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Der Elitäre, der Andere - der Unamerikaner

Wahlkampf im Schlamm: Kurz vor dem Nominierungskonvent der Demokraten sieht Barack Obama noch nicht wie der sichere Sieger aus

Von Konrad Ege

Die US-Politik dreht die Kurve zur Zielgeraden: Die Demokratische Partei kührt ab 25. August in Denver ihren Präsidentschaftskandidaten. Die Republikaner hieven den ihrigen Anfang September aufs Podest. Dann bleiben noch zwei Monate bis zur Wahl am 4. November. Und dann kommt im Weißen Haus der Umzugswagen. Und dann?

Eigentlich deutet "alles" auf einen überwältigenden demokratischen Sieg hin. Republikanische Wahlkämpfer verstecken den amtierenden Präsidenten und erst recht den Vize. Das Ansehen der USA ist angeschlagen, ihr Einfluss verringert. Nach mehr als sieben Jahren George W. Bush ist die Wirtschaft auf Talfahrt, die Einkommen der Mittelschicht fallen seit 2000, fast 50 Millionen Amerikaner sind ohne Krankenversicherung, und das Öl ist so teuer wie noch nie. In nördlichen Bundesstaaten wird in Anlehnung an Hurrikan Katrina vor der "Eiskatrina" gewarnt: Zahllose Menschen würden im Winter ihre Wohnungen aufgeben müssen, weil sie nicht genug Geld haben zum Heizen. Scharen junger Wähler haben Hoffnung auf Barack Obama, mehr als zwei Millionen Amerikaner spenden für ihn. Und auch die dicken Schecks aus Wirtschaft und Finanzwelt gehen an den Demokraten. Allein im Juli hat Obama 51 Millionen Dollar eingenommen, doppelt so viel wie der Republikaner John McCain.

Trotzdem bleibt das Weiße Haus in McCains Reichweite. Auch wenn er Sunniten und Schiiten verwechselt, vor der "gefährlichen Situation an der irakisch-pakistanischen Grenze" warnt und einen Wirtschaftsplan vorlegt, den er von George W. Bush abgeschrieben haben könnte. Auch wenn McCain nicht der Lieblingskandidat des harten Kerns der Partei ist, so sagt er doch das "Richtige" zu vielen Leib-und-Magen-Anliegen dieses Lagers, zum Beispiel, dass "ein Baby" ab der Zeugung "Menschenrechte" genieße.

Was bleibt, ist eine teilweise bizarre Kombination schwer messbarer Faktoren, die Obamas Kandidatur in Gefahr bringen. Auch in seiner eigenen Partei hat er sich noch nicht ganz durchgesetzt gegen die Clintonistas. Es gibt Spekulationen, die Clintons wären gar nicht so unglücklich, würde Obama gegen McCain verlieren und den Ring frei machen für Hillary 2012. Manche aus der alten Garde sehen Obama als Emporkömmling, der zu schnell nach vorne geprescht ist und die "Ordnung" in der Partei durcheinanderbringt.

Gleichzeitig ziehen die Republikaner alle verfügbaren Anschmierereien aus der Kiste und sprechen Ängste an. Sie tun es mit dem Ziel, Barack Obama (der Mittelname ist schließlich Hussein!) als den Fremden darzustellen, den Elitären, den Anderen, den Unamerikaner. Obama spricht in ganzen Sätzen, hat dunkle Hautfarbe, isst anscheinend kaum fettige Mahlzeiten und sieht sich in der Lage, ohne Herumstottern komplexe Antworten zu geben. Anti-Intellektualismus ist in den USA weit verbreitet: Glaubt doch etwa die Hälfte, Evolution sei eine "Irrlehre", und Gott habe die Menschen so erschaffen, wie sie heute sind. In den Bush-Jahren des vorbeugenden Krieges ist der Anti-Intellektualismus wohl noch stärker geworden, die Regierung schuf eine alternative Realität. Paul Krugman von der New York Times nennt die republikanische Strategie "Politik der Dummheit". Man tut so, als gebe es einfache Antworten, der gesunde Menschenverstand könne alles lösen. Und wer anderes denkt, ist kein richtiger Amerikaner.

Zum Beispiel bei der Energie. McCain wiederholt und wiederholt, dass man unbedingt vor der Küste nach Erdöl boren müsse, um die Ölpreise herunter zu drücken. Das kapiert doch jeder: Man bohrt und findet Öl! Mehr Öl ist gut! Und wenn selbst die Experten des US-Energieministeriums warnen, dass man durch solche Bohrungen frühestens in Jahren Öl fördern würde, und dieses Öl nur "unerhebliche" Auswirkungen auf den Ölpreis habe? Egal, das sind doch nur Experten, die keine Ahnung haben von den Problemen des Pickup-Fahrers in Kansas, der 100 Dollar zahlt für einen Tank Benzin. Und Obama - umjubelt unter anderem in Berlin - ist nur ein Medienstar und kein Politiker, der führen kann. Man wisse nicht, wer Obama wirklich ist.

Das Magazin The Atlantic (www.theatlantic.com) hat in seiner September-Ausgabe interne Dokumente aus Hillary Clintons Wahlkampagne veröffentlicht. Eines vom März, in dem Chefberater und Umfragekönig Mark Penn beschreibt, warum Obama "verwundbar" sei. Lobende Zeitungsartikel über "die Kindheit in Indonesien und sein Leben in Hawaii" sollten aus Sicht Obamas "seinen Background als divers und multikulturell zeigen", verkündete Penn, aber gerade dies offenbare auch eine sehr große Schwäche, "er ist nicht fest in grundlegenden amerikanischen Werten und der amerikanischen Kultur verankert. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass Amerika zu Kriegszeiten einen Präsidenten wählt, der in seinem Inneren nicht fundamental amerikanisch ist." Penn ist nun der Ansicht, McCain punkte mit seiner Wahlwerbung über den "Celebrity"-Obama. Eine Kampagne, die Obama als leichtgewichtigen Megastar verspottet und danach Fotos von Paris Hilton und Britney Spears zeigt, die auch nur Celebrities seien. Etwas bleibt hängen.

Fakten sind dabei eher nebelsächlich. In Folge von im Internet verstreuten Gerüchten glauben heute nach Umfragen etwa zehn Prozent der Amerikaner, Obama sei ein Muslim. Auf Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste steht gegenwärtig Obamanation: Linke Politik und Persönlichkeitskult. Autor ist Jerome Corsi, dessen mit Falschheiten durchsetzes Buch 2004 dem damaligen demokratischen Kandidaten John Kerry schwer zugesetzt hat. Corsi schreibt demonstrativ Unwahres über Obamas "muslimische Vergangenheit" und stellt Fragen über Obamas "Drogenkonsum". Das wird wiedergekäut in den zahllosen rechten Radiotalks. Im Fernsehen sind die Nachrichten größtenteils zum Infotainment verkommen. Man will einfache und kurze Antworten, hat keine Zeit für Komplexes. Und da liebt man Streitereien: Corsi sagt das, Obama widerspricht, aber Corsi weist das zurück …

Unter Demokraten wird diskutiert, ob Obama Gleiches mit Gleichem heimzahlen und nicht so attraktive Teile aus McCains Lebensgeschichte in den Vordergrund zerren sollte. Zum Beispiel die Geschichte über McCains Scheidung von seiner nach einem Unfall schwer angeschlagenen Frau: Als McCain 1979 mit seiner derzeitigen Frau ausging, war er noch mit der ersten verheiratet.

Dass Obama es zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten gebracht hat, zeigt die wachsende Toleranz in den USA, aber auch die demografischen Verschiebungen. Der Prozentsatz der Weißen in der Bevölkerung geht zurück, der für die "Minderheiten" nimmt zu. (Nach jüngsten Prognosen des für Statistik zuständigen Census Bureau könnten die Weißen ungefähr im Jahr 2042 zur "Minderheit" werden.)

McCains Strategen mobilisieren die weißen Resentiments. In McCains Wahlwerbung zum Verspotten des "Medienstars" Obama kommen an prominenter Stelle Bilder junger weißer Frauen vor. Auch diese Botschaft wird verstanden: Der schwarze Mann und die weiße Frau. Meinungsforscher wissen, dass ein bestimmter Bruchteil der Weißen nie für einen schwarzen Präsidentschaftskandidaten stimmen würde. Aber wie groß der Bruchteil ist: Dazu wird es nie verlässliche Anworten geben. Nach Umfragen liegt Obama derzeit vor McCain. Wegen der "Rassenfrage" ist nicht so viel Verlass auf Umfragen, denn in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass manche Weiße bei Umfragen nicht sagen, dass sie keinen Afro-Amerikaner wählen.

Ein Hauptgrund für Obamas Vorwahlsieg war ein ganz altmodisches Organisieren an der Basis. Obama hat demokratische Wähler mobilisiert, Bürger die nicht politisch interessiert waren, lange bevor Hillary und Bill Clinton, Mark Penn und Co. realisierten, dass bei Obama eine außerordentliche Bewegung zusammenkam. "Yes, we can". Das war Obamas Slogan in den Vorwahlen. Im Hauptwahlkampf hat seine Kampagne in allen Bundesstaaten zahlreiche Büros eröffnet und sucht die Konfrontation mit den Republikanern auch in traditionell konservativen Regionen. Wenn die Menschen Obama einmal kennen lernen, so die Hoffnung, würden viele auch für ihn stimmen. Trotz Corsi und all der Angstmache von rechts. Eigentlich sollte doch "alles" auf einen überwältigenden demokratischen Sieg hindeuten.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   34 vom 22.08.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

23. August 2008

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