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Bedingte Reflexe - Das Bild der Deutschen von den Russen

Von Karl Grobe

Iwan Petrowitsch Pawlow ist seit siebzig Jahren tot. Lebte er noch, so könnte er wieder einmal bemerken, dass bei den Menschen das funktioniert, was er bei den Hunden beobachtet und beschrieben hat: der nach ihm benannte bedingte Reflex. Auf gewisse politische Glockenschläge aus dem Kreml hin schiebt sich das Bild des unberechenbaren, bösen, unterwürfigen Russen vor das andere, das eine von bedeutender literarischer, musikalischer und philosophischer Tradition geformte Nation zeigt. Statt des russischen Nachbarn, eines möglichen Freundes, ist der potenzielle russische Feind wieder da. Und manche Äußerung erinnert an das hündische Sabbern, das Pawlow beschrieb.

Interessengeleitete Urteile

Das Bild des bösen Russen ist eine Projektion, zu deren Zustandekommen gewisse Erfahrungen beigetragen haben, Kriege, die eher von Berliner als von Moskauer Machthabern verursacht worden sind, was dann gern vergessen wird; Besatzung und deutsche Spaltung über vier Jahrzehnte, als ob dies nicht die Folge besagter Kriege gewesen wäre. Die Erinnerung an Gulag und stalinistische Diktatur kommt hoch, und deren Opfer werden unversehens zu Tätern, weil sie Russen waren. Die sind eben so, und alles wird zum Beweis: energiepolitische Kraftmeierei, Rückgriff auf Symbole aus Zarenautokratie und Stalindiktatur, Tschetschenienkrieg, alltäglicher Rassismus, Demokratie-Defizite, staatliche Willkür, Großmachtgehabe. Als wäre dies der russische Volkscharakter. Aber kein Volkscharakter - wenn es derlei in solcher Vereinfachung und Verallgemeinerung überhaupt gibt - ist eindeutig. Was hier als angeblich unveränderliche Charakterzüge “des Russen” beschrieben wird, geht auf Maßnahmen und Unterlassungen einer definierbaren Obrigkeit zurück, ist interessengelenkt und politisch bedingt. Das zu verstehen ist die eigentliche Aufgabe, nicht das Vor-Urteil.

Stalin war ebenso Geschöpf der neuen Klasse, der Bürokratie, wie er ihr Führer und Mitgestalter war; die stalinistische Diktatur war das Ergebnis einer genau definierbaren historischen Situation nach Weltkriegsniederlage, Revolution, Bürgerkrieg und eben der bürokratischen Konterrevolution. Dass Stalins Mittel kriminell waren, steht außer Frage; es reicht aber nicht aus, seine Verbrechen allein aus seinem bösen Charakter erklären zu wollen. In manchen russischen Kreisen greift in letzter Zeit eine gewisse Stalin-Nostalgie um sich. Sie bezieht sich ebenso wie die Breschnew-Nostalgie, über die Nabi Abdullajew am Freitag in der Moscow Times berichtete, auf genau begrenzte Aspekte der jeweiligen historischen Periode: eine ahistorische Rückwärts-Projektion auf die Zeit, in der die Sowjetunion Großmacht war. Präsident Wladimir Putin und der ihn umgebende Zirkel bedienen sich dieser Nostalgien zur Legitimation der Macht. Auch die Adoption vieler Symbole aus der Romanow-Dynastie dient dem legitimatorischen Zweck. Beides stellt aber keine Identifikation dar.

Solche Versuche, eine vermeintliche historische Kontinuität herzustellen, bei der selbstverständlich die Negativa verschwiegen werden - “bloß keine Fehlerdiskussion, Genossen!” - hängen mit der Unsicherheit über das zusammen, was Russland denn eigentlich sei. Darin schwingen alte Diskussionen mit über Westlertum und Panslawismus, über die (von Stalins Ideologen grotesk vereinfachte) Abfolge historischer Gesellschaftsformationen mit einer gemeinsamen Grundlinie und über den Sonderweg (“Drittes Rom”), den die wieder erstarkende orthodoxe Kirche mitbestimmt hat.

Das ist großenteils Ideologie. Sie ist unscharf, aber nützlich. Und nicht ungefährlich. Der Rassismus, dessen Gegenstand Tschetschenen, Aserbaidschaner, Georgier, kaukasische “Schwarzhaarige” schlechthin, Juden, Muslime und die undankbaren ukrainischen und belarussischen Verräter an der slawischen Union sind, bedient sich dieser ideologischen Rechtfertigung. Er ist nicht “allrussisches” Gemeingut; er lässt sich aber instrumentalisieren, mangels einer Blochschen konkreten Utopie.

Dynamisches Russland

Russland ist dynamischer, als es scheint. Die Zukunft des Staates ist offen; die der armen und tendenziell ärmer werdenden Mehrheit ist es nicht. Diese Mehrheit sieht keine rosenrote Perspektive und hat längst die KP-rote Zukunftsverheißung verloren; sie verfällt deswegen dem Mythos vom starken Mann, der alles zum Guten wenden werde. Diese Resignation vor den eigenen Möglichkeiten spielt dem Präsidenten in die Karten, solange er seine Rolle glaubwürdig ausfüllt. Boris Jelzin hat das zuletzt nicht getan. Er hat zudem die Förderung demokratischer Strukturen und lokaler Selbstverwaltung sträflich unterlassen, der raubkapitalistischen Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums nichts entgegengesetzt und zuletzt von seiner Entourage den Nachfolger aufbauen - ja geradezu erfinden - lassen, der seitdem als die Inkarnation des unverzichtbaren, starken Mannes auftritt.

Das ist er bedingt. Putin ist nämlich auch gezwungen, sich einer Dichotomie im engeren Zirkel der Macht zu stellen: den neuen staatlichen Monopolen einerseits, deren Verfügungsgewalt über fossile Brennstoffe und seltene metallische Rohstoffe zu aggressiver werdendem außenpolitischem Auftritt heranreift; andererseits jenen silowiki genannten Politikern in den erhalten gebliebenen, formal umgebauten Strukturen, wozu Geheimdienste und Armee zählen. Der zweite Widerspruch liegt im gespaltenen Interesse der neuen Oligarchen. Sie sind einerseits gehalten, Inlandspreise für Gas, Öl und Kohle durch sozial verträgliche Preise zu subventionieren, andererseits Profite zu maximieren, was nur auf den Märkten jenseits der Grenzen möglich ist.

Ihr nassforsches, oft erpresserisches Verhalten ist unbedingt kritikwürdig. Es ist Kritik an kapitalistischem Verhalten, nicht an russischem. Die Auseinandersetzung mit der Entwicklung in Russland muss das berücksichtigen. Sie sollte sich jedoch unter den Begriff der Förderung von Zivilgesellschaft und Demokratie stellen und antirussische Klischees unbedingt vermeiden.

Quelle: Frankfurter Rundschau   vom 16.12.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

16. Dezember 2006

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