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Kleine Ahmadinejads

Von Gideon Levy, 08.06.2007

Ram Caspi hat einen Artikel geschrieben - und zwar in seiner Wohnung hoch oben aus Tel Avivs Davidtürmen. Der prominente Anwalt schlug vor, den Gazastreifen zu strangulieren. In der Finanztageszeitung Globes vom 25. Mai ruft er dazu auf, weder das Land zu überfallen, noch einen Luftangriff zu unternehmen, sondern eine Würgeschlinge zu schaffen … In dem Augenblick, in dem die 8. Kassam-Rakete abgefeuert wird, sollte Gaza von sämtlichen wichtigen Infrastruktursystemen abgeschnitten werden, also von Brennstoff, Benzin, Wasser, Strom und Telefon, und man sollte andere daran hindern, den Gazastreifen damit zu versorgen.

In anderen Worten: anderthalb Millionen Menschen von allem Lebensnotwendigen abschneiden. Caspi ist ein erfolgreicher Anwalt, der durch die Tempel der Justiz kommt und geht und der sich unter den Reichsten in Israels Gesellschaft bewegt. Kein Haar auf seinem Haupte kam auf Grund seiner teuflischen Vorschläge in Unordnung. Dieser Mann des Gesetzes, der zur Verletzung des Völkerrechts aufstachelt, ist nicht zur Ordnung gerufen worden. Keiner hat sich nach diesen Worten von ihm distanziert. Die Saison des Rassismus, kollektiver Bestrafung und Verbalattacken befindet sich auf ihrem Höhepunkt. Was früher nur rechten Spinnern vorbehalten war und bekloppten Leuten, die bei Radiosendungen mit Publikumsbeteiligung frech widersprachen, ist jetzt “political correct”, ja im Konsens, der letzte Schrei in einer heftigen und überhitzten israelischen Debatte.

Und Caspi ist nicht allein. Es gibt nicht nur in Teheran einen Satan. Er lebt hier mitten unter uns. Israel wird überflutet von einem schmutzigen Strom blau-weißer Ahmadinejads: wenn der Präsident des Iran vorschlägt, Israel zu zerstören, schlagen sie, die ja kleiner als er sind, nur vor, die Dörfer auszuradieren, dem Boden gleich zu machen, die ganze Bevölkerung auszuhungern und eben nur sie umzubringen.

Da gibt es keinen moralischen oder prinzipiellen Unterschied zwischen dem iranischen Original und seinen israelischen Nachahmern. Die rassistische und brutale Philosophie des Ministers für strategische Angelegenheiten Avigdor Liberman und seinen Anhängern hat seine unheilvollen Tentakeln in die Mitte der Gesellschaft ausgestreckt. Meir Kahane, der viel moderatere Vorschläge als diese gemacht hat, hätte sich davon fern gehalten; Caspi fährt fort, die Leute an der Spitze des Landes juristisch zu beraten.

Dieses hässliche und erschreckende Phänomen hat seinen Anfang während des zweiten Libanonkrieges. “Uns wurde ein zweites Kafr Kana erlaubt; es war uns erlaubt, alles zu zerstören”, sagte der damalige Justizminister, Haim Ramon, der Mann der den Auftrag hatte, das Gesetz aufrecht zu erhalten. Der Handel- und Industrieminister Eli Yishai, ein Vertreter einer religiösen Partei, der ein “spiritueller” Führer ist, bleibt nicht weit hinter ihm zurück. Er schlug vor, die Infrastruktur im Libanon zu treffen und die “Dörfer platt zu machen”

Diese beiden Aufrufe, Kriegsverbrechen zu begehen, kamen nicht etwa aus dem Mund von Vertretern der extremen Rechten. Ramon und Yishai sind legitime Wortführer geblieben. Auch die Generäle schwiegen nicht: “Zermalmt den Libanon! Verwandelt ihn in ein Museum eines Terrorbrutkastens!”, schlug ein früherer Chef des nördlichen Hauptquartiers vor, der Brigadegeneral der Reserve Rafi Noy, ein begehrter Interviewer in den Studios der Medien.

Die Kassams auf Sderot lassen die eklige Fortsetzung ahnen - diesmal auch in der Dichtung: “Wenn die Dächer nicht (vor Feuer) strahlen, zerstört die Fundamente … greift den Libanon und Gaza mit Pflügen und Salz an, zerstört sie, dass kein Bewohner mehr bleibt. Verwandelt ihn in bloße Wüste, in Schutthaufen … tötet sie, vergießt ihr Blut, jagt ihnen Angst und Schrecken ein.” Schreibt der Poet Scheinfeld, der vor kurzem eine Novelle herausgegeben hat, zu deren Boykott niemand aufgerufen hat.

Der frühere Rabbiner Mordechai Eliahu rief dazu auf, die Wohnhäuser zu beschießen; der Minister für die Angelegenheiten der Pensionäre, Rafi Eitan hat vorgeschlagen, Israel möge eine Version der Kassams nachmachen und sie nach Gaza abfeuern; der Minister für öffentliche Sicherheit Avi Dichter sagte, gezielte Tötungen reichen nicht aus; sein Nachfolger beim Shin Beth-Sicherheitsdienst, Yuval Diskin, klagte darüber, die Menschen in Beit Lahia und Beit Hanoun führen ein(zu) stilles Leben; unser alter Bekannter Liberman schlug nach jedem Angriff auf Sderot einen Luftangriff auf das Viertel in Gazastadt vor, wo die Gutsituierten wohnen; der Generalmajor der Reserve Amiram Levin hat dazu aufgerufen, den Gazastreifen in Quadrate zu teilen und nach jedem Kassam-Angriff ein solches Quadrat zu zerstören; der frühere Justizminister Yosef Lapide unterstützte diesen Vorschlag; der frühere Generalstabschef Mosh Yaalon, der Vorläufer der Theorie des “abgestumpften Bewusstseins”, hat vorgeschlagen, “das Gebiet zu säubern”; der Bürgermeister von Sderot Eli Moyal sagte, ihm sei “ein totes Kind in Gaza lieber als eines in Sderot”; und ein trauernder Vater aus dem zweiten Libanonkrieg, Ami Schreier, hat dazu aufgerufen, für jede Kassam-Rakete einen Stadtteil in Gaza auszuradieren, nachdem man die Bevölkerung drei Stunden vorher gewarnt habe.

Keiner dieser Leute wurde wegen seiner Worte kritisiert, von keinem distanziert man sich.

So sehen wir heute aus. Dies ist unser moralisches Porträt.

Übersetzung ins Deutsche: Ellen Rohlfs

Veröffentlicht am

19. Juni 2007

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