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Indien/China: Das neue Kraftzentrum

Von Karl Grobe - Kommentar

Indiens Regierungschef Manmohan Singh hat einen Trumpf in der Hand, wenn er am heutigen Montag den mächtigsten aller Chinesen empfängt. Hu Jintao kennt dann die Nachricht schon, die Singh stärker als vorher erscheinen lässt, die Bestätigung des Atom-Abkommens zwischen Washington und Delhi. Das hatte George W. Bush im Sommer 2005 als Gastgeschenk mitgebracht; um die zweitgrößte Nation der Erde zum Verbündeten gegen die größte zu gewinnen, setzte er einige wesentliche internationale Abkommen über Nuklearfragen außer Kraft, und der Senat in Washington hat es soeben bestätigt. Der alte, von der Bush-Partei beherrschte Senat. Aber das tut nichts. Die meisten Demokraten haben’ s auch abgenickt.

Chinas Staats-, Partei und Militärchef betritt dennoch keineswegs Feindesland. Indiens politische Klasse ist selbstbewusst genug, um auf Hahnenkämpfe verzichten zu können. Selbstbewusst genug auch, um nicht den leisesten Gedanken an Unterwürfigkeit gegenüber der Supermacht am fernen anderen Ufer des Pazifik aufkommen zu lassen. Wenn von der sechzigjährigen Blockfreiheit nun, da es den Ostblock nicht mehr gibt, etwas übriggeblieben ist, dann dies: Interessenvertreter oder gar Instrument Dritter ist und wird Indien nicht. China seinerseits geht den kapitalistischen Entwicklungsweg (wie Indien auch), ohne das Symbol der roten Fahne einzumotten. Das wird aus praktischen Gründen noch gebraucht. Revolution bedeutet es nicht.

Es treffen sich in Delhi die Vertreter zweier Staaten, die erstens konkurrenzlos groß und zweitens wirtschaftlich dynamisch sind. Und beide Seiten wissen, was sie von einander zu halten haben. Die massenwirksame Illusion aus der Zeit, in der Jawaharlal Nehru und Zhou Enlai die Geschäfte führten, gemeinsam die fünf Prinzipien der Koexistenz erfanden, eine antiimperialistische Solidarität beschworen und diese in dem Freundschaftsschwur “Hindi Sini bhai-bhai” (Inder und Chinesen sind Brüder) münden ließen, sind geschichtliche Episode. Beide kennen die Unterschiede der staatlichen Interessen, beide kennen auch das sachlich Verbindende, Gemeinsame. Pragmatismus nennt man das.

Der äußert sich bei der Betrachtung dessen, was die Volkswirtschaften antreibt - Erdöl und Erdgas, Produktivkraft und Wissen. In dem Bestreben, sicheren Zugang zu den Energiequellen zu haben, sind sie Konkurrenten; was Absprachen bis hin zur Kartellbildung nicht ausschließt. Als Werkstätten und Denkfabriken, Forschungs- und Dienstleistungszentren ergänzen sie einander wenigstens so sehr, wie sie auch hier konkurrieren. Das Gemeinsame überwiegt. Der von angelsächsischem Sportsgeist angeregte Wettkampf ist eher gegenseitiger Ansporn als das, was die USA - siehe Bushs Atomvertragsgeschenk - lieber hätten: Kampf, bis einer verliert.

Das Treffen in Delhi ruft denen, die es noch nicht gemerkt oder schon wieder vergessen haben, ins Bewusstsein: Asien ist das neue Kraftzentrum der Weltwirtschaft, - im Plural, kein homogenes Gebilde. Gewiss ist Asien auch Herausforderung für die älteren kapitalistischen Staaten. Deren Vormacht bemüht sich noch, daraus kein politisches Kraftzentrum werden zu lassen, da sie ökonomisch seit Anno Japan eher in Kategorien von Rückzugsgefechten denken muss. Eine Allianz quer über den Himalaja würde auch ihre politische Dominanz beenden, sofern die Arroganz der Supermacht das nicht selbst besorgt.

Das alte Europa ist da bescheidener geworden; mit gutem Grund. Es kann freilich auf die Erfahrungen des eigenen Entwicklungsweges verweisen, der auf spezifische Weise zu Demokratie, der Verteidigung der Menschenrechte und vielleicht die Idee der internationalen Solidarität geführt hat, nach Jahrhunderten blutiger Konflikte und Jahrzehnten brutaler Diktaturen. Europa kann mahnen. Indien und China können lernen, was égalité ist: Weg zur sozialen Gerechtigkeit, Vorbedingung des Friedens. Sie müssen es lernen.

Quelle: Frankfurter Rundschau   vom 20.11.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

20. November 2006

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