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Die Propaganda-Schlacht

Der Aufstand in Lhasa ähnelt Revolten in ethnischen Ghettos. Peking unterbindet den Aufstieg Einheimischer.

Von Karl Grobe

Chinas Propagandamaschine wirft wie üblich die parteikonformen Klischees aus. Was sie über die gegenwärtige Krise in Tibet produziert, ist als Propaganda so ungeschickt, weil leicht zu erkennen ist, dass die darin auch enthaltenen Wahrheiten unerkannt bleiben. Die Auslassungen der tibetischen Exilregierung und der seriöseren Freunde des Dalai Lama hingegen kommen so wahrhaftig daher, dass die ihnen auch innewohnende Propaganda nicht recht bemerkt wird. Den Kampf um die Deutungshoheit haben sie gleichwohl gewonnen - in der Öffentlichkeit des Westens.

Einiges geht hier wie dort dabei unter. Der Dalai Lama brandmarkt den kulturellen Genozid. Daran ist zweifelsfrei wahr, dass das Tibet, das er vor 49 Jahren zwangsweise verlassen hat, so nicht mehr besteht. Doch auch er und die welterfahreneren unter seinen Beratern und Begleitern wollten es ja modernisieren, der Gegenwart öffnen. Ein ethnographisches Museum mit Zutrittsverbot sollte Tibet nicht sein. Ein souveräner Staat konnte es nicht sein, auch weil keine einigermaßen einflussreiche Macht daran irgendwie interessiert war.

Die Pekinger Machthaber pochen seit jeher auf die von ihnen angeblich seit Jahrhunderten ausgeübte Vorherrschaft. Sie deuten die Verhältnisse erheblich um. Die chinesische “Suzeränität”, dieses sonderbare Konstrukt, war einerseits schiere Formalität, andererseits für Lhasa annehmbar, solange sie Tibet in Ruhe ließ.

Das tat Maos China nach 1956 nicht mehr. Es trat nun imperial auf, in gewaltsameren Jahrzehnten als Zerstörer der Klöster und der theokratischen Kultur, in milderen Phasen als - jawohl - fördernder Tolerierer der dem Staatsinteresse nicht abträglichen folkloristischen Besonderheiten.

Die Wirtschaft wurde ins jeweils gültige chinesische System einbezogen. Seit der kapitalistischen Reform, seit fast drei Jahrzehnten, spielt China mit erheblichem materiellem Aufwand die Rolle des Modernisierers mit chinesischen Charakteristika. Hunderttausende wanderten ein - die meisten auf Zeit mit dem Ziel, möglichst rasch zu verdienen und bald heimzukehren. Han-chinesischer Rassismus, Angst vor der Höhenlage und arrogantes Fremdeln in der unbekannten Umgebung setzen bis heute ihrer Anwesenheit Zeitgrenzen - aber Ablösung kommt so gewiss, wie das Verständnis für die andere Hochkultur ausbleibt.

Geschäftstüchtige Han-Chinesen und muslimische Hui besetzen die ökonomisch lukrativen Plätze. Die jüngere tibetische Generation ist ihnen nicht gewachsen, und ärger: will sie sich weiterbilden und im System Erfolg haben, ist sie auf das Medium der chinesischen Sprache angewiesen.

Das ist der Hintergrund der Plünderungen und Zerstörungen han-chinesischer Geschäfte und Unternehmen in den letzten Wochen. Das ähnelt mehr den Revolten in den Banlieues und ethnischen Ghettos Europas als einer “orangenen Revolution”.

Der Ausbruch nach vier gewaltlosen Tagen war offensichtlich koordiniert. Dafür reichen Mobiltelefone. Es gibt jedoch auch Interessierte. Im Exil sind die Gruppen stärker geworden, die dem Gewaltverzicht des Dalai Lama nichts mehr abgewinnen. Sie haben sich zu einem Aufstandskomitee zusammengetan, hoffen auch wohl auf Förderung durch die CIA und ihre Freunde wie vor 1972. Doch den Aufstand haben sie nicht gemacht. Er ist die Reaktion auf die chinesischen kapitalistischen Verhältnisse. Auch die repressive Gewalt ist ihre Frucht.

Karl Grobe ist freier Autor.

Quelle: Frankfurter Rundschau   vom 07.04.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

07. April 2008

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