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Ein Reagan für die Demokraten

USA: Hoffnungsträger Barack Obama hat den “amerikanischen Traum” wieder entdeckt

Von Konrad Ege

Knapp zwei Jahre noch bis zur nächsten Präsidentschaftswahl, und beim linken Flügel der Demokraten keimt Hoffnung, dass Amerika nach George W. Bush endlich einmal einen progressiven Demokraten wählt: Der Hoffnungsträger heißt Barack Obama. Er wäre der erste schwarze Präsident.

Der äußerst telegene 45-jährige Senator aus Illinois wird umjubelt wie der sprichwörtliche Rockstar. Er sei ein “politisches Phänomen” mit “magnetischer Ausstrahlung”, heißt es. Obama auf der Titelseite des Magazins Time, Obama in der New York Times und bei der Talk-Königin Oprah Winfrey. Obama im Modemagazin Men´s Vogue. Obama könnte der demokratischen Senatorin Hillary Clinton das Wasser abgraben, wird spekuliert. Die Wähler haben mehrheitlich die Nase voll vom Irak-Krieg, und Clinton hat Bush in der Kriegsfrage lange unterstützt.

Das “Phänomen Obama” begann beim demokratischen Parteikonvent 2004. Gekürt wurde damals John Kerry, im Gedächtnis aber blieb Barack Obamas Rede vom “amerikanischen Traum”: In diesem Land bestimme nicht Herkunft über das Schicksal. Amerikaner hielten trotz aller Fehler und Fehlschläge am Ideal einer freien und fairen Nation fest, sie fänden immer wieder zu sozialer Gemeinschaftlichkeit zurück. Kritiker im Ausland mögen hier naiv patriotische Töne über den “außergewöhnlichen” Charakter der Vereinigten Staaten hören; im US-Kontext klingt die Rede progressiv, denn Obama verwarf zugleich Bushs sozialdarwinistische, gegen den “amerikanischen” Traum gerichtete Wirtschaftspolitik.

In seinem Bestseller Das Wagnis der Hoffnung macht Obama Republikanern den Anspruch streitig, sie allein repräsentierten den Patriotismus und “Amerika”, und beschreibt die Geschichte einer Nation, in der ein Liberalismus mit seinen Bürgerrechten und seiner Toleranz für Andersdenkende und Andersgläubige ein uramerikanischer Wert sei und kein Fremdkörper, wie es Bush und Gesinnungsgenossen gern hätten mit ihren flaggenseligen Mythen vom gottgefälligen Land.

Obama tritt als “Anti-Politiker” auf: Man müsse sich “in die Schuhe der Betroffenen stellen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihre Eltern Medikamente nicht bezahlen könnten und Ihre Kinder in baufällige Schulen gehen müssten?” Obama tut, was der große Kommunikator Reagan vor Jahrzehnten vorführte: Er vermittelt keine Programme, sondern Visionen. Bei dem Schauspielerpräsidenten waren es die von der Rückkehr zu den vermeintlich guten alten Zeiten. Obama drückt die Zuversicht aus, dass die Amerikaner lange nicht so zerstritten seien wie die Politiker - die Streitigkeiten in Washington kämen ihm oft vor wie “Psychodramen der Babyboomer-Generation”.

Präsidenten wurden in den USA bisher nur Männer mit europäischen Vorfahren. Dass der Name Barack Obama nicht automatisch disqualifiziert, demonstriert eine gesellschaftliche Liberalisierung. Bei der “Rassenfrage” freilich läuft man in den USA schnell auf Grund. Letztmals hatte 1988 mit dem Bürgerrechtler Jesse Jackson ein Afro-Amerikaner für das Präsidentenamt kandidiert und bei den Vorwahlen gut abgeschnitten, bis er dem Parteiestablishment zu kontrovers (eben zu schwarz) erschien. Der Spagat vom schwarzen Aktivisten zum Politiker für alle gelang nicht - Weiße hören es ungern, wenn schwarze Politiker vom weißen Privileg sprechen.

Obama hingegen ist ein Schwarzer, dem viele Weiße vertrauen. “Es gibt kein schwarzes, weißes, asiatisches und Latino-Amerika, kein konservatives und liberales”, versichert er, nur die Vereinigten Staaten von Amerika. Er kommt nicht aus der Bürgerrechtsbewegung und aus keiner afro-amerikanischen Kirche, er ist - auch wenn darüber kaum gesprochen wird - offenbar vielen Weißen kulturell weiß genug (wie Colin Powell und Condoleezza Rice). Obamas Sprache ist nicht die des schwarzen Amerikas. “Mein Name kommt aus Kenia, mein Akzent aus Kansas”, denn sein Vater stamme aus Kenia, und seine Mutter sei eine Weiße aus Kansas. Er klagt nicht über Diskriminierung wegen seiner Hautfarbe, sondern lobt, es so weit gebracht zu haben, weil Amerika eine “einzigartige” Nation sei.

Ronald Reagan füllte seine hoffnungsfrohe Botschaft mit unternehmerfreundlichen Gesetzen und der Hochrüstung des Kalten Krieges. An Obamas kurzer Karriere (zwei Jahre im Senat, mehrere Jahre Abgeordneter in Illinois) lässt sich nicht ablesen, wie er den “amerikanischen Traum” konkretisieren würde. Vorerst wehrt er sich gegen “überhöhte Erwartungen”, will am “Machbaren” festhalten und fordert keinen sofortigen, sondern einen schrittweisen Rückzug aus dem Irak. Beim Wahlkampf in Connecticut, als ein demokratischer Newcomer dem kriegsbefürwortenden Senator Joseph Lieberman (Bushs bester Demokrat im Senat) zusetzte, leistete Obama Wahlhilfe für seinen Freund Lieberman.

Eigentlich hat der Vorwahlkampf noch gar nicht begonnen. Weder Hillary Clinton noch Obama haben ihre Kandidaturen offiziell erklärt, bisher sind nur John Edwards (John Kerrys Vize) und Gouverneur Tom Vilsack aus Iowa bei den Demokraten im Rennen, während im Hintergrund Al Gore steht, der sich mit seinem Ökofilm viele Freunde in der Partei gemacht hat. Clinton hat bei weitem das meiste Geld, doch wer Aufbruch möchte, dürfte bei ihr zögern. Die Ex-First Lady hat sich als “Berufspolitikerin” profiliert und ist bei den Rechten so verhasst, dass man ihr mit einer beispiellosen Hetzkampagne begegnen würde.

Bei Vorwahlen geht es um Wählbarkeit: Wer kann die demokratische Basis mobilisieren und Republikaner auf seine Seite ziehen? Wer bietet einen Neuanfang an und erschreckt die wirtschaftlichen und kulturellen Machtträger nicht zu sehr?

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 01 vom 05.01.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

08. Januar 2007

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