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Die Intelligenz des Bösen

Kosmokraten: Armut und Elend der Welt - beschrieben in drei unterschiedlichen Sachbüchern

Von Ekkehart Krippendorff

Eines der bleibenden Verdienste Hannah Arendts, deren 100. Geburtstag im letzten Herbst zumindest in Deutschland gebührend gedacht wurde, war es, "das Böse" als Kategorie säkularen Urteilens in den politischen Diskurs eingeführt zu haben. Einen Bericht von der Banalität des Bösen nannte sie ihr Buch über den Prozess, den der Staat Israel 1962 Adolf Eichmann als dem Organisator des Massenmordes an den europäischen Juden machte - denn was sie am Erstaunlichsten an "einem der größten Verbrecher jener Zeit" fand, war seine absolute Mediokrität, seine Gedankenlosigkeit, seine Unfähigkeit, sich vorzustellen, was er anrichtete.

Seit Arendt ist die "Banalität des Bösen" geradezu zum Haushaltswort geworden und bezogen auf die zum Beispiel im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess vorgeführte kleinbürgerliche Nazi-"Elite" findet sie gerade in Zeiten historischer Erinnerung immer wieder Bestätigung. Aber eben auch nur für diese: Das Böse, mit dem wir es bei den Protagonisten des globalisierten Kapitalismus im 21. Jahrhundert zu tun haben, ist alles andere als banal und doch nicht minder verbrecherisch. Dafür brauchen wir einen anderen Begriff - denn dieses Böse ist hochintelligent, kennt durchaus die Folgen seines Handelns, ist nicht gedankenlos, sondern fähig zum selbstständigen Urteil.

Die Rede ist von den Herren der "transkontinentalen Privatgesellschaften", wie sie Jean Ziegler in seinem letzten Buch Das Imperium der Schande nennt. Vor nicht allzu langer Zeit waren einige von ihnen zu besichtigen im Düseldorfer Mannesmann-Prozess: Selbstsicher, wortgewandt, arrogant und umgeben von den besten Anwälten begründeten sie schamlos, warum sie ihre nach Millionen zählenden Gehälter tatsächlich verdienen, die ihre Unternehmen (aber davon war in Düsseldorf leider nicht die Rede) erwirtschaftet haben im globalen Geschäft der Ausbeutung, dessen Resultate in der Form von Massenarmut und Hungersnöten, zerstörter Natur und vernichteten Menschenleben in der "Dritten Welt" kaum noch Nachrichtenwert haben.

"Kosmokraten" nennt Ziegler diese Klasse international operierender Manager und Banker, und wenn er milde über sie urteilt, dann konzediert er ihnen (oder wenigstens einigen von ihnen) ein Dilemma: "Wenn sie in den Positionen, die sie einnehmen, überleben wollen, müssen sie manchmal unerbittlich, zynisch und gnadenlos sein. Sich im Namen eines persönlichen Humanismus vom allerheiligsten Prinzip der Gewinnmaximierung zu entfernen, käme beruflichem Selbstmord gleich." Ziegler weiß, wovon er spricht: Viele dieser Manager kennt er persönlich, sei es den "Fürsten" von Nestlé, Peter Brabeck, sei es sein Schweizer Landsmann Josef Ackermann.

Dieser zum Beispiel "ist sich der Verheerungen vollkommen bewusst, die der Würgegriff der Schuld, den er doch so geschickt anzusetzen versteht, in Afrika, Lateinamerika und in Asien anrichtet. Würde er einseitig auf seine Außenstände verzichten, so würde er die Existenzbedingungen von Dutzenden Millionen Menschen verbessern. Doch gleichzeitig würde er die Position der Deutschen Bank auf dem internationalen Kapitalmarkt schwächen. Wer würde davon profitieren? Seine schlimmsten Feinde, die Crédit Suisse Group und der Präsident der J.P.Morgan Chase Manhattan Bank."

Ziegler kennt diese Klasse sowohl als gelernter Soziologe an der Universität Genf, als auch - und das vor allem - als seit sechs Jahren "Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung", in welcher Eigenschaft er konkret vor Ort recherchiert, das von den "Kosmokraten", den Managern des real existierenden globalen Kapitalismus verursachte Elend der Welt mit eigenen Augen gesehen und betroffen erlebt hat. Die erschütterndsten Abschnitte seines Anklage-Buches sind seine Augenzeugenberichte - von den hungernden Kindern der Mongolei, den Müllsammlern in Brasilien oder den verzweifelt-mutigen Selbsthilfeorganisationen in Äthiopien - Illustration zu dem Zahlenmaterial, das er zusammengetragen hat und das dazu angetan ist, den Leser schwindlig zu machen: Vor 40 Jahren litten 400 Millionen Menschen an permanenter und chronischer Unterernährung - heute sind es mehr als doppelt so viele: 842 Millionen. Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder unterernährungsbedingten Krankheiten. Der Anteil der 42 ärmsten Länder am Welthandel belief sich 1970 auf lächerliche 1,7 Prozent - 35 Jahre später sind es nur noch 0,6 Prozent. 2004 hat der Hunger mehr Menschen getötet, als alle Kriege dieses Jahres zusammen.

Ziegler macht für dieses strukturelle Massenelend einen Verantwortlichen dingfest: "Wer an Hunger stirbt, stirbt als Opfer eines Mordes. Und der Mörder trägt einen Namen, er heißt: Verschuldung." Wie teuflisch böse dieser Mechanismus funktioniert, zeigt ein Beispiel: Hungernden afrikanischen Staaten bietet die US-Regierung genmanipuliertes Getreide an. Während die EU sich (bisher) mit Erfolg gegen dessen problematischen Anbau gewehrt hat, sind die afrikanischen Staaten dazu kaum in der Lage. Die Bauern, gewohnt, Saatgut von der jeweiligen Ernte für die nächste Aussaat zurückzubehalten, verfahren so auch mit dem Hilfsgetreide. Kaum aber ist die neue Saat im Jahr danach aufgegangen, erscheinen die Anwälte der amerikanischen Produzenten und klagen hohe Summen für ihr patentiertes Saatgut ein - natürlich mit Erfolg und dem Ergebnis weiterer Verschuldung der betreffenden Länder, aus der es kein Entrinnen gibt, denn den Anbau dieses Getreide kann man nicht mehr rückgängig machen.

In Bangladesh - ein weiteres Beispiel - streuten die Kosmokraten das (falsche) wissenschaftliche Gerücht vom verunreinigten Trinkwasser aus, um ihre Mineralwasserproduktion abzusetzen, was auch gelang. Nestlé machte Millionen Profite mit der Abwerbung unwissender Mütter von der Muttermilch zugunsten ihrer Milchpulverprodukte - mit dem Ergebnis deutlich gestiegener Kindersterblichkeit, unter anderem, weil die hygienischen Voraussetzungen für deren Anwendung fehlten. Macht nichts: Den Prozess gegen die Initiative "Nestlé tötet Babys" gewann der Konzern natürlich - solche Wahrheiten darf man nicht so unverblümt aussprechen.

"Die subtile Gewalt der Verschuldung ist an die Stelle der sichtbaren Brutalität der Kolonialherren getreten." Ziegler sieht die politische Dimension dieser kapitalistischen Dynamik in der kniefälligen Abhängigkeit der örtlichen Machthaber und Diktatoren von den internationalen Kreditinstituten, ihrer Dauererniedrigung und -verknechtung, die ihnen durch (bescheidene) eigene Anteile an der großen Ausbeutung vergütet wird: Das immer mehr verarmende Afrika hat über hunderttausend Dollar-Millionäre - Tendenz steigend. Großausplünderer von US-Gnaden wie der Philippino Marcos oder der Kongolese Mobutu sind nur die politisch gescheiterten spektakulären Spitzen des Eisbergs der Kompradoren-Bourgeoisie der Dritten Welt.

Diese gestuften Abhängigkeitsstrukturen möchte Ziegler analytisch fassen als Refeudalisierungsprozess: Die Herren in den Chefetagen der global operierenden Unternehmen - er nennt sie bisweilen "Fürsten" - handeln so selbstherrlich und verfolgen ihre Profitmaximierungsstrategien so ohne Rücksicht auf das Wohlergehen ihrer Untertanen wie die Feudalaristokraten im Zeitalter des Absolutismus. Loyalitäten vor Ort sichern sie durch vornehme - und oft auch gar nicht vornehme - Formen der Bestechung ihrer modernen Herzöge. So wie die Mannesmann-Aufsichtsräte den pathetischen Gewerkschaftsvertreter Zwickel ja auch bestochen haben - der spielte treu und brav seine Rolle als gekaufter Neo-Kosmokrat sogar noch im Gerichtssaal weiter. Von der Vizedirektorin des Internationalen Währungsfonds schreibt Ziegler: "Ihre Ignoranz gegenüber dem Alltagsleben der Völker scheint abgrundtief zu sein. Ihre Beherrschung der internationalen Finanzmechanismen ist beeindruckend." Die Frage ist, wie lange sich die Verlierer, die "Arbeitnehmer", die "Völker" diese Leute gefallen lassen.

Das schönste an Zieglers Buch ist die "Rahmenhandlung". Tatsächlich schreibt er nämlich ein Buch über die unvollendete Französische Revolution, einen flammenden Essay des Vertrauens auf die Kraft der Aufklärung, ein Manifest des "Kampfes gegen Armut und Unterdrückung". Inspiriert ist es von Benjamin Franklins revolutionärer Überzeugung von der "Macht der Schande" als Motor des Umsturzes des Feudalismus seiner Zeit - der in veränderter Gestalt wieder auferstanden ist. Wie ein roter Faden durchziehen Zieglers Bericht höchst aktuell klingende Zitate aus den Reden und Aufrufen der sozialrevolutionären Sprecher der Grande Révolution, von Gracchus Babeuf, Jacques Roux, Maximilian Robespierre, Antoine de Saint-Just.

Ziegler schrieb ein revolutionäres Aufklärungsbuch - ein Buch gegen "allerlei Theorien und fadenscheinige Ideologien, die das Bewusstsein der Männer und Frauen guten Willens in der westlichen Welt verdunkeln" - als sei der massenmörderische globalisierte Kapitalismus naturwüchsig und ohne Alternative. Das Böse hat bei Ziegler "Name, Anschrift und Gesicht" (Brecht). Die Namen derer, die für die aus der Armut entstehende endemische Gewalt und für die "ungerechte und todbringende Ordnung" direkt und persönlich als ihre Profiteure verantwortlich sind und damit indirekt auch und nicht zuletzt für den reaktiven fundamentalen Terrorismus. Mit diesem Buch möchte er "dazu beitragen, das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines Umsturzes zu schärfen." Es gereicht der viel geschmähten UNO zur Ehre und Anerkennung, dass sie diesen wie seine idealen Revolutionsvorbilder wahrhaft "Unbestechlichen" zum offiziellen Anwalt der Hungernden ernannt hat; leider endete sein Mandat im letzten Jahr. Das Imperium der Schande ist ein Appell und sein Vermächtnis.


Mit so viel Leidenschaft und revolutionär blutendem Herzen kann ein gutmeinender deutscher Entwicklungsmanager wie Rainer Barthelt nicht mithalten: Studierter Wirtschaftswissenschaftler, für kurze Zeit bei Daimler-Benz und dann seit den sechziger Jahren im BMZ tätig und für Schwarz-Afrika zuständig. Der Gedanke, es bei "Krieg, Armut, Hunger, Klimaveränderung, Umweltzerstörung, Terrorismus, Drogen und Korruption" - so die Untertitel zu seinem durchaus dramatisch gemeinten Buch Die Welt vor dem Abgrund - mit Erscheinungsformen der Folgen kapitalistischer Herrschaftsstrategien intelligenter Profitmanager zu tun zu haben, und Letztere gar noch mit Arendt und Kant als Verkörperungen des Bösen zu erkennen, der liegt so einem freundlich-idealistischen Menschen völlig fern. Er glaubt an die Chancen von "Entwicklungshilfe", um die bedrohte Welt vor dem Sturz in den Abgrund zu bewahren. Für Barthelt muss sie nur großzügiger und besser eingesetzt werden.

"Fehler wurden gemacht, nie jedoch wurde aufgehört, aus ihnen zu lernen", und die Tsunami-Flutkatastrophe von 2004 hatte aus seiner Sicht wenigstens das Gute, wieder an Entwicklungshilfe zu denken und ihr eine neue Qualität zu geben. Dass er der wachsenden Verschuldung der armen Länder, in der Ziegler den mörderischen Kern unseres Systems ausmacht, nur magere eineinhalb Seiten widmet, ist bezeichnend für die menschenfreundliche Naivität dieses vermutlich typischen Entwicklungsbeamten, der Papiere bearbeitet, in Ausschüssen sitzt, zu internationalen Konferenzen reist, den weltweiten Ausbau von Atomkraftwerken zur Lösung der Energieprobleme befürwortet, und so weiter. Die Kosmokraten können mit Seinesgleichen gut leben - mit einem wie Ziegler nicht.


Zu allen Komplexen, die Barthelt als Szenario seiner bedrohten Welt auflistet, ohne ihnen systematisch auf den Grund zu gehen, gibt es im eindrucksvollen neuen Atlas der Globalisierung von Le Monde diplomatique stichwortartige Kapitel und graphisch einprägsame Schaubilder: Eine Art Handbuch mit Basisinformationen zur Welt in der wir leben und wo man fast alles findet - von den politischen Konfliktherden bis zum Müll und seiner Verwertung, vom Waffenhandel bis zur Medienmacht, von der Schuldenfalle (natürlich!) bis zum chinesischen Marktsozialismus. Ein besonders schönes - und ungewöhnliches - Kapitel berichtet "Aus der Werkstatt des Kartografen", was man nämlich mit Welt- und anderen Karten mit unterschiedlichen Perspektiven, Farben und Proportionen alles sagen oder auch nicht sagen kann: "Karten sind Herrschaftsinstrumente" Das Fehlen einer Karte würde jedoch Jean Ziegler beanstanden, nämlich der vom Welternährungsprogramm der UNO jährlich herausgegebenen "Welthungerkarte", die "in allen Schulen Europas an der Wand hängen sollte."

  • Jean Ziegler: Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung; C.Bertelsmann, München 2005, 316 S., 19,90 EUR
  • Rainer Barthelt: Die Welt vor dem Abgrund. Was kann die Entwicklungshilfe leisten? Droste , Düsseldorf 2005, 287 S., 17,95 EUR
  • Le Monde diplomatique: Atlas der Globalisierung. Die neuen Daten und Fakten zur Lage der Welt. taz Berlin 2006, 198 S., 12 EUR

 

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   22 vom 01.06.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ekkehart Krippendorff und des Verlags.

 

Veröffentlicht am

10. Juni 2007

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