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Berufssoldaten für das 21. Jahrhundert

Begehrter Arbeitgeber: Trotz der Verluste im Irak droht der US-Armee keine existenzielle Personalkrise. Eine Rückkehr zur Wehrpflicht des Vietnam-Krieges wird nicht erwogen

Von Konrad Ege

Präsident Richard Nixon hat 1973 auf Anraten von Freimarktwirtschaftsprofessor Milton Friedman die Wehrpflicht abgeschafft. Und die Berufsstreitkräfte funktionierten gut - bis jetzt, bis zum blutigen Irak. Nun machen sich Probleme beim Rekrutieren bemerkbar, obwohl die Streitkräfte lange nicht mehr so zahlenstark sind wie zu Zeiten des Vietnam-Krieges und Privatfirmen wie Söldner militärische Dienste übernehmen. Doch gibt es für die Kriegsgegner kaum Grund zur Hoffnung, dem Pentagon würden bald die Soldaten “ausgehen”. Die wirtschaftlichen Verhältnisse in den USA sind so, dass den Militärs keine existenzielle Personalkrise droht.

Einst in der Verteidigung und im Angriff

Windthorst in Texas, Verdon in Nebraska, Cortland in New York, Terry in Mississippi, Kenduskeag in Maine und Trafford in Alabama - die Heimatdörfer einiger der Soldaten und Marines, die im Januar und Februar im Irak ums Leben gekommen sind. Orte, die man beim Durchfahren übersehen könnte. Verdon hat 200 Einwohner, das nordtexanische Windthorst 500. Windthorst, benannt nach dem deutschen Zentrums-Politiker Ludwig Johann Ferdinand Gustav Windthorst, macht Werbung mit dem Slogan Katholischer Glaube, deutsche Tradition und texanische Gastfreundschaft! So klein ist das Dorf, dass der dort groß gewordene Marineinfanterist Gary S. Johnston in der Footballmannschaft seiner High School einst in der Verteidigung und im Angriff spielte.

Johnston, er war 21 Jahre alt, ist Ende Januar bei “Kampfoperationen” in der irakischen Provinz al-Anbar umgekommen. Seine Freunde betrachten ihn nach Darstellung der Lokalzeitung als “Helden”. Sie hätten ihn schon in der Schule alle bewundert. Johnstons Freundin Jessica Mayo erzählt, Gary habe ihr am Telefon nie etwas über die Gefahren im Irak gesagt. Sie wären beide ein Dreivierteljahr zusammen gewesen. Noch 90 Tage, und Garys Einheit hätte den Irak wieder verlassen. Garys Eltern und ein J.B. “Nubbin” Johnston bitten die Trauergäste, in Erinnerung an Gary für eine neue Fahnenstange im Friedhof zu spenden. Garys gleichnamiger Onkel fiel 1970 in Südvietnam.

87.000 neue Rekruten braucht die Army in diesem Jahr, nachdem Präsident George Bush mit Blick auf den Irak kürzlich die Vergrößerung des Heeres angeordnet hat. 2006 schaffte es die Army gerade mit Mühe und Not, die damals erforderlichen 80.000 Männer und Frauen zur Unterschrift zu bewegen. 2005 hatte sie ihr Soll um acht Prozent verfehlt.

Die Rekrutierungsoffiziere konzentrieren sich auf Provinznester wie Windthorst. Auf dem Land ist man wohl insgesamt patriotischer, und vor allem: Auf dem Land gibt es kaum Arbeitsplätze für junge Menschen. Das geht auch aus zwei Studien des Carsey Institutes an der Universität von New Hampshire und des National Priorities Project (Northampton/Massachusetts) hervor. Prozentual die meisten Rekruten, heißt es da, kämen aus den ländlichen Staaten Oklahoma, Arkansas, Texas und Montana. Das National Priorities Project nennt Landkreise mit hohen Rekrutierungsraten: Nummer eins ist Edmonson in Kentucky. Dort lebt ein Viertel der Kinder und Jugendlichen unter der Armutsgrenze. Am niedrigsten, besagt die Erhebung, seien die Quoten in wohlhabenden Gegenden.

Mehr als 3.100 US-Soldaten haben im Irak bisher ihr Leben verloren. 27 Prozent kommen aus ländlichen Regionen, obwohl nur 19 Prozent der US-Amerikaner auf dem Lande leben, berichtet das Carsey Institute. In den USA sei der “wirtschaftliche Stadt-Land-Graben” in den vergangenen 20 Jahren deutlich breiter geworden. Die Mechanisierung, der Trend weg von Familienfarmen und der Verlust industrieller Arbeitsplätze hätten das Militär in den ländlichen Bezirken zu einem begehrten Arbeitgeber gemacht. Von 1997 bis 2003 seien in diesem Milieu 1,5 Millionen “traditionelle” Jobs verloren gegangen.

Auch die Agentur Associated Press hat recherchiert: Drei Viertel der im Irak Gefallenen kämen aus Orten mit unterdurchschnittlichem Pro-Kopf-Einkommen. Arbeiter, Kinder von Arbeitern, Unterbeschäftigte und Arbeitslose kämpften heutzutage die amerikanischen Kriege, stellte Todd Ensign fest, Vietnamkriegsveteran und Leiter des militärkritischen Verbandes Citizen Soldier.

Das Allerschönste für die Kriegsherren

Obwohl bei einer Leserbefragung der Army Times im Dezember 2006 nur 35 Prozent erklärten, sie seien mit Präsident Bushs Irak-Politik zufrieden, dürfe sich die Friedensbewegung keine großen Hoffungen auf Widerstand in den Streitkräften wie in Vietnam machen. Es gehe den Männern und Frauen in Uniform um die eigene wirtschaftliche Existenz. Die von Anwerbern in Aussicht gestellten 20.000 oder 30.000 Dollar seien “mehr Geld, als sich viele der jungen Menschen vorstellen können”.

Nach Angaben der GI Rights Hotline kommen derzeit pro Monat rund 1.000 Soldaten und Reservisten Einberufungsbefehlen nicht nach. Mehrere hundert sind offenbar nach Kanada geflohen. Chuck Fager arbeitet im Anti-Kriegs- und Soldatenberatungszentrum Quaker House unweit des Militärstützpunktes Fort Bragg in North Carolina. Der Widerstand halte sich trotz allem in Grenzen, meint er. Im Vietnam-Krieg seien die meisten Soldaten ledig gewesen; heute sei die Mehrheit verheiratet. Das Militär biete eine umfassende Krankenversicherung, relativ billige Wohnungen und eine gewisse soziale und finanzielle Sicherheit.

Um genügend Männer und Frauen (15 Prozent der Uniformierten sind Frauen) aufzutreiben, greift das Verteidigungsministerium auf diverse Tricks zurück und macht Angebote. So werden Mitglieder der hauptsächlich für Katastrophenschutz zuständigen Nationalgarde aufs irakische Schlachtfeld kommandiert oder Dienstzeiten zwangsweise verlängert. Ausländern winkt das Versprechen der Einbürgerung. Auch ältere Jahrgänge dürfen jetzt zum Militär. 42 ist das neue Höchstalter für den Eintritt in die Army. Was einer an Schulabschlüssen mitbringen muss, fällt kaum noch ins Gewicht. Und “Charakter” ist nicht mehr so wichtig: Zum Mythos Militär gehört in den USA, dass auch Vorbestrafte durch das Anziehen der Uniform eine “zweite Chance” erhalten. Bei solch problematischen Anwärtern kann die Army von Fall zu Fall Ausnahmegenehmigungen erteilen.

Wie die New York Times vermerkt, ist die Zahl der “Ausnahmen” allein im Heer seit 2003 um 65 Prozent gestiegen. Bei jedem zehnten Rekruten werde nun dessen Vorleben übersehen. Selbst Diebstahl, Raub und Körperverletzung seien keine automatischen Sperrgründe mehr.

“Der Irak-Krieg ist für die Soldaten härter als der Vietnamkrieg”, sagte Todd Ensign von Citizen Soldier. In Vietnam sei der Einsatz auf zwölf Monate begrenzt gewesen. Im Irak-Krieg leisteten viele Soldaten zwei oder drei Jahreseinsätze ab. Die enormen gesundheitlichen Schäden und emotionalen Lasten, die damit verbunden sind, fallen freilich nur auf einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung, auf Menschen, die nicht eben zu den Einflussreichen und Begüterten zählen. In den Medien nimmt Anna Nicole Smith sehr viel mehr Platz ein als die im Irak Gefallenen. Aber von einer Wiedereinführung der Wehrpflicht wird nicht ernsthaft gesprochen. In Vietnam wurden Schwarze und die jungen Männer aus der weißen Unterschicht bevorzugt zum Töten und Sterben in den Dschungel geschickt. Die besser Betuchten blieben größtenteils verschont. Heute funktioniert die Selektion noch besser. Und das Allerschönste aus Sicht der Kriegsherren: Die Soldaten haben sich alle “freiwillig” gemeldet.

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 09 vom 02.03.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

04. März 2007

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