Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Der Heilige Outlaw - zum 85sten Geburtstag von Pater Daniel Berrigan

Daniel Berrigan, ein Leben für den Frieden

Von Daniel Berrigan und Amy Goodman - Democracy Now! / ZNet 08.07.2005

Wir sprechen heute mit Pater Daniel Berrigan - seit einem halben Jahrhundert einer der führenden Friedensaktivisten Amerikas. Dieses Wochenende versammeln sich in New York Hunderte Menschen, um seinen 85sten Geburtstag zu feiern. Wir sprechen mit ihm über sein Leben - Jesuitenpriester, Poet, Pazifist, Sozialaktivist, Lehrer, Stückeschreiber und lebenslanger Widerständler gegen den so genannten “amerikanischen Militärimperialismus”.


Amy Goodman: Unser nächster Gast ist seit einem halben Jahrhundert einer der führenden Friedensaktivisten Amerikas.

1968 reiste er gemeinsam mit Howard Zinn nach Nordvietnam, um drei amerikanische Kriegsgefangene heimzuholen.

Im selben Jahr machte er landesweit Schlagzeilen, als er und acht Mitbrüder in Catonsville, Maryland Wehrakten verbrannten.

1970 lebte er vier Monate im Untergrund - auf der Flucht vor dem FBI.

Anfang 1980 half er mit, die internationale Pflugschar-Bewegung Plowshares Movement . gegen Atomwaffen auf den Weg zu bringen. Er und sieben Mitstreiter drangen in die Atomraketenanlage von General Electrics in King of Prussia in Pennsylvania ein, übergossen die dortigen Gefechtsköpfe mit Blut und hämmerten auf sie ein.

Die Rede ist natürlich von Pater Daniel Berrigan - Jesuitenpater, Poet, Pazifist, Lehrer, Stückeschreiber, Sozial- und Bürgerrechtsaktivist, ein Mann, der dem so genannten “amerikanischen Militärimperialismus” ein Leben lang Widerstand geleistet hat.

Gemeinsam mit seinem inzwischen verstorbenen Bruder Phil hat Daniel Berrigan in den 60er Jahren eine gewichtige und inspirierende Rolle in der Antikriegs- und Antiwehrpflicht-Bewegung gespielt, ebenso in der Antinuklearbewegung.

Chester Gillis, Theologieprofessor an der Georgetown University, sagte einmal über Pater Berrigan: “Sucht man die katholischen Propheten des 20. Jahrhunderts, so stößt man unweigerlich auf ihn, Dorothy Day oder Thomas Merton”.

An diesem Wochenende trifft man sich in New York zur Feier des 85sten Geburtstages von Daniel Berrigan.

In wenigen Minuten werden wir mit Pater Berrigan sprechen. Beginnen wir jedoch mit der 35 Jahre alten Dokumentation “The Holy Outlaw’, Regie Lee Lockwood, in deren Mittelpunkt neben Daniel Berrigan auch der Historiker Howard Zinn steht (…)


Amy Goodman:
Pater Daniel Berrigan, willkommen bei Democracy Now!

Daniel Berrigan: Danke.

Amy Goodman: Sie sind heute circa so alt wie Ihre Mutter damals in dem Film, den wir gerade sehen. Was ist das für ein Gefühl, sie wiederzusehen?

Daniel Berrigan: Hm, bewegend wie immer, sie war so klar und so eindeutig auf unserer Seite - zu einer Zeit, als das sehr Wenige taten.

Amy Goodman: Können Sie uns etwas zu Ihrer ersten Entscheidung sagen - in Catonsville beziehungsweise vor der Sache in Catonsville - ich meine, die Entscheidung, es zu tun? Was machten Sie damals gerade, und wie kam es zu der Entscheidung?

Daniel Berrigan: Ich lehrte damals in Cornell, dann kam Philip an. Er wartete auf seine Verurteilung für Aktionen in Baltimore 1967, sie hatten ihr Blut über Wehrpflichtigenakten gegossen. Er kam also nach Cornell und teilte mir ganz cool mit, er und einige andere planten, so etwas noch einmal zu tun. Der Mut und die Kühnheit meines Bruders hauten mich wirklich um: das (erste) Urteil nicht einfach hinzunehmen, vielmehr zu sagen, “wir unterstreichen die erste Aktion durch eine zweite”. Auch ich war “eingeladen”. Ich dachte intensiv nach und sagte dann, “gib mir ein paar Tage Zeit, ich möchte mich mit den Pro und Kontras der Sache auseinandersetzen”. Ich fing an zu meditieren und legte mir die Gründe dafür und dagegen dar. Mir wurde dabei sehr bewusst, die Chancen, die Einladung waren weit ausschlaggebender, als alles andere, ich musste es also durchziehen. Ich gab ihm Bescheid, ja, sagte ich, ich bin dabei, und wir taten es.

Amy Goodman: Das war nach Nordvietnam?

Daniel Berrigan: Richtig, im Mai 1968. Ende Januar, Anfang Februar war ich in Hanoi.

Amy Goodman: … zusammen mit dem Historiker Howard Zinn.

Daniel Berrigan: Genau.

Amy Goodman: Sie setzten sich für die Freilassung von Kriegsgefangenen ein?

Daniel Berrigan: Ja, wir brachten drei Flieger heim, die dort gefangen und eingesperrt waren, eine Art Friedensgeste der Vietnamesen - mitten im Krieg. Es war während der so genannten Tet-Feiertage, einem traditionellen Familienfest. Sie wollten, dass auch diese Flieger wieder mit ihren Familien vereint sein sollten.

Amy Goodman: Die Sache in Catonsville - war es das erste Mal, dass sie gegen amerikanische Gesetze verstießen?

Daniel Berrigan: Nein, 1967 war ich im Pentagon, ich glaube, es war im Oktober. McNamara warnte uns noch, wir sollten verschwinden, viele von uns wurden verhaftet. Wir saßen einige Wochen im Gefängnis, eine ziemlich harte Sache. Wir fasteten. Wir saßen im Gefängnis von Washington D.C., ein sehr gemischter Ort. Ich hatte also schon im Jahr davor einen kleinen Vorgeschmack bekommen.

Amy Goodman: Sie und Ihr Bruder Phil Berrigan verband eine merkwürdige Beziehung zu dem damaligen Verteidigungsminister McNamara. Sie haben mit ihm gesprochen, ihm geschrieben, ihn getroffen, stimmt´s?

Daniel Berrigan: Stimmt. Ich traf ihn so um 1965 - auf einem Wohltätigkeitsabend bei den Kennedys. Es war ein sehr vornehmes Dinner, ein Willkommensdinner, ich war gerade aus Lateinamerika zurück. Einer der Kennedys sagte, sie hätten gerne, dass ich vor allen Leuten mit dem Kriegsminister diskutiere, und wir taten es. Man bat mich, ich sollte die Sache anfangen, also sagte ich zum Minister: “Da Sie den Krieg heute Morgen nicht gestoppt haben, vielleicht machen Sie es heute Abend?”, in der Art. Er sah an meinem linken Ohr vorbei und sagte: “Nun, ich sage es Pater Berrigan und jedem hier: Vietnam ist wie Mississippi: Wenn sie sich nicht an die Gesetze halten, werden Truppen reingeschickt”. Dann hielt er inne. Als ich am nächsten Morgen nach New York City zurückkehrte, sagte ich zum Sekretär des Magazins, das wir damals herausgaben - halte das doch bitte stenografisch fest, in zwei Wochen werde ich nicht mehr glauben, dass ich das wirklich gehört habe: Auf meine Bitte, den Krieg (in Vietnam) zu stoppen, sagte der Minister: “Vietnam ist wie (der Bundesstaat) Mississippi: Wenn sie sich nicht an die Gesetze halten, werden Truppen reingeschickt”. Dabei galt er (McNamara) noch als ihr hellster Kopf, ein Zauberlehrling, von allen im Kabinett respektiert, und so weiter und so fort. Und der redet daher wie der Sheriff von Selma, Alabama. Wessen Gesetz? Wessen Gesetz wurde nicht Folge geleistet? Das war das Niveau, auf dem dieser Krieg geführt wurde.

Amy Goodman: Also gingen Sie nach Catonsville, in das dortige Wehrerfassungsbüro. Verbrennen von Einberufungsbescheiden - davon hat man ja gehört -, aber was Sie taten, war das Verbrennen der Wehrakten. Sie gingen mit einer Gruppe rein. Einigen dieser Leute - Sie sagten bereits, Sie waren zuvor im lateinamerikanischen Exil -, ging es wohl eher um das, was die US-Regierung in Guatemala und anderen Orten tat und weniger um Vietnam, korrekt?

Daniel Berrigan: Korrekt.

Amy Goodman: Warum waren Sie eigentlich im lateinamerikanischen Exil?

Daniel Berrigan: Damals fanden in New York eine Menge Kontroversen statt, eine sehr heiße Szene. Es fing circa um 1967, 1968 an. Ich glaube, ich wurde rausgeworfen, nachdem sich dieser junge Catholic Worker Roger LaPorte in New York geopfert hatte. Er ging zu den Vereinten Nationen und verbrannte sich. Die ganze Catholic-Worker-Szene war natürlich entsetzt über dieses schreckliche Ereignis. Sie wollten einen Gedenkgottesdienst abhalten und baten mich, die Messe zu lesen. Im Verlauf (des Gottesdienstes) äußerte ich Zweifel, ob der Kardinal wirklich Recht hatte, wenn er sagte, es war Selbstmord. Meiner Meinung nach wissen wir es nicht, sagte ich. Meiner Meinung nach könne es so eine Art verirrtes Heldentum sein: lieber sein eigenes Leben hingeben, als das Leben anderer zu nehmen. Das wurde natürlich publik, und sie reagierten panisch, panisch - die Oberen der Erzdiözese von New York und meines eigenen Ordens, meine ich. Sie sagten, wir müssen - er muss - jedenfalls ist er eine heiße Kartoffel, wir müssen ihn aus der Stadt schaffen.

Amy Goodman: Wohin kamen Sie ins Exil?

Daniel Berrigan: Nun, ich bekam ein One-way-ticket nach Lateinamerika. Ich war dort ungefähr fünf Monate lang, bereiste mindestens zehn Länder. Über die vorgefundenen Zustände berichtete ich an meine New Yorker Redaktion. Sie hatten einen Fehler gemacht, denn es gab eine Menge Publicity - nicht nur in der katholischen Gemeinde, sondern landesweit. Also sah man sich genötigt, mich zurückzuholen. Ich kehrte zurück - unter der Bedingung, dass ich meine Friedensarbeit fortsetzen könnte. Okay, okay, sagten sie.

Amy Goodman: Und wie Sie das taten - mit aller Kraft! Wie viele Jahre waren Sie nach Catonsville im Gefängnis?

Daniel Berrigan: Ich glaube, circa zwei Jahre.

Amy Goodman: Dann gründeten Sie gemeinsam mit Ihrem Bruder Phil die Pflugschar-Bewegung. Ihre erste Aktion fand 1980 in King of Prussia, Pennsylvania, statt. Erzählen Sie uns doch bitte, was Sie damals in der Fabrik von General Electrics machten.

Daniel Berrigan: Ich erinnere mich, wir trafen uns das ganze Frühjahr bis zum Herbst - Thema war die Produktion einer ganz neuen Waffe, der so genannten Mark 12A. Sie machte wirklich nur in einem Atomkrieg Sinn, eine Erstschlagsatomwaffe, produziert in einer anonymen Anlage, einer riesen-, riesengroßen Fabrik in King of Prussia, Pennsylvania. Davor hatte noch nie jemand versucht - noch nie in der Geschichte der Antinuklearbewegung - die Produktion einer neuen Waffe zu verhindern. Mithilfe von Experten wie Daniel Ellsberg wurde uns klar, dies war keine Bombe vom Typ Hiroshima-Bombe, sondern etwas völlig anderes. Hier wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen - in diesem Gruselkabinett. Also beschlossen wir, wir würden im September 1970 reingehen. Und wir haben’s gemacht.

Amy Goodman: Sie meinen, im September 1980?

Daniel Berrigan: Entschuldigung, im September 1980.

Amy Goodman: Was meinen Sie mit “wir haben’s gemacht”?

Daniel Berrigan: Nun, wir wussten nicht, wo, in dieser riesigen Fabrik, die Waffen versteckt waren. Um die Waffen zu finden, war Gottvertrauen nötig, und tatsächlich haben wir sie sehr schnell gefunden. Wir gingen einfach bei Schichtwechsel mit den Arbeitern rein, die vorgefundenen Sicherheitsvorkehrungen waren wirklich nicht der Rede wert. Reinkommen war einfach. Nach circa drei Minuten erblickten wir das Jüngste Gericht: die Waffe stand vor uns. Es handelte sich um einen nicht scharfen Gefechtskopf, der kurz darauf nach Amarillo in Texas verschifft werden sollte, um dort scharf gemacht zu werden. Im Moment war es eine harmlose Waffe. Wir machten sie kaputt, sie war sehr fragil, dazu gemacht, die Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auszuhalten, die reinste Eierschale, wirklich. Unser Motto war Jesaias, 2: Schwerter zu Pflugscharen umschmieden. Und genau das taten wir. Drum herum vergossen wir unser Blut. Dann stellten wir uns im Kreis auf und beteten das Vaterunser, bis, wie erwartet, Armageddon losbrach.

Amy Goodman: Sie kamen vor Gericht?

Daniel Berrigan: Wir kamen vor Gericht und wurden verurteilt - das ging zackzack -, dann die Strafe, drei bis zehn Jahre. Zehn Jahre lang waren wir auf Bewährung auf freiem Fuß. Das Verfahren war eine solche Farce, dass der Staat Pennsylvania wirklich nicht wusste, was er damit anfangen sollte. Das ging immer so weiter. Dann landete die Sache 1990 vor einen pensionierten Richter. Anscheinend hatte er alles irgendwie leid und erklärte die Strafe für verbüßt.

Amy Goodman: Hat der Regisseur De Antonio nicht einen Film über das Verfahren gedreht?

Daniel Berrigan: Stimmt.

Amy Goodman: Und Sie spielen darin sich selbst?

Daniel Berrigan: Stimmt, Martin Sheen spielte den Richter. Philip und ich sagten ihm danach, er habe nicht sehr gut gespielt - nicht böse genug.

Amy Goodman: Ihr Bruder spielte also den Richter?

Daniel Berrigan: Nein, Martin Sheen.

Amy Goodman: Ach so, Martin Sheen spielte den Richter und Phil sich selbst.

Daniel Berrigan: Yeah.

Amy Goodman: Damit nahm eine Bewegung ihren Anfang, die bis heute existiert: Menschen mit Blut und Hämmern, die in Waffenfabriken eindringen.

Daniel Berrigan: Interessant ist, dass die letzte Aktion vor drei Jahren im Dubliner Shannon-Airport stattfand. Eine Gruppe Leute vergoss ihr Blut und beschädigte symbolisch einen amerikanischen Truppentransporter. Das Flugzeug sollte in Shannon heimlich aufgetankt werden - auf dem Weg in den Irak. Das dritte Verfahren in dieser Sache findet übrigens im Juli 2006 statt Der Friede vor Gericht .

Amy Goodman: Pater Dan, wir sind - wir sind am Ende unserer Sendung angelangt, bitte bleiben Sie noch bei uns, wir werden im Anschluss den zweiten Teil unseres Gesprächs aufzeichnen, für unsere Zuhörer und Zuschauer im ganzen Land. Pater Daniel Berrigan hat kürzlich seinen 85. Geburtstag gefeiert, und an diesem Wochenende wird in New York gefeiert - in der Saint Ignatius Loyola Church, Park and 83rd Street, Samstagabend ab 19 Uhr. Wir verlinken die Veranstaltung auf unserer Website.

Quelle: ZNet Deutschland vom 08.08.2006. Übersetzt von: Andrea Noll. Originalartikel: Holy Outlaw: Lifelong Peace Activist Father Daniel Berrigan Turns 85 .

Fußnoten

Veröffentlicht am

09. August 2006

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von