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Das Rätsel Amerika

Von Gideon Levy, Haaretz, 08.10.2006

Es geschieht einmal alle paar Monate. Wie der regelmäßige Besuch eines besonders langweiligen Verwandten aus Übersee, so war Condolezza Rice also schon wieder hier. Dieselben Erklärungen, dieselben Texte ohne Inhalt, dieselbe Kriecherei, derselbe offizielle Flug dorthin zurück, wo sie herkam. Die Ergebnisse sind auch dieselben: Israel versprach im Dezember nach stürmischer Nachtdiskussion, die “sichere Passage” zwischen dem Gazastreifen und der Westbank zu öffnen. Dieses Mal ging es um die Öffnung der Karni-Kreuzung. Israel hat versprochen, sie zu öffnen. Vermutlich wird Karni nur ein bisschen mehr geöffnet werden als die “sichere Passage” die niemals geöffnet wurde, auch nicht nach dem folgenden unnötigen Besuch.

Rice ist im Laufe von anderthalb Jahren sechsmal hier gewesen - und was kam dabei heraus? Hat sie jemand danach gefragt? Fragt sie sich denn selbst?

Unverständlich ist es, wie die Außenministerin es zulässt, an der Nase herum geführt zu werden. Noch schwerer zu verstehen ist, wie die Supermacht, die sie vertritt, es zulässt, in solch sinnloser Weise zu handeln. Amerika bleibt ein Rätsel: Wie kommt es, dass die USA nichts tun, um den des gefährlichsten und längsten Konflikt in unserer Welt zu lösen? Wie kommt es, dass die einzige Supermacht der Welt, die die Macht hätte, schnell eine Lösung zu bringen, keinen Finger dafür rührt?

Was ist seit 1956 geschehen, als die USA mit einem einzigen Telefonanruf Israel dahin brachten, sich über Nacht aus dem Sinai zurückzuziehen - und zwar unmittelbar nach der Rede des stärksten israelischen Führers Ben Gurion über “das 3. Königreich Israel”? Doch jetzt, nachdem die Besatzung seit Jahren besteht und die Regierung nicht weniger von der Gnade der USA abhängig ist als in der Vergangenheit - warum schauen die USA nur zu?

Zahllose Besuche von Präsidenten und Außenministern, jede Menge von Friedensinitiativen und Friedensplänen: vom Roger-Plan zur Roadmap, via “Neubeurteilung”, vergebliche Gespräche und wolkige Erklärungen, Druck und Versprechen, Diskussionen und Entscheidungen - nichts hat sich getan. Und im Hintergrund tönt eine grundlegende Frage, die keine Antwort erhält: ist Amerika überhaupt an einer Lösung des Nahostkonfliktes interessiert? Ist es möglich, dass die Vereinigten Staaten nicht verstehen, wie wichtig es wäre, genau diesen Konflikt zu beenden?

So wie es jetzt aussieht, wünscht Amerika dies nicht. Keine Regierung Israels und sicher nicht die jetzige, die sich vor der amerikanischen Regierung fürchtet, würde sich gegen eine entschlossene amerikanische Forderung stellen, die Besatzung endlich zu beenden. Aber es gab nie einen amerikanischen Präsidenten, der die Besatzung wirklich beenden wollte. Begreift denn Amerika nicht, dass es ohne Beendigung der Besatzung keinen Frieden gibt? Frieden in der Region würde ein größerer Schlag gegen den Weltterrorismus bedeuten als jeder von den USA geführte Krieg - ob im Irak oder in Afghanistan. Warum versteht Amerika dies nicht? Hat das etwas mit der allmächtigen jüdischen Lobby zu tun, die Israel mehr Schaden zufügt als Nutzen bringt?

Das erklärte Ziel der US-Politik im Nahen Osten ist, der Region die Demokratie zu bringen. Aus diesem Grund führten die USA auch den Krieg im Irak. Selbst wenn man die Heuchelei, die Selbstgerechtigkeit und die doppelte Moral der Bushregierung ignoriert, die einige despotische Regime unterstützt, sollte man den großen Demokratiesucher fragen: wie kommt es, dass sie das am wenigsten demokratische und brutalste Regime in der Region übersieht: nämlich die israelische Besatzung in den palästinensischen Gebieten? Und wie kann das Weiße Haus den Widerspruch zwischen dem Bestreben, den Völkern der Region die Demokratie nahe zu bringen und dem Boykott der Hamas-Regierung, die in demokratischen Wahlen gewählt wurde, genau wie es Amerika gewünscht und gepredigt hatte?

Die US spricht auch hochtrabend über Frieden. Gleichzeitig warnt ihr Präsident Israel vor einem Versuch, mit Syrien Frieden zu machen. Hier nimmt Amerika einen Standpunkt ein, der nicht nur ein Abkommen nicht voranbringt, sondern es unterläuft. Seitdem es begann, Israel bei der brutalen Besatzung der palästinensischen Gebiete freie Hand zu lassen, wurde es zu einer Partei, die der ganzen Welt undemokratische Werte vermittelt. Wo sind die Zeiten, in denen man sich vor jeder militärischen Aktion in Jerusalem Sorgen über die US-Reaktion machte? Damals dachte Israel zweimal darüber nach, bevor es liquidierte und inhaftierte. Jede Zerstörung eines palästinensischen Hauses und jede nächtlicher Neuaufbau einer Siedlung ließ Ängste hochkommen, wie Onkel Sam wohl reagieren würde. Und nun - eine carte blanche! Da gibt es Blankochecks für jede kriegerische Aktion Israels. Soll dies denn auch Bemühungen für den Frieden, für die Demokratie genannt werden?

Die letzten Jahre sind für Amerika nicht gut gewesen. Durch den “Führer der freien Welt” wird es von der Welt immer mehr verachtet. Nicht nur Südafrika, Asien und Afrika empfinden ihm gegenüber Feindseligkeit, auch die öffentliche Meinung Europas hat sich von ihm abgewandt. Fragt sich jemand in der Regierung, warum die Welt Amerika so sehr hasst? Und welche Auswirkungen dieses wachsende globale Gefühl auf die Stärke der USA in der nächsten Zukunft haben wird? Kann der Dollar, das Kriegsbeil und die F-16-Bomber auf alles die Antwort sein?

Im Nahen Osten hätte die USA eine Möglichkeit, sein Image vollständig zu ändern: von einem Kriegstreiber zu einem Friedensstifter. Und wie reagiert die USA auf diese Herausforderung? Sie senden Rice, damit sie dem aufgeregten Ehud Olmert erzählt, wie leicht sie bei den unnötigen und lächerlichen Flügen in den Nahen Osten und vom Nahen Osten einschlafen kann.

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs.

Veröffentlicht am

19. Oktober 2006

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