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Terror und alltäglicher Rassismus

Spektakuläre Anschläge erregen weltweit Aufmerksamkeit, doch der Nationalismus bringt größere Gefahr


Von Karl Grobe

Im Südural üben gerade Spezialisten aus Russland, China und vier zentralasiatischen Republiken den Kampf gegen den Terrorismus. Unter anderem dafür ist die Schanghai-Organisation gegründet worden, der die sechs Staaten angehören. Denn Sicherheit vor Gewaltakten, die politisch motiviert sein könnten, ist für alle ein Top-Thema. Das Problem dabei: Alle sechs haben zu allererst die vermutete islamistische Gefahr im Visier, aber jede Regierung versteht etwas anderes darunter.

Russlands Präsident Wladimir Putin ist 1999 für das Amt ausgewählt und 2000 vom Volk gewählt worden, weil er den raschen Sieg über die tschetschenischen Rebellen versprochen hatte. Überdies versprach Putin größere Sicherheit im Lande. Die gibt es nach seinen sieben Amtsjahren nicht.

Anschläge nach Sieg

Tschetschenien ist “befriedet” durch Ramsan Kadyrow, der seine Macht einer gewalttätigen, eigentlich terroristischen, Miliz und unsauberen Wahlen verdankt. Terrorakte von radikalisierten Tschetschenen häuften sich erst, nachdem Putin den Krieg für militärisch gewonnen erklärt hatte.

Terrorakte wie in Beslan, im Moskauer Musical-Theater oder bei einem Popkonzert sind spektakulär. Der alltägliche Rassismus wird seltener registriert. Von ihm geht insgesamt eine weit größere Gefahr für die Sicherheit aus.

Seit Jahren hat sich am Konflikt im Kaukasus ein neuer Nationalismus entzündet, der “Schwarze” aus dem Kaukasus, Asiaten und Afrikaner mit rassistischer Gewalt bedroht. So eskalierte im September vorigen Jahres ein Wirtshausstreit - angeblich wollten Russen einem Wirt aus Aserbaidschan die Zeche nicht zahlen - in der nordrussischen Stadt Kondopoga zu einem Pogrom, während dessen die dort lebenden Kriegsflüchtlinge aus dem Nordkaukasus sämtlich aus der Stadt verjagt wurden.

Das russische Sowa-Zentrum, das sich mit Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit befasst, registrierte im vorigen Jahr einen Anstieg rassistischer Konflikte um 14 Prozent. Dabei wurden 460 Personen verletzt und 53 ermordet. Die beiden größten Städte, Moskau und St. Petersburg, fielen dabei besonders auf. Da die Behörden Gewalttaten aber gern als Alltagskonflikte oder bloßes Rowdytum (Hooliganismus) einstufen, ist die Dunkelziffer höher.

In manchen Fällen hinterlassen Gewalttäter beweiskräftige Indizien. In St. Petersburg war das Gewehr, mit dem Anfang April ein Student aus dem Senegal erschossen wurde, mit einem Hakenkreuz gekennzeichnet. Neonazis waren offenbar die Mörder, die den Rassismus-Experten Nikolaj Gorenko in St. Petersburg im Juni 2004 erschossen. Neonazis fielen erst vor wenigen Tagen in der sibirischen Stadt Angarsk über ein Lager von Umweltschützern her und ermordeten einen unbewaffneten Atomenergiegegner.

Unberechenbar ist das Verhalten der rund 60.000 russischen Skinheads. Doch auch gegen die als absolut “putinistisch” geltenden Jugendorganisationen Naschi und Molodaja Gwardija hat die Staatsanwaltschaft im Juni wegen Rassismus ermittelt. Dass Oppositions-Kundgebungen gelegentlich zusammengeprügelt werden, hat ähnlich nationalistischen Hintergrund. Wer darauf hinweist, kann sein Leben riskieren. Anna Politkowskaja ist nur eine von zwei Dutzend Journalisten, die in der Putin-Zeit ermordet wurden.

Quelle: Frankfurter Rundschau   vom 15.08.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

15. August 2007

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