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Lehren aus Vietnam

von Karl Grobe

Tom Hayden ist wieder in Vietnam gewesen, zum ersten Mal im Frieden. Viermal hatte der Bürgerrechtler, Kriegsgegner und Mitgründer der US-Studentenbewegung das Land besucht, einmal gemeinsam mit Jane Fonda. Damals führten die USA Krieg gegen Nordvietnam. General Curtis LeMay, erinnert sich Hayden, hatte das Land “in die Steinzeit bombardieren” wollen. In der jüngsten Ausgabe der traditionsreichen linken Wochenzeitschrift The Nation schreibt Hayden, dass es damals danach aussah, als sei dieser Plan schon aufgegangen. Haydens und Fondas unerlaubte Reisen ins Feindesland waren für die USA der Präsidenten Lyndon Johnson und Richard Nixon Skandale.

Jetzt bei Haydens Besuch, genau 36 Jahre nach den Weihnachts-Bombardements, beherrschte Santa Claus das Straßenbild, die Weltmarken des Konsumzeitalters übertrumpften die Bilder des Revolutionsführer Ho Chi Minh. US-Kriegsschiffe statteten Vietnam Freundschaftsbesuche ab. Alles mit Billigung der immer noch herrschenden Kommunistischen Partei. Hayden fragt: Sollten “Marxismus und Nationalismus den Krieg gewonnen haben, Kapitalismus und Nationalismus aber den Frieden?”

Die Domino-Theorie, die Rechtfertigungslehre der Washingtoner Regierungen, stellt sich als jämmerlich falsch heraus. Südvietnam war zwar 1975 gefallen wie ein Dominostein, die Nachbarstaaten aber keineswegs; und die obsiegende kommunistische Partei führt Vietnam mit den Methoden der Einparteiherrschaft in die neoliberal globalisierte Welt. Unter den alten Freunden, die Hayden über dreißig Jahre nach seinem ersten Besuch wiedergesehen hat, sind nicht alle einverstanden mit der Entwicklung. Doch “Nie wieder Krieg” - das gilt. Wie es in Deutschland gegolten hat nach 1919 und nach 1945.

Den Satz hat Hayden von Bao Ninh gehört, dem Autor eines Antikriegsromans, der auch in den USA erschienen ist. Bao Ninh hat im Oktober 1967 - er war damals 15 - zum ersten Mal einen Amerikaner gesehen. Dessen Kampfbomber war abgeschossen worden, der Pilot war mit dem Fallschirm abgesprungen und im Truc Bach-See gelandet. Vietnamesen zogen ihn aus dem Wasser und schlugen ihn zusammen. Später wurde er schwer gefoltert.

Der Pilot hieß John McCain. Nach seiner Erinnerung wurde ihm medizinische Hilfe erst gewährt, als die Nordvietnamesen herausfanden, dass sein Vater ein Admiral war. Er unterschrieb später das Geständnis, er sei ein Luftpirat - mit Formulierungen, die erkennen ließen, dass er unter Zwang gehandelt hatte. An den Folgen der Folter leidet er noch heute.

Die Geschichte hat beide, den Kampfpiloten und den Kriegsgegner in Vietnam-Missionen vor gut drei Jahrzehnten, indirekt wieder eingeholt. McCain, übrigens durchaus keiner, der die Soldaten rasch aus dem Irak zurückholen will, bewirbt sich ums Präsidentenamt für die Republikanische Partei. Hayden engagiert sich für den Kandidaten, der von Anfang an gegen den Irak-Krieg aufgetreten ist, Barack Obama. Die USA sind wie zu Vietnam-Zeiten ein kriegführender Staat. Dass außenpolitische Ziele auch mit anderen Mitteln erreicht werden können und vielleicht eher erreicht werden, wird in Perioden patriotischer Rhetorik kaum mehr thematisiert. McCain hat da noch die alten Antworten. Hayden hingegen stellt neue Fragen. Sie betreffen die Kosten des Imperialismus.

Karl Grobe ist freier Autor.

Quelle: Frankfurter Rundschau   vom 11.03.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

11. März 2008

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