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Und täglich grüßt das Murmeltier: Alles wie gehabt beim Irak-Bericht von General Petraeus im US-Kongress


Von Konrad Ege

Endlich hat er gesprochen, der Oberkommandierende der US-Armee im Irak. Live-Übertragung, dazwischen rufende Friedensaktivisten, Sondersendungen. Unter dem Strich hat General Petraeus wenig Unerwartetes aufgetischt am 10. September, einem Tag, an dem im Irak neun US-Soldaten starben. Der General kann nun beruhigt auf das Schlachtfeld zurückkehren. Demokraten und ein paar Republikaner kritisieren Bushs Inkompetenz, beweinen die Toten, beklagen die Kosten, räumen aber ganz realpolitisch ein, dass ein “überstürzter” Abzug nicht möglich sei. Und überparteilich ist man sich einig, dass die USA den Irak langfristig “sichern” müssten.

David Petraeus gab sich professionell-zuversichtlich. Gedrosselte Rhetorik, kein “Plan zum Sieg”, wie ihn Bush vor zwei Jahren verkündet hatte. Die militärischen Ziele des so genannten “Surge” zum Aufstocken der Streitkräfte von 130.000 Mann im Februar auf gegenwärtig 168.000 seien “weitgehend” erreicht worden, glaubt Petraeus. Politische Fortschritte freilich ließen zu wünschen übrig. Der General schlussfolgert daher: Es sei “verfrüht”, jetzt schon den Zeitplan für einen Truppenabzug festzulegen. Allerdings - und hier kommt die Konzession an die Kriegskritiker: Ein Teilabzug sei durchaus in den Karten. Im Sommer 2008 will Petraeus zurück zu der Zahlenstärke vor dem “Surge”.

Ein besonders aufregendes Zugeständnis ist das nicht; Petraeus gehorcht der Not. Die US-Streitkräfte sind im fünften Kriegsjahr nicht mehr in der Lage, die “Surge”-Truppenstärke beizubehalten. Schon jetzt müssen Soldaten zwei, drei und sogar vier Rotationen im Irak leisten. Selbst im Offizierskorps gibt es heftige bis moderate Kritik an Petraeus: Der Kommandeur des US Central Command (Petraeus´ Vorgesetzter), Admiral William Fallon, ist laut Washington Post der Auffassung, dass der “Surge” nicht genug bewirke, und dass der Irak-Krieg die Kampffähigkeit des US-Militärs untergrabe - Fallon will schneller abziehen.

Doch sind ihm die Hände gebunden: Bush selber hat Petraeus nach vorn geschoben. Erklärte der Präsident im Gespräch mit Robert Draper, Autor des Buches Dead Certain (es geht darin um Bushs Amtsführung): Er, George Bush, sei schon lange im Amt, und seine Worte hätten nicht mehr genug Überzeugungskraft. “Wenn ich ein rosiges Bild entwerfe, wird das sofort kritisiert, und es kommt nicht einmal in den Nachrichten.” General Petraeus dagegen könne die Wahrheit über den Irak besser vermitteln. So kam es, dass der Oberkommandierende im Irak und kein Außenstehender, seine eigene Arbeit auswertete und empfahl, wie es weiter gehen soll.

Ein Bericht des Rechnungshofes “General Accounting Office” aus der Vorwoche war zu einer viel weniger positiven Analyse des “Fortschritts” im Irak gekommen. Insofern verwundert es nicht, wenn die Demokraten kritisierten, Petraeus habe Statistiken selektiv präsentiert. Zum Teil erinnerten dessen Schaubilder vor dem Kongress stark an Vietnam. Damals begründete das Weiße Haus die These vom “Licht am Ende des Tunnels” unter anderem mit den body counts, der minutiösen Zählung der Leichen des Feindes. Verbreitet wurden die zuversichtlichen Botschaften (“Jeder tote ›Viet Cong‹ bringt den Sieg näher”) bei den nachmittäglichen Pressekonferenzen der US-Militärs in Saigon und von vielen Journalisten schließlich belächelt als die “Narrenstunde um Fünf”.

General William Westmoreland, vor 40 Jahren der militärische Chef in Vietnam, war bekannt wegen seiner mehrfarbigen Schaubilder, die positive Trends getöteter “Viet Cong” und zerstörter beziehungsweise befriedeter Dörfer illustrieren sollten. Diese Art und Weise der nach dem Krieg unter Verruf geratenen Analyse zeigte positive Trends, als die Niederlage Südvietnams und der US-Einheiten schon längst absehbar war. Die Regierung Bush hatte vor dem Petraeus-Bericht jede Art von body count vermieden: Die US-Öffentlichkeit sollte den Krieg weitgehend als blutlos erfahren. Kein einfaches Unterfangen, sind doch Zehntausende Iraker und bis zu Beginn dieser Woche 3.774 US-Soldaten ums Leben gekommen.

Ganz gleich, wie schnell oder langsam Bush und sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin Streitkräfte abziehen - die US-Besatzung im Irak wird wohl noch Jahrzehnte andauern. Das US-Militär hat mehr als hundert Militärstützpunkte aufgebaut zwischen Euphrat und Tigris; etwa ein Dutzend ist auf Dauer angelegt. Es geht der amerikanischen Regierung - einmal abgesehen von George Bushs hochfliegenden Welterlösergedanken - um das Durchsetzen politischer und wirtschaftlicher Interessen. Und im Irak lagern nun einmal riesige Erdölvorräte.

Veröffentlicht am

16. September 2007

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