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Augustfröste

Von Karl Grobe

Nein, am Wetter liegt es nicht. Nicht an der Abschaltung solcher kommunaler Versorgungseinrichtungen wie Fernwärme für Heizung und Wasserleitung. Russen bekommen im August aus zwei anderen Gründen häufiger eine Gänsehaut: Erstens bei der Betrachtung gewisser aktueller Begebenheiten, zweitens bei der Erinnerung an frühere Vorfälle.Der August ist ein Monat, in dem man politisch fröstelt. Nicht in jedem Jahr, aber häufig genug.

Vor vierzig Jahren kam das eisige Entsetzen allerdings weniger über die Russen und die übrigen damaligen Sowjetbürger - ausgenommen die alten Herren im Politbüro, die froren schon seit Monaten aus Angst vor einer Volksinfektion mit tschechoslowakischer Demokratitis. Eher über Tschechen, Slowaken und europäische Nachbarn beiderseits jener Linie, die man den Eisernen Vorhang nannte.

Das Entsetzen darüber, dass Panzer des Warschauer Pakts den demokratischen Sozialismus in der Tschechoslowakei (richtig, das war damals ein Staat) niederwalzten, trieb sogar in Moskau Demonstranten auf die Straße. Genau acht. Die kamen dorthin, wo es im Winter richtig kalt wird. Übrigens machten zwei Paktstaaten nicht mit bei der bewaffneten Beantwortung des angeblichen realsozialistischen Hilferufs aus Prag: die DDR, weil wegen der Geschichte deutsche Panzer an der Moldau nicht so publikumswirksam gewesen wären, und Rumänien, weil der Conducator Nicolae Ceausescu die Moskowiter nicht mochte.

Vor 17 Jahren, 1991, putschten diejenigen unter den Anhängern der brüderlichen antidemokratischen Hilfeleistung, die 1968 noch zu jung oder in der Karriere nicht weit genug zum Mittun waren, gegen Präsident Michail Gorbatschow. Da demonstrierte nun das ganze Sowjetvolk (das gab es noch) gegen die Putschisten, und Boris Jelzin schwang sich auf einen Panzer, rief zum Widerstand und schwenkte die russische Fahne. Der Putsch machte frösteln; der Jelzin-Auftritt wärmte die Demokraten. Doch leider hielt das nicht lange vor.

Als nämlich vor zehn Jahren die Rubel-Währung zusammenbrach, Sparer und Rentner das bisschen verloren, was sie hatten, die Sachwerte in Form von Kapitalbesitz aber den räuberischen Inhabern keineswegs abhanden kamen, da herrschten abermals Frost, Frust, Verzweiflung. Wenn das Demokratie gewesen sein sollte, dann war das wohl nichts. Ein Jahr später kam Putin.

Der ging auch wieder und blieb doch. Wie sehr er geblieben ist, belegten seine Auftritte während des Georgien-Kriegs. Die Freude darüber, dass der georgische Präsident in aller Naivität in die russische Südossetien-Falle getappt war, ist auch in Russland gut entwickelt; Georgier werden schon wieder gejagt. Und doch fröstelt es einige: diejenigen, denen 1991 noch demokratische Erinnerung bedeutet. Sie sind eine kleine, keineswegs radikale Minderheit.

Mit der Mehrheit aber wähnt Putin, dass Russland fast wieder auf Augenhöhe mit den USA angekommen ist, jenem anderen supermächtigen Schurkenstaat, dessen Regierer sich nicht um Grenzen und Völkerrecht kümmern, wenn’s denn der Interessenlage dient. Im August 2008 werden Panzer hierhin, Raketen dorthin postiert, wo es den anderen am meisten ärgert. Es erinnert ein wenig an August 1945, als die Einflussgebiete in Potsdam festgeschrieben wurden, die Großmächte aber schon am Eisernen Vorhang bastelten. Danach war alles lange eingefroren. Es war Kalter Krieg.

Karl Grobe ist freier Autor.

Quelle: Frankfurter Rundschau   vom 25.08.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

25. August 2008

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