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Tali D’Arc

Berichterstattung über die Freilassung von Tali Fachima. Auf allen Kanälen.

Von Gideon Levy, 04.01.2007, haaretz (hebr.)

Ich rate mal: Keiner von den in die Finanzamtaffäre verwickelten Verdächtigen, so ernsthaft sie auch ist, wird zu administrativer Haft [Inhaftierung ohne Anklage, d. Übers.] und drei Jahren im Gefängnis verurteilt werden. Tali Fahima wurde dazu verurteilt. Gestern wurde die lokale Tali D’Arc aus dem Gefängnis entlassen, und die meisten Nachrichtenprogramme erfüllten ihre Informations-Pflicht in ziemlich spärlichen Meldungen. Keine grundsätzliche Diskussion über die Schwere der Strafe, keine Fragen, warum sie eigentlich im Gefängnis saß, niemand erinnerte daran, dass ein israelischer Verteidigungsminister mit Namen Shaul Mofaz diese Frau mit übler Nachrede belastete, als er sie auf skandalöse Weise, ohne irgendwelche Anhaltspunkte, beschuldigte, sie habe “teilgenommen an der Planung eines Angriffs auf Israel”, nicht weniger.

Der Berg von Anschuldigungen gegen Fahima gebar dann eine Maus in Gestalt einer lächerlichen Anklageschrift; und gestern gebar dieser Berg von einer schweren Strafe auch eine Maus an Berichterstattung in Gestalt der spärlichen Meldungen über ihre Freilassung. Die TV-Journalisten London und Kirschenbaum zum Beispiel zogen ein weit hergeholtes Gespräch über Asthma einer Diskussion über die Unduldsamkeit des Systems Grenzüberschreitungen gegenüber vor. Die Leiter des Schabak/Innen-Geheimdienstes können beruhigt sein: Nächstes Mal, wenn sie eine arglose junge Frau, die vom staatlich vorgegebenen Wege abweicht, mit unhaltbaren grundlosen Beschuldigungen überhäufen wollen, werden die Medien ihnen keine Steine in den Weg legen. Fahima hätte eine folgsame Sekretärin aus einer der “Entwicklungs”-Städte sein sollen, die alles schluckt, was Israel ihr auftischt, und den Mund hält. So tun es alle. Sie aber hielt den Mund nicht, und dafür wurde sie bestraft.

Als Zakaria Zbeideh mir zum ersten Mal von Fahima erzählte, berichtete er von einer jungen Frau, die sich in der Anwaltkanzlei, in der sie als Sekretärin arbeitete, darum bemühte, zum Flüchtlingslager Jenin zu fahren, mit Zbeideh fotografiert zu werden und unbeschadet wieder heimzukehren. Ob das so stimmt, ist ungewiss, jedenfalls fuhr Tali, und kehrte nicht unbeschadet wieder heim. Nicht Zbeideh schadete ihr, sondern der israelische Schabak, den Fahima gestern “feindliche Organisation” nannte.

Seither traf ich sie einige Male in der Küche der Familie Zbeideh, ein kleines Kind in der Fremde, eine arglose junge Frau aus Kirjat Gat, die sich nicht im Fernsehen “ein Star wird geboren” ansah, sondern hinfuhr und sich das Leben unter Besatzung ansah, eine Fahrstunde von zu Hause entfernt. Sie begann, Licht zu sehen, oder richtiger: sie sah die Schatten. Sie sah, was fast keiner in ihrem Alter je sah. Sie traf in Jenin Menschen, für einen Israeli eine unerhörte Entdeckung, sie wagte sogar, sich mit ihnen zu befreunden. Einmal gab mir Zbeideh einen Teddybären, den ich Fahima bringen sollte. ‘I love you’ stand auf diesem kindlichen Spielzeug geschrieben, das der “Terrorist” einer Freundin schickte. So etwas war natürlich für dieses System unerträglich: Eine junge Frau, noch dazu aus Kirjat Gat, fährt nach Jenin, befreundet sich mit den Einwohnern und sorgt sich auch noch um ihr Wohlergehen? Da kann das Urteil nur lauten: “Unterstützung des Feindes”.

Der Schabak klagte an, die Staatsanwaltschaft gehorchte blind, wie sie es gewohnt ist, und die Justizbehörde fällte ihr Urteil. Richtig, Fahima gab zu, ein Dokument, das die Soldaten im Lager Jenin gelassen hatten, Zbeideh und seinen Freunden vorgelesen zu haben, die sowieso Hebräisch verstehen, ein Dokument, das sie gefunden hatten und nicht Fahima. Dafür saß sie in administrativer Haft, danach wurde sie zu drei Jahren Haft verurteilt, in einem Vergleich, und das nicht bevor der Richter Shely Teiman bei der Staatsanwalt nachfragte, unglaublich, ob sie nicht die Todesstrafe für die Angeklagte beantragen wolle.

Gestern war das fehlende Medienecho die Botschaft, ausgenommen bei “Um sechs mit Oded Ben Ami” im zweiten Fernsehkanal, wo Fahima interviewt wurde und wie Edith Piaf feststellte, sie bereue nichts, wo sogar Korrespondent Yoram Binur vor der Kamera gezeigt wurde, der einige Wahrheiten zum Thema berichtete. “Dies ist eine Geschichte über geprägte Vorstellungen”, sagte Binur, und rettete so den guten Ruf des Fernsehens. Die Botschaft an junge Leute aus Kirjat Gat aber blieb auch in seinen Augen: Untersteht Euch, dorthin zu fahren, untersteht Euch, zu entdecken, dass es dort Menschen gibt, und vor allem, wagt es nicht, Euch mit dem bitterem Schicksal dieser Menschen zu identifizieren.

Deutsche Übersetzung aus dem Hebräischen: Gudrun Weichenhan-Mer

Veröffentlicht am

05. Januar 2007

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