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Nordkoreas Atomtest - Alarm bei den Nachbarn

Von Karl Grobe

Seit Montag, 10.36 Uhr Ortszeit (5.37 Uhr in Mitteleuropa) ist Nordkorea Nuklearmacht. Es ist der Zeitpunkt, an dem im Testgebiet im Nordosten des Landes ein nuklearer Sprengsatz unterirdisch gezündet wurde. Seismographen in vielen Ländern haben die Erdstöße aufgezeichnet und gemessen. Den Ort des Tests konnten sie mit einer Genauigkeit von rund zehn Kilometern bestimmen.

Was dort genau explodiert ist, lässt sich weniger genau herausfinden. Dass es ein atomarer Sprengsatz war, teilten das Fernsehen und die amtliche Nachrichtenagentur in Pjöngjang fast umgehend mit. Russische Spezialisten bestätigten es wenig später. Wie stark er war, ist umstritten. Die Russen gehen von einer Sprengwirkung aus, die zwischen fünf und 15 Kilotonnen des herkömmlichen Explosivstoffs TNT liegt. So äußerte sich Verteidigungsminister Sergej Iwanow.

Halbe Kilotonne Sprengkraft

US-Wissenschaftler rechnen jedoch aus den Kurven der Erdbebenmesser nicht mehr als 0,55 Kilotonnen heraus und weisen darauf hin, dass die einzigen Nuklearwaffen, die jemals militärisch eingesetzt worden sind, 15,5 bis 21,5 Kilotonnen stark waren - die Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Die niedrige Zahl beruhigt nur auf den ersten Blick - wenn sie zutrifft. Je kleiner ein nuklearer Sprengkörper ist, desto einfacher ist es, ihn mit einer Rakete zu transportieren.

Derzeit nimmt allerdings kein Kenner der Verhältnisse an, dass den nordkoreanischen Nukleartechnikern schon eine solche “Miniaturisierung” gelungen ist. Der militärische Nutzen der Atomsprengkörper, die Nordkorea nun erstmals getestet hat, ist demnach gering. Eine Abschreckung gegen die USA - mit diesem Argument haben die Machthaber in Pjöngjang bisher die nuklearen Bemühungen verteidigt - leisten sie nicht. Japan ist weit genug entfernt, um Flugzeuge oder Schiffe mit A-Waffen rechtzeitig orten und abfangen zu können. Südkorea aber ist erreichbar; die Hauptstadt Seoul, in deren Einzugsbereich etwa ein Viertel aller Einwohner des Landes lebt, ist nur einige Dutzend Kilometer von der Grenze entfernt.

Der Wert - wenn es einen solchen überhaupt geben kann - des nordkoreanischen Tests ist zunächst symbolisch und politisch. Er trifft mit zwei Jahrestagen zusammen. Der 8. Oktober ist neunter Jahrestag des Aufstiegs von Kim Jong Il in das höchste Parteiamt, der 10. ist 61. Gründungstag der Partei, die über alles gebietet. Die aus Pjöngjang verbreitete “Erfolgsmeldung” nimmt keinen Bezug darauf, doch solche Jubiläen sind den Nordkoreaners genau so gut bekannt wie der Mangel in den staatlichen Verkaufsstellen: Manchmal hat es zum gegebenen Anlass nahrhafte Sonderzuteilungen gegeben.

Die politische Bedeutung des Tests, dem möglicherweise weitere folgen, ist größer als die symbolische. Nicht nur China, das angeblich knappe 20 Minuten vor der Tat informiert worden ist, sieht sich brüskiert. Auch die Nachbarn Japan und Südkorea sind herausgefordert. Die drei Mächte hatten gerade erst jeweils zweiseitige Gipfeltreffen abgehalten und jede für sich versucht, Nordkorea das Experiment auszureden. Der “Geliebte Führer” Kim Jong Il hat gegen sie das demonstriert, was er für Stärke hält.

Kehrtwende in Südkorea

Südkoreas Präsident Roh Moo Hyun reagierte mit einer Stellungnahme, die nicht viel weniger als eine Kehrtwende bedeutet. Nordkorea kann von einer Fortsetzung der “Sonnenscheinpolitik”, der immer freundlich gesinnten Zusammenarbeit, nicht mehr ausgehen.

Ob mit einem Kurswechsel auch eine neue Einschätzung des Bündnisses mit den USA verbunden ist, bleibt unklar. Seoul wird möglicherweise nicht mehr darauf beharren, die operative Leitung der gemeinsamen Streitkräfte in die Hand zu bekommen; bisher führen sie die USA, und zwar seit dem Koreakrieg. Das Bündnis gewährt Südkorea für den Fall der Aggression Schutz durch den “Atomschirm” der USA. Der gilt auch für Japan im Rahmen des Sicherheitsabkommens zwischen Tokio und Washington. Japans Premier Shinzo Abe hat gelegentlich geäußert, der eventuelle Einsatz von Atomwaffen zur Landesverteidigung sei mit der japanischen Verfassung durchaus vereinbar.

Atommächte

  • USA: Mehr als 5000 einsatzfähige Sprengköpfe für strategische Waffen, mehr als 1000 für taktische Waffen und rund 3000 Sprengköpfe in Reserve.
  • Russland: Fast 5000 strategische und rund 3500 taktische Sprengköpfe, mehr als 11 000 eingelagerte Sprengköpfe.
  • Frankreich: Etwa 350 strategische Sprengköpfe.
  • China: Bis zu 250 strategische und 150 taktische Sprengköpfe.
  • Großbritannien: Rund 200 strategische Sprengköpfe. Indien: 45 bis 95 Sprengköpfe.
  • Indien: 45 bis 95 Sprengköpfe.
  • Pakistan: 30 bis 50 Sprengköpfe.
  • Israel: Bestätigt offiziell nicht, dass es Atomwaffen besitzt. Arsenal wird auf bis zu 200 Sprengköpfe geschätzt.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 10.10.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

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Veröffentlicht am

11. Oktober 2006

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