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Weder Offizier noch Gentleman

Von Gideon Levy, Haaretz, 31.07.2008

Brigadegeneral General Moshe "Chiko" Tamir ist ein hingebungsvoller und liebender Vater, der seinen 14-jährigen Sohn ein militärisches Geländefahrzeug (ATV) fahren lässt. Da die IDF eine gesetzestreue Organisation ist, untersuchte sie den Vorfall und nannte ihn schwerwiegend. Die Folge davon: Tamirs Beförderung kann sich verzögern und er kann unter Anklage gestellt werden. Ein Brigadekommandeur, der versucht, den Unfall seines Sohnes durch Lügen zu vertuschen, verdient bestraft zu werden. Aber der Kommandeur der Gaza-Brigade verdient viel mehr für Taten, die viel schwerwiegender sind und die die Welt Kriegsverbrechen nennt - und für die bis jetzt noch niemand verantwortlich gemacht wurde.

Ich würde gerne sehen, dass Tamir, der hingebungsvolle Vater, ein Mädchen trifft, das im selben Alter ist wie sein geliebter Sohn. Die Welt des Mädchens fiel in sich zusammen als sie 14 war. Ich sah sie im November 2006 im Hof ihres zerstörten Hauses in Beit Hanun trauern. Islam Athamneh verlor acht Familienmitglieder: ihre Mutter, Großmutter, Großvater, Tanten, Onkel und Cousinen. Sie flohen aus ihrem Haus, als es von einer Granate getroffen wurde und wurden dann von einer anderen Granate getroffen. Die Beine von Abdullah, ihrem dreijährigen Bruder waren abgerissen. Islam, deren Vater schon vor Jahren gestorben war, wurde nun zur Vollwaise.

Die Soldaten, die die elf Granaten auf das Haus in Beit Hanun abfeuerten, standen unter dem Befehl von Tamir, dem hingebungsvollen Vater, der seinen Sohn mit einem Geländewagen (Tomcar) eine Spritztour machen lässt. Bei dem Beschuss wurden 22 Menschen getötet und weitere 40 verletzt. Die meisten verloren Arme oder Beine und hatten Kopfverletzungen.

Es war der Gazabrigade-Kommandeur Tamir, der für diese Brutalität verantwortlich war, aber die IDF hat ihn schnell entschuldigt. Stattdessen schoben sie die Schuld auf eine fehlerhafte elektronische Komponente im Granatenwerfer. Der Chip war schuld - nicht "Chiko". In den Tagen vor dem verheerenden Granatenbeschuss - eine Verletzung des Völkerrechtes - war es Tamirs Soldaten während der Operation Herbstwolken gelungen, 80 Palästinenser zu töten, von denen 40 unschuldige Zivilisten waren. Ihr Blut verblasste und ihr Tod war weniger wichtig als die Tomcar-Affäre, soweit es die Armee betrifft. Schließlich, was ist schon illegales Massentöten, verglichen mit illegalem Fahren eines ATV?

Wenn Tamir unter Anklage gestellt wird, dann steht er nicht das erste Mal vor Gericht. Als er im Sommer 2002 Kommandeur der Golanibrigade war, feuerten seine Soldaten eine Panzergranate auf den Lebensmittelmarkt in Jenin. Auch dies war ein Kriegsverbrechen - aber nicht für Israel. Ein 53-jähriger Händler und drei Kinder- zwei davon Geschwister- starben bei diesem Angriff. Auch sie hatten Väter, die ihre Söhne liebten, genau wie Tamir den seinigen liebt. Der Militäranwalt war davon überzeugt, dass sich Tamir der Nachlässigkeit schuldig gemacht habe, aber das Gericht ließ alle Anklagen fallen. Ein paar Wochen später feuerte Tamirs Panzer wieder eine Granate auf denselben Markt. Dieses Mal traf es einen Verkäufer, der dabei war, Zwiebeln auf seinen Peugeot 504 zu laden.

Der frühere ISD-Chef Moshe Yaalon sagte einmal über diesen Offizier und Gentleman, dass er umerzogen werden müsste wegen seiner krankhaften disziplinären Probleme in seiner Brigade. Derjenige, der sich rühmt, dass sich seine Brigade wie Rottweiler benimmt; der dachte, gegenüber den Palästinensern müsste mehr Gewalt angewandt werden; der sagte, die von seinen Soldaten verursachte Zerstörung im Jeniner Flüchtlingslager "habe bei ihm keine moralischen Probleme verursacht", könnte jetzt endlich bestraft werden. Und für was? Wegen eines Tomcar. Und was wird ihm einfach erlassen? Alle seine Untaten, alle Schuld, die er auf sich gehäuft hat, wird beiseite gewischt, weil er als wohl geachteter und bedeutender Offizier der IDF angesehen wird.

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs.

Veröffentlicht am

06. August 2008

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