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Die Kampagne “Kampf dem Atomtod”

Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland von 1945 - 1982 (Teil II der Serie)

Uli Jäger/Michael Schmid

(Kurzfassung)

Die Auseinandersetzungen um den NATO-Beitritt und die Unterzeichnung der Pariser Verträge waren noch nicht zuende, da beschäftigte sich die NATO-Ministerratskonferenz 1954 in Paris auf Antrag der USA mit der Einbeziehung atomarer Munition in die militärische Strategieplanung West-Europas. Die BRD war übrigens auf dieser Konferenz vertreten, obwohl der Beitritt erste ein Jahr später erfolgte. Es galt, so berichtete die Presse, die angebliche konventionelle Waffenüberlegenheit der UDSSR durch “moderne, nukleare Streitkräfte” auszugleichen. Dies hieß, die westlichen NATO-Partner mit taktischen atomaren Waffen auszurüsten, allerdings unter Hoheit der USA.

Die Bundesregierung verhielt sich ähnlich wie bei der Einführung der Wiederbewaffnung. In der Öffentlichkeit vertrat Adenauer die Auffassung, die BRD müsse konventionell und nicht nuklear verteidigt werden.vgl. H.G. Poettering: Adenauers Sicherheitspolitik 1955-63. Düsseldorf 1975, S 93 Immer wieder erschienen allerdings in der Presse vorsichtige Meldungen über eine atomare Bewaffnung, bis Adenauer am 5. April 1957 auf einer Pressekonferenz erklärte: “Unterscheiden Sie doch die taktischen und die großen atomaren Waffen. Die taktischen Waffen sind nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie. Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, dass unsere Truppen auch in der normalen Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen”zit. H.K. Rupp: a,a.0., S. 37. Erst diese Aussage rief Widerstand hervor, der letztendlich nicht verhindern konnte, dass im März 1958 der Bundestag die atomare Bewaffnung beschloss.

Obwohl dieser Widerstand sich völlig anders darstellte als der Kampf gegen die Wiederbewaffnung wurde er ebenso wie dieser von Seiten der Bundesregierung mit einem immensen anti-kommunistischen Propagandaaufgebot bekämpft. Die außenpolitischen Ereignisse in der DDR und Ungarn erleichterten dies.

Die Herausbildung einer Opposition begann mit einer Reihe von Aufrufen, die zum Teil große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erreichten. Dies war zunächst das “Göttinger Manifest”, unterzeichnet von 18 der renommiertesten deutschen Atomwissenschaftlern, darunter C.F. von Weizsäcker. Sie forderten darin die Bundesregierung zum Verzicht auf Atomwaffen auf und kündigten die Verweigerung ihrer Mitarbeit an Herstellung, Erprobung und Einsatz solcher Waffen an. Adenauer und seine Regierung sprach ihnen jedes Recht ab sich so zu äußern, konnten aber weitere, ,zum Teil dramatische Aufrufe nicht verhindern, die D.iskussionen in den Parteien, Gewerkschaften und Kirchen provozierten. Dazu gehörte vor allem der “Appell an die Menschheit” von Albert Schweitzer, Karl Barths Aufruf “Es geht ums Leben” und der Appell von 44 Naturwissenschaftlern und Theologen vor allem an die Verantwortung der Gewerkschaften im Februar 1958. Doch es dauerte lange, bis sich öffentlicher Widerstand regte. Die SPD blieb zunächst wieder auf das Parlament beschränkt und erzwang einige Debatten, in denen sie sich unter anderem den Plan des polnischen Außenministers Rapacki nach einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa zueigen machte In der ev. Kirche wurde vor allem um das “Christus-Bekenntnis im Atomzeitalter” heftig und kontrovers diskutiert. Dazu legten die kirchlichen Bruderschaften Thesen an die Synode der Ev. Kirche Deutschlands.(EKD) vor, um eine Stellungnahme zu erzwingen.vgl. G. Heipp (Hrsg.): Es geht ums Leben! Der Kampf gegen die Bombe 1945-1965. Hamburg 1965, S. 75 Doch dazu wollte sich die EKD nicht entschließen und ließ damit die Bruderschaften allein in ihrer radikalen Ablehnung der Atomwaffen. Ergebnis dieser Diskussion waren zwei Jahre später die “Heidelberger Thesen” mit dem Kernsatz: “Die Kirche muss die Beteiligung an dem Versuch, durch das Dasein von Atomwaffen einen Frieden in Freiheit zu sichern, als eine heute noch mögliche christliche Handlungsweise anerkennen”zit. Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen Heft 8/9 1981, S. 409. Erst Ende Februar 1958 begann die Kampagne “Kampf dem Atomtod” “zu der sich die SPD jetzt durchgerungen hatte. Gemeinsam mit Mitgliedern des Bundesvorstandes des DGB und Persönlichkeiten aus Kirche, Kultur und Gesellschaft verfasste man einen Aufruf gleichen Namens mit dem zentralen Kernsatz: “Wir werden nicht Ruhe geben, solange der Atomtod unser Volk bedroht”. Innerhalb weniger Wochen gründeten sich bundesweit Ortsausschüsse “Kampf dem Atomtod”, die fast alle personell von SPD und DGB abhängig waren. Viele Organisationen schlossen sich der folgenden Kundgebungswelle an, die allerdings erst begann, als die Entscheidung im Bundestag über die atomare Bewaffnung durch einen Mehrheitsentscheid der CDU/CSU-Fraktionen schon gefallen war. Es kam zu riesigen Demonstrationen (allein in Hamburg waren 150.000 Menschen versammelt) eindringlichen Reden (darunter der damalige MdB Helmut Schmidt) und zur Ankündigung einer erneuten Volksbefragung, diesmal durch die SPD. Der Ruf nach einem Generalstreik wurde in diesen Tagen immer lauter. Es kam zu den ersten wilden Streiks. So traten am 28.März 1958 3.000 Arbeiter des Braunschweiger VW-Zweigwerkes für eine Stunde in den Ausstand, ebenso ein beträchtlicher weil der 25.000 im Wolfsburger Hauptwerk Beschäftigtenvgl. H.K. Rupp, a.a.0., S. 164.

Aus diesem Grund sah sich der DGB-Bundesvorstand, bisher Mitträger der Kampagne, zu einer außerordentlichen Vorstandssitzung veranlasst, in der dann schließlich Streik als Kampfmittel abgelehnt wurde, die Kampagne aber weiter unterstützt werden sollte. Der Streik als letztes, konsequentes Mittel wurde also versagt.

Auch die SPD zeigte zunehmend weniger Interesse an der Fortsetzung der Kampagne. Anlass dazu waren vor allem ein Verbot der von ihr initiierten Volksbefragung durch die Bundesregierung, bzw. das Bundesverfassungsgericht und eine große Wahlniederlage bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, wo die CDU die absolute Mehrheit erringen konnte. Die SPD sah sich veranlasst, nun innerhalb kürzester Zeit ihre Politik zu verändern. Die “Reformer” gewannen die Oberhand und es begann eine “programmatische Öffnung nach rechts”zit. K.A. Otto: Vom Ostermarsch zur APO. Frankfurt/Main 1977, S. 63, die im Godesberger Programm 1959 ihren Abschluss fand. Für diese Wandlung erschien die Kampagne “Kampf dem Atomtod” nur lästig - und sie wurde schleunigst beendet. Dies war relativ einfach durchzusetzen, da alle Organisationsstrukturen bei der SPD zusammenliefen und nun, nachdem diese das Interesse verloren hatte, in sich zusammenfielen. Die beteiligten Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen waren den taktischen Manövern der SPD und des DGB (der bei der Beendigung der Kampagne ebenfalls mitzog) völlig ausgeliefert. Die Abhängigkeit von diesen Großorganisationen hatte sich gerächt und das Ende der Kampagne wirkte auf viele geradezu lähmend. Und doch fanden sich etliche bereits wenige Jahre später bei den Ostermärschen wieder.

Weiter zum nächsten Kapitel: Die Ostermarsch-Bewegung (Teil III)

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Fußnoten

Veröffentlicht am

13. März 2008

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