind in jeder Hinsicht überlegen; das müssen sie nutzen, den Einfluss der nun sogenannten freien Welt auszudehnen, also die Sowjetunion "zurückzurollen" auf ihre historischen (russischen) Grenzen.

Dann endete der Kalte Krieg. Die Nato-Granden versprachen dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow mündlich, das Bündnis nicht ostwärts auszudehnen, und taten es dann doch, weil Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn und gar Esten, Letten und Litauer das dringend wünschten - sie hatten die Befreiung von der deutschen Besatzungsdiktatur ja nicht als Befreiung schlechthin erlebt und waren des halbjahrhundertlangen Satellitenzustands überdrüssig.

Russland war schwach, manche seiner Macher vertrauten auf "den Westen" als Demokratie-Exporteur, der mangels einheimischer Demokraten diese gerechte Ordnung zusammen mit dem Kapitalismus herbeischaffen werde. Aber es erhielt nur den Kapitalismus in seiner hässlichsten Form, wofür die Kraft einheimischer Raub-Oligarchen allein ausreichte, und statt Demokratie die Putin’sche Machtvertikale. Die Satelliten aber war es los, die meisten nichtrussischen Sowjetrepubliken im Grunde auch, einige schwankten noch. Wie die Ukraine. Wie Georgien.

Ja zum Teufel, sollte das "Rollback" etwa über die historischen Grenzen hinweg Richtung Moskau gerollt sein? Aus dem Fenster von Putins Arbeitszimmer im Moskauer Weißen Haus und vom Amtssitz des Präsidenten Dmitri Medwedew aus wirkte das schon so. Medwedew aber war vorher Chef von Gazprom gewesen. Er weiß, was die Firma kann. Sie ist eine der letzten Waffen, die der Kreml noch einsetzen kann. Zur Stunde beim "Containment": Haltet die USA fern von der Ukraine!

Karl Grobe ist freier Autor.

Quelle: Frankfurter Rundschau   vom 13.01.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

14. Januar 2009

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