Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Immer mit Bombardements leben

Von Gideon Levy, Haaretz, 07.07.2008

Was ist also der “große Plan”? Wie die Dinge jetzt aussehen, ist dies der Weg, den Israel für seine Zukunft wählt: jedes Mal, wenn ein nahöstliches Land versucht, eine Nuklearwaffe zu bekommen, wird Israel bombardieren. Bombe - bombardieren. Abgesehen von der problematischen Annahme, dass es uns erlaubt sei, was anderen nicht erlaubt ist und was in unseren Händen sicher sei, aber gefährlich in den Händen der anderen - diese Art der Einstellung wird in die Katastrophe führen. Wir haben schon zwei Mal versucht - im Irak und in Syrien - und es funktionierte. Es ist allerdings fraglich, ob es erforderlich war.

Nun sieht es so aus, als ob wir es ein drittes Mal versuchen, diesmal gegen den Iran. Es könnte sogar erfolgreich sein, aber nichts währt auf Dauer. Es wird in einer Katastrophe enden.

Von Bombardement zu Bombardement, das sollte auf die Dauer nicht der Weg für Israel im Nahen Osten sein. Aber keiner redet darüber, was übermorgen sein wird.

Wir könnten und sollten jetzt über die Chancen und besonders über die Risiken eines Angriffs auf den Iran diskutieren. Solch eine Diskussion führen wir gewöhnlich - wenn überhaupt - dann unter unmöglichen Bedingungen: entweder im Nach-Hinein, wenn es zu spät ist, ohne Information oder nachdem wir falsche Informationen bekommen haben. Diejenigen, die eingeweiht sind, treffen auch die Entscheidungen. Diejenigen, die eingeweiht sind, neigen aber zu kriegerischen Lösungen. Krieg ist die einzige Doktrin und Kunst, die sie verstehen. Deshalb ist es sehr gefährlich, nur von diesen Leuten abhängig zu sein.

Wir könnten und sollten jetzt einen Angriff auf den Iran näher betrachten, aber nicht nur indem wir unsere eigenen Sicherheitsexperten konsultieren. Wir sollten z.B. auch dem eindrucksvollen und kenntnisreichen Hans Blix zuhören, dem früheren Chef der Internationalen Atomenergiebehörde. Er hatte bei einem Interview mit Yedioth Ahronot sehr vernünftige Dinge zu sagen; Dinge, die in unserm verzerrten öffentlichen Diskurs nicht vorkommen. Blix warnte, wenn Israel gegen den Iran vorgeht, wird die ganze Region in Flammen aufgehen, und sagte, dass Syriens Nuklear-Einrichtungen primitiv seien und der Angriff auf den Irak unnötig war und vor allem, dass die Regierung des Iran dahin gebracht werden könnte, von einer Bombe abzusehen - aber nicht mit Gewalt.

Der schwedische Diplomat glaubt, wenn die internationale Gemeinschaft Garantien für Irans Sicherheit anbietet und ihn als ein Mitglied mit guten Beziehungen akzeptiert, so wie es mit Nord-Korea der Fall ist, dann wird es dort vielleicht keine Bombe geben. Dies ist noch nicht versucht worden. Die internationale Gemeinschaft droht mit Sanktionen, die den Iran nicht abschrecken. Und die israelische Luftwaffe führt Übungen durch, von denen man annimmt, dass sie für das nächste gefährliche Abenteuer gedacht sind. Die Annahme, dass die Chancen sich verschlechtern, weil im Weißen Haus eine Veränderung ansteht, ist eine Verzerrung: könnte nicht Barak Obama, falls er gewählt würde, mit dem Iran reden und ihn auch ohne Bombardement daran hindern, die Bombe zu entwickeln? Könnte dann nicht alles besser sein?

Aber es ist nicht unser Hauptproblem über eine Aktion gegen den Iran zu reden. Israel denkt nie in Zeiträumen von übermorgen und darüber hinaus. Es handelt wie eine Person, die in einem Haus mit Dachschaden Eimer hinstellt, statt das Dach zu reparieren. Also bombardieren wir den Iran, und selbst wenn es erfolgreich ist und wir keinen zu hohen Preis zahlen müssen - ein fragliches Szenario - was wird dann geschehen? Was wird geschehen, wenn auch Ägypten eine Bombe wünscht? Werden wir wieder bombardieren? Und Saudi Arabien, Jordanien, Syrien und der Irak? Und vielleicht hat auch die Hisbollah eine “schmutzige” Bombe? Und werden wir der Türkei “erlauben” sich nuklear zu bewaffnen? Werden wir bombardieren und bombardieren und auf immer mit Bombardements leben?

Israel kann sein Dach nur reparieren, wenn es ernsthaft versucht, in der Region akzeptiert zu werden. Solche Akzeptanz wird die einzige Garantie für seine Existenz außer den Bombardements sein. Eine wirkliche Chance dafür wurde in der arabischen Friedensinitiative geschaffen, die Israel mit unglaublicher Arroganz ignorierte. Unsere nationalen Bemühungen zielen weiter nur dahin, den Flugbereich der F-15 zu erweitern und die Optionen für das Tanken in der Luft zu verbessern. Nichts wurde in der anderen Richtung unternommen - die Flugzeuge auf dem Boden zu halten und diplomatisch aufzutanken.

Man stelle sich Frieden mit den Palästinensern, den Syrern und dem größten Teil der arabischen Welt vor! Würde dann Mahmoud Ahmadinejad es wagen, Israel zu bedrohen? Unter welchem Vorwand ? Man stelle sich vor, Israel verkündet, es wolle den Iran nicht angreifen, bevor nicht alle anderen Mittel und Wege angewandt wurden und es wolle den Westen dazu auffordern, mit dem Iran über Sicherheitsgarantien zu reden. Klingt das unrealistisch? Wollen wir uns nicht auf diese Weise daran beteiligen, die Gefahr zu verringern? Schließlich hat sich der Iran bis jetzt als ein vernünftiges Land erwiesen, und nicht als ein unvernünftiges. Wir weigern uns, den Preis für den Frieden zu zahlen, wir wollen lieber weiter den Preis für Bombardements zahlen. Dieses Mal könnte der Preis ein besonders hoher sein.

Israels Pyromanie mag jetzt angesichts der iranischen Pyromanie den gefährlichsten Punkt seiner Geschichte erreicht haben, ausgerechnet jetzt, wo sich ein anderer Weg zeigt. Die Angst vor den Auswirkungen eines Angriffes auf den Iran mag übertrieben sein. Es könnte sein, dass wir noch einmal Erfolg haben. Und wenn dies nicht Fall ist, was dann?

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs

Veröffentlicht am

17. Juli 2008

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von