Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Der General der Zwiebeln und des Knoblauchs

Von Gideon Levy, Haaretz, 13.07.2008

Hier ist also das “nächste Ding” im Krieg gegen den Terror: der Krieg gegen die Friseure. Nachdem die Hamas die Hälfte des palästinensischen Volkes übernahm - vor allem auf Grund von Israels Maßnahmen (mit Waffen, Belagerung, Zerstörung und Töten, Massenarresten und Deportationen) haben die IDF und der Shin Bet-Sicherheitsdienst etwas Neues erfunden: einen Krieg gegen Einkaufszentren, Bäckereien, Schulen und Waisenhäuser.

Zunächst in Hebron, jetzt in Nablus. Die IDF schließt Schönheitssalons, Kleiderläden und Kliniken und sogar eine Molkerei - alles unter dem Vorwand, dass diese mit der Hamas verbunden sind, oder dass sie die Miete einer Terrororganisation zahlen.

Diese bizarren Bilder von Schließungsordern, die der diensttuende General an das Fenster eines Kosmetikladens klebt oder an das eines Physiotherapiezentrums, oder eine Enteignungsorder an einem Backofen - das zeigt dass die israelische Besatzung verrückt geworden ist. Vor ein paar Monaten besuchte ich in Hebron die Wohltätigkeitseinrichtungen und die Handelszentren, die die IDF zu schließen begonnen hat. Ich sah absurde Szenen, die nur wütend machen. Eine moderne Schule für 1200 Schülerinnen war auf Befehl des GOCGOC = “General Officer Commanding” - Oberkommando der israelischen Armee geschlossen worden und eine Bibliothek für junge Leute sollte auch geschlossen werden.

So beweist die Besatzung wieder einmal, dass es keinen Ort im Leben der Palästinenser gibt, den sie nicht erreichen kann und dass es da keine Grenzen gibt: eine Armee, die Schulen, Büchereien, Bäckereien und Internate schließt; Soldaten die eine lizenzierte kommerzielle TV-Station stürmen und seine Einrichtung konfisziert und sie zu schließen droht, wie es kürzlich mit der Afaq-TV-Station in Nablus geschah.

In Israel erhoben sich natürlich keine Proteststimmen, weder gegen das Schließen der Schule, noch gegen das Schließen der Fernsehstation. Nach dem israelischen Gedankengang wird die Macht der Hamas geschwächt, wenn eine Bäckerei, die kleine Brötchen für Waisenkinder backt, geschlossen wird. Wenn wir Hunderte von armen Kindern aus ihrem Heim auf die Straße werfen, werden sie und ihre Verwandten Israel mit Sympathie betrachten; wenn wir ein volles Einkaufzentrum schließen, werden seine zornigen Besitzer und Kunden Fatahunterstützer.

Die israelische Besatzung war schon lange Zeit nicht mehr in einem solch lächerlichen und unmenschlichen Licht gesehen worden wie bei diesen Schließungs- und Enteignungsoperationen, die der GOC-Kommandeur Gadi Shamni, der General von Zwiebeln und Knoblauch, verordnete, nach dem was seine Soldaten in den Lebensmittelläden konfiszierten. Diese illegalen und gewiss unmoralischen und sicher nicht wenig kurzsichtigen Aktionen verbreiten eine laute und klare Botschaft: die Besatzung hat alle moralischen Hemmungen und jede Spur von Weisheit verloren. In welch elendem Zustand ist eine Armee, die Vorratsräume für Lebensmittel und Kleidung für die Armen leert, wie lächerlich, wenn die GOC-Schließungsorder für Friseure unterschreibt, wie jämmerlich ist ein Überfall auf Bäckereien und wie grausam ist eine Besatzung, die Kliniken unter irgend einem Vorwand schließt.

Die Hamas füllte das Vakuum, das in der Westbank und im Gazastreifen geschaffen wurde. Wie jede religiöse Bewegung gedeiht sie dort, wo Verzweiflung und Armut herrscht. Nun kommt Israel und sagt, vermehren wir die Armut und Verzweiflung. Warum? Um die Hamas zu bekämpfen. Nichts ist absurder. Zehntausende armer Kinder in der Westbank haben nichts, wohin sie sich außerhalb der islamischen Wohltätigkeitseinrichtungen wenden können, die Israel verdächtigt mit der Hamas verknüpft zu sein, obwohl viele schon lange vorher bestanden, bevor die Organisation gegründet wurde. Israel hat aufgehört, sich um das Wohlbefinden der Bevölkerung zu kümmern, obwohl sie nach dem Völkerrecht dazu verpflichtet wäre. Und die Palästinensische Behörde zeigt auch kein besonderes Interesse an sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnissen. Fatah hat immer mehr Geld in militärische Lager, Waffen und offizielle Wagen investiert, als für Waisenhäuser, Krankenhausbetten und Dialyseapparate.

Dies ist das Vakuum, das die islamische Bewegung ausfüllt und ein eindruckvolles Ausmaß an sozialen Diensten anbietet. Das Waisenhaus, das ich in Hebron besuchte, ist eines der schönsten und gut gefürchtetsten, das ich jemals sah. Es ist schon einige Grausamkeit nötig, mit seiner Schließung zu drohen und einige Kühnheit, zu behaupten, wenn man dies tut, dann dient es dem Krieg gegen den Terror, und einige Dummheit, um zu denken, dass solche Maßnahmen helfen. Die Schließung von Geschäften und Einkaufszentren wird der palästinensischen Wirtschaft nur einen weiteren Schlag versetzen, die versucht unter Quarantänebedingungen durchzuhalten. Hat Israel nichts vom Fehlschlag der Belagerung von Gaza gelernt?

Jeder, der die islamischen Wohltätigkeitseinrichtungen besucht, würde sehen, dass nicht alles Geld, das diesen Organisationen zugute kommt, dafür bestimmt ist, um Gürtel und Sprengstoff für Selbstmordattentäter zu kaufen. Die Westbankbewohner können nicht eingesperrt und es kann ihnen dabei nicht gleichzeitig verboten werden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, während wir die bekämpfen, die das zu tun versuchen. Wenn Israel die Wohltätigkeitseinrichtungen zu bekämpfen versucht, dann muss es wenigstens alternative Dienste anbieten. Auf wessen Rücken bekämpfen wir den Terror? Auf dem Rücken der Witwen und Waisen?

Das ist eine Schande.

Übersetzung ins Deutsche: Ellen Rohlfs

Fußnoten

Veröffentlicht am

25. Juli 2008

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von